Lernen, wie man Menschen durch Kunst verändert

Freitag, 13. Februar 2015 um 07:28 Uhr

„Es geht darum, einen Raum der Kunst zu schaffen, der gleichermaßen Schutz und Freiraum ist, emotional und intellektuell“, so Jens Hillje. Er wollte in Hildesheim lernen, „wie man eine Situation schafft, die Menschen verändert durch Kunst". Der Dramaturg vom Gorki-Theater erinnert sich an seine Studienzeit an der Hildesheimer Universität. Wie sie den Übergang vom Studium in den Berufsalltag erleben – Isa Lange hat bei Absolventen und Studenten nachgefragt.

Clara Ehrenwerth, 27 Jahre, eine der letzten Diplom-Absolventinnen, aufgewachsen in Erfurt, studierte „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ an der Uni Hildesheim. Während des Gesprächs ruft sie einer Bekannten zu: „Mensch, nee, warum auch. Wir treffen uns nicht in Leipzig, sondern in Hildesheim, obwohl wir in Leipzig 200 Meter voneinander entfernt wohnen.“ Sie sagt über den Einstieg in den Berufsalltag:

„Ich bin seit einem halben Jahr freiberuflich tätig und schlage mich durch. Ich komme ganz gut mit Kunst über die Runden, ich schreibe. Ich arbeite zum Beispiel als Autorin mit dem Theater-Game-Kollektiv 'machina ex' zusammen, das vor einigen Jahren hier an der Uni in Hildesheim entstanden ist. Wir haben gerade ein Stück über Überwachung in Mannheim produziert. Fast jeder hat ja mittlerweile ein Smartphone dabei, wir schauen uns das mit künstlerischen Mitteln an, machen sichtbar, das ist ein anderer Zugang als mit Statistik und Zahlen oder darüber ein Essay oder einen Roman zu schreiben. Als nächstes starten wir ein Projekt in Berlin. Ich arbeite auch regelmäßig mit meinem Kommilitonen Victor Kümel als ‚Ehrenwerth & Kümel‘ zusammen. Ich habe damals das Literaturfestival 'Prosanova' und die Literaturzeitschrift 'Bella triste' gemeinsam mit Studenten produziert. Schon da haben Victor und ich Seite an Seite gearbeitet, nun entwickeln wir gemeinsam – als Veranstalter und Kuratoren – neue Literaturformate, zum Beispiel zum Stadtjubiläum das Projekt MEGAPIXEL Hildesheim. Wir dokumentieren Alltag in Hildesheim und begleiten an einem Tag drei Menschen, schießen jede Minute Bilder. Drei Autoren entwerfen daraus literarische Figuren. Ob die Kamera hilft, das Leben zu einer sinnvollen Erzählung werden zu lassen? Ich möchte nicht in einer festen Institution arbeiten. Nebenbei arbeite ich auch als Literaturveranstalterin und denke mir Literaturkonzepte aus. Alles was ich heute mache, baut auf meinem Studium, auf den sieben Jahren hier in Hildesheim auf, ich empfinde die Zeit extrem als Grundstein für das, was ich nun mache. Ich beobachte weiterhin, was hier in Hildesheim passiert, war gerade beim Literaturfestival dabei. So langsam sind alle weg, die ich kenne – aber ich behalte ein Auge auf Hildesheim.“

Cathleen Tischoff, 27 Jahre, hat Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Kunst, Medien und Psychologie studiert, eine der letzten Diplom-Absolventinnen der Universität Hildesheim:

„Wie mein Alltag derzeit aussieht und wie ich den Übergang ins Berufsleben gestalte? Ich habe mich hochschulpolitisch engagiert und hole nun einiges an Kunstprojekten nach, zum Beispiel Lichttechnik im Theater. Ich bin als visual artist aktiv und zeichne mit einer Lichtsoftware live. Ich war studentische Hilfskraft bei Markus Lochthofen und Hanni Borchert in der Theatertechnik, da habe ich viel gelernt. Ich habe versucht, alles mitzunehmen, was es an technischen und methodischen Möglichkeiten gibt, um künstlerisch tätig zu sein. Das Studium ist eine Mischung aus Konzentrationswillen, die Prüfungen am Ende erfolgreich abzuschließen und den Freiraum auszunutzen, den man im Studium noch hat. Vielleicht sattel ich einen Master 'Kunsttherapie' auf – ich bin kein Mensch, der mit dem Lernen aufhört.“

Hans Peters, 26 Jahre, aus Bielefeld, Ost-Westfalen, studiert noch im Bachelor Kulturwissenschaften mit den Fächern Theater und Musik, macht sich zurzeit Gedanken wie es beruflich einmal weitergeht:

„Meine Mitstudierenden machen gerade ihren Abschluss. Ob man darüber spricht, wie es einmal beruflich weitergeht? Viele haben eine Idee, wo sie gerne als erste Station landen würden. Von Lehrenden und Absolventen erfahre ich, dass man wohl nicht nur einen Job macht sondern viele, nicht nur gleichzeitig, auch nacheinander. Ich arbeite in der Theaterpädagogik, in Projekten spiele ich mit Kindern aus Einwandererfamilien Theater, mit einem Schwerpunkt auf Sprache, gemeinsam mit der AWO in Löhne. Wir greifen auf Kinderbücher zurück oder adaptieren zum Beispiel 'In 80 Tagen um die Welt' als Kinderstück. Das wird glaube ich ein Berufsfeld für mich werden können. Es ist definitiv wichtig, dass ich während des Studiums im echten Leben unterwegs bin. Was die Uni ausmacht, das erlebt jeder Student ab dem ersten Semester: Ich nehme aus den Seminaren Theorie mit und bin dann selber aktiv. Ich habe zum Beispiel eine Übung 'Regieführung in der Theaterpädagogik' bei Thomas Lang besucht. Da habe ich gelernt, Schauspieler zu beobachten. Wenn ich weiß, wie die Schauspieler sind, jeder anders, dann kann ich die Stärken von jedem aufgreifen, lenken, so dass am Ende ein künstlerisches Ergebnis entsteht.“

Christoph Winter, 27 Jahre, aus Basel, Hildesheimer Absolvent im Master „Literarisches Schreiben“, promoviert nun in Berlin:

„Den Literatur-Studiengang gibt es nur viermal im deutschsprachigen Raum – Leipzig, Wien, Biel, das ist ein kleines Kaff, und in Hildesheim. Ich habe es hierher geschafft. Ich hatte viele Freiheiten um wissenschaftlich und künstlerisches zu arbeiten und habe die Möglichkeit, eigene Projekte zu reflektieren. Ich befasse mich mit Schreibweisen in Social Media und wie bei Facebook und Twitter literarische Kommunikation stattfindet, dazu habe ich meine Abschlussarbeit geschrieben. Das klassische Autorbild wird etwas aufgehoben, es geht in die Richtung: Jeder ist Autor. Hildesheim war eine gute Basis, ich merke aber nun in Berlin, dass es mir hier wesentlich leichter fällt, professionelle Projekte, Lesungen, Theater zu erleben. Nun promoviere ich an der Universität der Künste in Berlin, ich lese gerade sehr viel. “

Hildesheim als Erfahrungsraum: Jens Hillje vom Gorki Theater in Berlin über seine Studienzeit. Foto: Esra Rotthoff

Dramaturg Jens Hillje spricht zu Kulturwissenschaftsabsolventen

„Das Wesentliche ist nicht der Titel und das Stück Urkundenpapier. Entscheidend ist vielmehr, was Sie aus Ihrem Studium und den Hildesheimer Jahren gemacht haben, welche Projekte Sie entwickelt haben und welche Denkmodelle Sie sich erarbeitet haben. Den Lehrenden der Universität hat es großes Vergüngen bereitet, mit Ihnen zu diskutieren und gemeinsam zu lernen und an Ihren künstlerischen Positionen zu arbeiten“, sagte Professor Jens Roselt, Dekan des kulturwissenschaftlichen Fachbereichs, Ende Januar im voll besetzten Audimax. Er freue sich, dass 300 Absolventen – darunter 133 Diplom, 133 Master und 34 Bachelor – Wert darauf legen den Studienabschluss gemeinsam zu begehen. Zum letzten Mal wurden in der Geschichte der Universität Diplomurkunden übergeben, seit 2008 lösen Bachelor- und Masterstudiengänge das Diplom ab. Die letzten Diplomprüfungen wurden im November abgenommen. 

1979 wurde mit der Kulturpädagogik der erste künstlerisch-wissenschaftliche Studiengang in Deutschland gegründet. „Alles weitere, was hier an der Universität in Sachen Kunst und Kultur passiert, ist aus diesem Mutterstudium hervorgegangen – Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis, Kreatives Schreiben, Szenische Künste“, so Roselt. Universitätpräsident Wolfgang-Uwe Friedrich wies auf die Stärkung der Kulturwissenschaften hin, um breite Bildung zu ermöglichen, so wurden neue Professuren eingerichtet und die Domäne Marienburg ausgebaut, seit kurzem sind die Philosophie und Kulturpolitik auf dem Burggelände verortet. „Vielfältige berufliche Perspektiven stehen Ihnen offen“, so Friedrich mit Verweis auf den Festredner des Abends. Jens Hillje hat in Hildesheim Kulturwissenschaften studiert und saß auch in den Politikseminaren des heutigen Unipräsidenten, wo sie die Umbrüche und Wiedervereinigung sowie die rassistischen Ausschreitungen 1990 diskutierten.

Heute leitet Jens Hillje gemeinsam mit Shermin Langhoff das Maxim Gorki Theater in Berlin. Der Dramaturg machte in Hildesheim deutlich, welche Aufgaben vor den Kulturabsolventen liegen und appellierte, ästhetische und politische Praxis zu verbinden. „Es geht darum, einen Raum der Kunst zu schaffen, der gleichermaßen Schutz und Freiraum ist, emotional und intellektuell“, so Hillje, der in Berlin mit einem multikulturellen Ensemble zusammenarbeitet, dessen Spielerinnen und Spieler zum Beispiel aus der ehemaligen Sowjetunion, Israel und Serbien kommen, die „deutsch-türkisch, deutsch-russisch, Ossi, Wessi, schwul, hetero“ seien und sich in ihren Stücken mit der gesamten Stadt in ihrer Vielfalt auseinandersetzen.

Vorgänge wie der Krieg in der Ukraine, in Gaza und Demonstration von „Pegida“ (direkt am Theater vorbei) betreffen das Ensemble unmittelbar und sprengen das tägliche Arbeitsleben, so Hillje mit bewegter Stimme. Nach der ersten Spielzeit wurde das Gorki „Theater des Jahres“. „Wir versuchen, ein offenes Theater herzustellen, das auf eine offene und freie Gesellschaft hinwirkt. Eine Uridee des kulturpädagogischen Studiengangs, gewissermaßen sind wir alle Theater des Jahres“, so der Dramaturg.

„Was ich wollte als ich nach Hildesheim kam? Lernen, wie man eine Situation schafft, die Menschen verändert durch Kunst. Mich interessiert am Theater: Wer schaut wie auf wen? Wie werden Machtverhältnisse verhandelt? Grenzen sollten wir als produktiven Raum begreifen, den es zu gestalten und zu verhandeln gilt“, so Jens Hillje. „Die Kette glücklicher Chancen muss man zu nutzen wissen, ich habe im Studium gelernt, eigenverantwortlich zu gestalten und mich durchzukämpfen. Hinzu kommt diese Stadt Hildesheim, dieser einzigartige Erfahrungsraum existenzieller Langeweile hat dazu beigetragen, dass wir Banden bildeten – die Grundlage für alles, was dann im Theaterbetrieb bei mir passiert ist. Am Deutschen Theater hatte ich die Gelegenheit zu sagen: Nein, ich will kein Praktikum machen, ich habe kein Abschluss, aber wir wollen aus Ihrem Studio ein Theater machen – entstanden ist die 'Baracke', mit der wir dann in der zweiten Spielzeit ‚Theater des Jahres‘ wurden“, so der Dramaturg.

Künste kann man nicht in Module stampfen. In Projekten lernen Studierende der Kulturwissenschaften Verlässlichkeit und Umgang mit menschlichen Konflikten, sagt Professorin Birgit Mandel. Norbert Mierzowsky von der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung über aktuelle Ergebnisse aus der neuesten Absolventenstudie: „Kultur: Wir kommen! Absolventen der Universität bestimmen in der bundesdeutschen Kulturszene maßgeblich mit" (HiAZ, 06.02.2015).


Kultur, wir kommen! Die Absolventinnen Cathleen Tischoff und Clara Ehrenwerth (im Bild mit Lucas Humann und Anton Rose, der im Master Inszenierung der Künste und Medien in Hildesheim studiert) sowie Student Hans Peters über den Übergang von der Universität ins Berufsleben. „Alles was ich heute mache, baut auf meinem Studium in Hildesheim auf, ich empfinde die Zeit extrem als Grundstein", sagt Ehrenwerth. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim