Lesen, schreiben, die Welt bereisen - An der Grundschule Barienrode lernen Kinder mit Kim Känguru
Dienstag, 5. Mai 2026 - 07:52 Uhr
Ein sonniger Nachmittag an der Grundschule Barienrode. Der Himmel ist blau, auf der Wiese blühen Tulpen, Narzissen und Hyazinthen und in der Bibliothek, bunt gefüllt mit Kinderbüchern, versammeln sich vier Grundschulkinder um einen Gruppentisch. An der Wand hängt eine Weltkarte mit Wunsch-Sternen (Ich wünsche mir lesen lernen, ich wünsche mir vorlesen lernen) und in der Mitte sitzt Kuschelkänguru Kim. Gemeinsam mit den Kindern wird sich Kim in den nächsten 90 Minuten auf Weltreise begeben. Wer weiß, welches Tier sie heute treffen werden - einen Elefanten? Einen Delfin? Oder doch ein Pferd, wie es sich eine Schülerin aus der Runde schon lange wünscht (denn Pferde sind ihre Lieblingstiere)?
Was die Kinder der Reisegruppe verbindet: Lesen, Schreiben und Konzentration fällt ihnen schwer. Deshalb wirkt die Schule für sie oft wie ein Alltag voller Hürden. Sie verstehen im Unterricht, worum es geht – aber beim Schreiben sind Regeln wie weggeblasen, Texte werden anstrengend und die Aufmerksamkeit springt immer wieder von Gedanke zu Gedanke. Häufig folgt darauf eine Spirale aus Misserfolgen: Die Lernfreude sinkt, das Selbstvertrauen bröckelt und auch zuhause wird Lernen zunehmend zum Konfliktthema. „Hier setzen wir mit unserem Programm Das Lernen steuern mit Kim Känguru an,“ sagt Dr. Kirsten Schuchardt, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim und Projektkoordinatorin. Das Projekt ist der Hochschulambulanz KiM (Kind im Mittelpunkt) unter der Leitung von Prof. Dr. Claudia Mähler zugeordnet.
„Viele Kinder wissen eigentlich, was richtig wäre – aber sie bekommen es im entscheidenden Moment nicht zuverlässig auf’s Papier. Unser Programm hilft ihnen, den Lernweg dahin planbar zu machen.“ Das Programm ist für Kinder von Mitte der zweiten bis Mitte der vierten Klasse konzipiert. Die Kinder arbeiten in einer festen Kleingruppe mit bis zu fünf Teilnehmenden und zwei Therapeut*innen. „Die Gruppe bietet dabei genug Struktur, um konzentriert zu lernen und gleichzeitig genug Raum, damit jedes Kind individuell unterstützt werden kann,“ erklärt Carolin Terporten, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim und Projektkoordinatorin. Die Kinder treffen sich regelmäßig in ihrer Gruppe und erleben dabei eine Mischung aus klarer Anleitung, spielerischen Elementen und konkretem Üben. Die Eltern erhalten parallel Wissen und praktische Werkzeuge, um ihr Kind zuhause so zu begleiten, dass Lernzeiten planbarer und konfliktärmer werden. „Uns war wichtig, dass das Training nicht nur im Therapieraum funktioniert“, sagt Terporten. „Es soll in den Schul- und Familienalltag hineinwirken – Schritt für Schritt, aber spürbar.“
Daher setzt das Projektteam, unterstützt von Studierenden, die die Trainings mit den Kindern durchführen, die Einheiten nicht nur in der Hochschulambulanz um, sondern bringt Kim Känguru auch direkt an die Schule. Zum Beispiel im Hildesheimer Dorf Barienrode. „Im Schulalltag erleben wir viele Kinder, die mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen haben,“ berichtet Gabriela Bergeest, Schulleiterin der Grundschule Barienrode. „Diese Kinder benötigen eine besondere Unterstützung und Förderung, auch im Hinblick auf ihr eigenes Selbstvertrauen.“
Viele Kinder mit Konzentrations- und Planungsschwierigkeiten arbeiten impulsiv, übersehen Anweisungen oder vergessen beim Schreiben Regeln, die sie eigentlich kennen. Deshalb lernen sie mit Kim Känguru von Anfang an eine wiederkehrende Schritt-für-Schritt-Strategie, die ihnen durch sogenannte Steuerkarten sichtbar gemacht wird. Diese Karten führen die Kinder durch fünf Arbeitsschritte: Stopp – Was soll ich tun?, Wie ist mein Plan?, Schritt für Schritt zum Ziel, Stopp – Überprüfen und Super! Gut gemacht! Parallel dazu wird im Programm gezielt an der Rechtschreibung gearbeitet. In jeder Sitzung steht eine konkrete Rechtschreibregel im Zentrum, die kindgerecht eingeführt und geübt wird. Die Inhalte orientieren sich an wichtigen Themen aus der Grundschule. Dazu gehören die Schreibweise von ch und sch, Groß- und Kleinschreibung, tz und ck, qu sowie sp und st. Vermittelt werden die Inhalte spielerisch – durch lachende Fische, einen Buckelwal im Blitzlicht, eine Qualle oder springende Stiere. Ein weiteres zentrales Element ist das Silbenschwingen (nahbar gemacht durch einen schwimmenden Delfin): „Viele Kinder profitieren davon, wenn Sprache nicht nur gesehen, sondern auch gehört und körperlich erlebt wird,“ betont Schuchardt. Beim Silbenschwingen sprechen die Kinder Wörter, teilen sie in Silben und verbinden das mit einer rhythmischen Bewegung im Raum. Dadurch wird die Struktur von Wörtern greifbarer. „Für Kinder, die im Sitzen schnell abschweifen oder die Wortaufbau und Rechtschreibmuster schwer erfassen, kann dieser Zugang eine wichtige Brücke sein. Er unterstützt sowohl das Lesen als auch das Schreiben, weil er hilft, Wörter klarer zu gliedern und bewusster wahrzunehmen.“
Damit das Training motivierend bleibt, ist es in eine Rahmengeschichte eingebettet: Die Identifikationsfigur Kim Känguru (als Kuscheltier vor Ort dabei) begibt sich auf eine Weltreise und trifft dabei verschiedene Tiere. Im Raum hängt eine große Weltkarte, die die Reise sichtbar macht. Die Kinder sammeln Stempel in einem Reisepass und sehen Fortschritte von Woche zu Woche. Terporten erklärt: „Stempel gibt es nicht nur für richtige Lösungen, sondern vor allem für konstruktives Mitmachen und dafür, Aufgaben wirklich zu bearbeiten.“ Nach erfolgreichem Abschluss des Trainings, das aus insgesamt zwölf Einheiten (innerhalb von zwölf Wochen) besteht, bekommen die Kinder ihr eigenes Kim-Känguru-Kuscheltier, das mit nach Hause darf. „Wir bekommen viel Feedback von Eltern und Kindern, dass Kim Känguru auch nach dem Training eine große Rolle zuhause spielt und wie eine tägliche Erinnerung wirkt, dass Lernen Freude machen kann und die Kinder stolz auf sich sein dürfen,“ sagt Bergeest.
Kim Känguru macht sich auch an diesem Nachmittag auf den Weg. Mit einem Schiff geht es über den Ozean. Immer im Wechsel darf ein Kind aus der Runde das Kuschelkänguru halten und macht die Bewegungen nach, wenn sich Kim zum Beispiel über die Reling beugt, weil sie im Wasser Fische entdeckt hat (die einen Trick kennen, wie man mit -sch und -ch richtig umgeht).
Neben Struktur und Schriftsprachförderung spielt auch die emotionale Seite des Lernens eine wichtige Rolle. „Viele Kinder haben schon früh gelernt, sich selbst als schlecht in der Schule zu sehen,“ sagt Schuchhardt. Das Programm setzt deshalb Gegenakzente: Im letzten Teil jeder Sitzung gibt es kurze Übungen, die Stärken sichtbar machen und Selbstvertrauen aufbauen. Das kann kreativ sein, mit Powerspruch-Fahnen, Mutsteinen oder Superkräfte-Bildern, oder sozial, durch Komplimente und wertschätzendes Feedback in der Gruppe. „Das Ziel ist nicht eine bloße Wohlfühlstimmung, sondern eine realistische, tragfähige Zuversicht: Ich kann lernen, ich kann mich verbessern und ich bin mehr als meine Fehler,“ erläutert Terporten. „Wir wollen, dass Kinder am Ende sagen können: Ich kann etwas tun, damit es besser läuft. Diese Erfahrung ist oft der Wendepunkt.“
Auch dass das Training direkt an der Schule stattfindet ist eine Entlastung – für Eltern und Kinder: „Kinder, die Lernschwierigkeiten mitbringen, haben neben dem ohnehin für sie anstrengenden Schulalltag oft viele Nachmittagstermine, wie Aufmerksamkeits- oder Schreibtrainings. Das ist für sie ein zusätzlicher Stressfaktor, da sie kaum Zeit für sich haben. Ebenso sind die Eltern den ganzen Tag unterwegs und bringen die Kinder zu den Terminen,“ erläutert Bergeest. Kim Känguru vereint Elemente beider Trainings und ist ins Ganztagsangebot der Schule integriert. „Im Anschluss an die Lehreinheit haben die Kinder dann wirklich Freizeit – ein wichtiger Aspekt, wenn es um Motivation und Spaß an der Sache geht.“ Zu den Einheiten in der Grundschule Barienrode kommen bereits Kinder aus den Nachbardörfern Diekholzen und Söhre. Langfristig soll Kim Känguru aber auch an weitere Schulen in der Region reisen.
Ergänzt wird das Kindertraining durch Angebote für die Eltern. Diese greifen typische Belastungssituationen auf, die in vielen Familien entstehen, wenn Hausaufgaben nicht klappen, der Nachmittag durch Zeitdruck geprägt ist oder Gespräche über Fehler schnell eskalieren. Die Eltern erhalten verständliche Informationen zu Lern- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, vor allem aber konkrete Strategien für den Alltag. Schuchardt betont: „Das Elterntraining ist kein zusätzlicher Druck. Es ist eine Einladung, Dinge einfacher zu machen – mit Klarheit, passenden Erwartungen und alltagstauglichen Werkzeugen.“
In der Anwendung zeigt das Programm eine gute Wirksamkeit, die Terporten im Rahmen ihrer Promotion im Detail erforscht: Schriftsprachleistungen verbessern sich, ebenso Aufmerksamkeit und Handlungsplanung. „Das bedeutet im Alltag oft nicht nur bessere Ergebnisse, sondern auch spürbar mehr Ordnung im Lernprozess, weniger Frust und mehr Selbstvertrauen, Anforderungen bewältigen zu können,“ sagt Schuchardt. „Das beobachten wir auch im Unterricht,“ ergänzt Bergeest. „Die Kinder gehen positiv gestärkt in den Schulalltag und können ihre Schwierigkeiten besser regulieren. Sie sind in ihrem ganzen Verhalten selbstbewusster und haben wieder Freude am Lernen.“ Das berichten die Kinder auch selbst: „Ich freue mich immer auf Kim Känguru“, „Ich möchte nicht, dass es vorbei ist“, „Ich kann schon ganz viel!“ Eben der letzte Punkt ist eins der zentralen Projektziele: „Kim Känguru soll ein Gefühl vermitteln,“ erklärt Terporten. „Das Gefühl für die Kinder, auch wenn ich etwas noch nicht kann, kann ich schon ganz viel und habe Stärken, die ich hier zeigen kann.“
Zum Abschluss der Stunde wird gemeinsam gesungen. Das Lied von Kim Känguru kennen alle Kinder auswendig. Sie singen und lachen und springen (kängurumäßig) durch den Raum. Welches Tier sie nächste Woche treffen werden? Das bleibt vorerst ein Geheimnis.
Eindrücke aus der Reise mit Kim Känguru gibt es bei Instagram.