Leipziger Buchmesse 2024: Hildesheimer Debüts im Portrait

Donnerstag, 14. März 2024 um 09:48 Uhr

Auf der Leipziger Buchmesse 2024 ist die Universität Hildesheim mehrfach vertreten. Luna Ali, Inga Machel und Marco Ott feiern ihre Debüts; Thea Mengeler und Alina Herbing präsentieren bereits ihre zweiten Romane. Im Vorfeld ihrer Lesungen gewähren vier Autor*innen Einblicke in das, was sie antreibt und verraten, was sie mit ihren Texten erreichen möchten. Dieser Beitrag widmet sich drei Debüts. Inga Machel ist für den Leipziger Buchpreis 2024 nominiert. Luna Ali und Marco Ott werden im Rahmen der Langen Leipziger Lesenacht am 21. März in der Moritzbastei – Schwalbennest lesen, jeweils ab 18 Uhr (Luna Ali) und 20 Uhr (Marco Ott). Anfragen für Interviews können an kommunikation@uni-hildesheim.de gesendet werden.

Inga Machel: „Auf den Gleisen“

Die 1986 geborene Autorin Inga Machel lebt in Berlin. Sie studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, war freiberuflich als Rundfunkautorin und Lektorin tätig und ist außerdem Heilpraktikerin für Psychotherapie. „Auf den Gleisen“ (Rowohlt Verlag) ist ihr erster Roman, er stand kurz nach Erscheinen bereits auf der SWR Bestenliste und ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2024. Ihre Erzählung „Lieber A.“ wurde mit dem New German Fiction Prize ausgezeichnet und erschien bei Matthes & Seitz als E-Book sowie als „Dear A.“ in der Übersetzung von Donal McLaughlin bei Readux Books. Auf Tegel Media veröffentlichte sie die Story „Being with Paul“.

Inga Machel setzt sich in ihrem Debüt mit den Themen „Suizid“ und „Trauma“ auseinander, ohne diese direkt zu benennen, denn – so Machel im Gespräch – „diese Kategorisierungen reduzieren Erfahrungen auf Begriffe, die verkürzend wirken.“ Sie möchte ihren Leser*innen nicht diktieren, was diese zu verstehen haben, sondern ihnen ermöglichen, selbst eine Erfahrung zu machen. So erzählt sie aus der Sicht von Mario, der seinen Vater durch dessen Suizid verliert und auf der Straße P. kennenlernt; letzterer dient Mario als Projektionsfläche für sein Bedürfnis einer Vater-Sohn-Beziehung, er versucht anhand des Kontaktes zu P., das Trauma des Verlassenwerdens und Verlassenseins zu heilen.

Machel macht darauf aufmerksam, dass Menschen aus zwar nachvollziehbaren Gründen der Sicherheit und Stabilität dazu neigen, ihre Umwelt und auch Mitmenschen mit Labeln zu versehen, die allerdings immer reduzierend sind. Dabei wird eine gesellschaftliche „Norm“ reproduziert, die alles Abweichende ausgrenzt und abqualifiziert.

Drei Fragen an Inga Machel

  1. Auf welche Art und Weise ergibt das im Klappentext erwähnte „Sinnlose“ am Ende doch „Sinn“?
    Ich würde dem „Sinnlosen“ und dem „Sinn“ wohl ein „vermeintlich“ voranstellen. Tod, Schmerz, Verlust sind Erfahrungen, auf die fast immer mit einem „Warum?“ reagiert wird. Mario allerdings zeigt den Leser*innen, dass diese Erfahrungen auch Bewegung und Entwicklung nach sich ziehen und somit durchaus einen „Sinn“ haben. Da, wo etwas verschwindet, entsteht auch etwas.
  2. Von welchem Traumaverständnis wird im Text ausgegangen und wo stehen Medizin und Gesellschaft gerade?
    Ich treffe keine eigene Schlussfolgerung für das Verwenden dieses Begriffs. Bislang gibt es auch in der Medizin kein wirklich normatives Verständnis von „Trauma“, was dieses Jahr im ICD-10 steht, ist nächstes Jahr vielleicht schon wieder obsolet. Ich habe die Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie gemacht, um zu sehen, wie sich die Begrifflichkeiten entwickeln. Das Verständnis für Trauma und seine Definition werden jetzt erst geformt.
  3. Wie ist im Roman das Verhältnis zwischen Leben und Tod?
    Es geht  um den Tod, ja, aber auch und vor allem um das Leben. Die Leser*innen können Mario, seinen Vater und P. beim (Über-)Leben erfahren. Der Roman ist lebendig. Deshalb gibt es auch helle Momente der Hoffnung, der Kraft und des Humors. Ich finde der Roman ist stellenweise extrem komisch – es darf angesichts der Absurdität unserer Existenz durchaus gelacht werden.

Luna Ali: „Da waren Tage“

Luna Ali wurde 1993 in Syrien geboren und studierte Anthropologie an der Universität Leipzig, Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis in Hildesheim und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Seit 2012 ist sie Kuratorin des Kulturprogramms des Fuchsbau Festivals. Sie arbeitete als Autorin unter anderem an Produktionen an den Schauspielhäusern Düsseldorf, Dortmund, Hannover sowie in Berlin. Am 13. März 2024 erschien nun ihr erster Roman „Da waren Tage“ im Fischer Verlag.

Für Luna Ali ist das Schreiben ein Mittel, ihre eigene Lebensrealität zu verstehen; zugleich prägen Schreibprozesse für sie diese Lebensrealität stets aufs Neue. „Aras“, den Protagonisten ihres Debüts, erschafft sie in Anlehnung an ihren älteren Bruder: Sie greift die eigene Lebensrealität auf, erzielt zugleich aber den Effekt, die eigene Erfahrung zu abstrahieren.  Ähnlich geht sie mit dem Thema ihres Romans, dem Syrien des Jahres 2011, um; der Roman spielt in Deutschland, Aras studiert im ersten Semester Jura und kann das Schicksal seiner syrischen Familie über digitale Medien für sich selbst wahlweise ‚aus- und einschalten‘. Über ihn handelt die Autorin den Umgang mit Nähe und Distanz anhand ihres eigenen Herkunftslandes aus.

Sie stellt Fragen und sucht nach Antworten: Dabei ist das Thema ihres Textes nicht „Syrien“. Es geht vielmehr um grundsätzliche Fragen nach der Definition von „Recht“, danach, wann das eigene Handeln politisch wird; lediglich die Wand, an die sie ihre Antworten beamt, heißt „Syrien“.

Drei Fragen an Luna Ali

  1. Was lässt sich anhand von unserem Umgang mit Syrien aufzeigen?
    Dass die syrische Realität für die meisten Deutschen nicht Teil des kollektiven Bewusstseins ist und wir uns deshalb die Frage stellen müssen: „Wie ist aus der Realität Fiktion geworden?“ Auch wenn Syrien vor Jahren viel medial begleitet wurde, haben die meisten Menschen in Deutschland nur noch die IS in Erinnerung, wissen darüber hinaus wenig über das Land.
  2. Was führt dazu, dass Aras sich in Deutschland fremd fühlt?
    Auch wenn Aras sich nicht über Nationalitäten definiert, so tun andere dies leider doch. Diesen Lebensrealitäten anderer Personen muss man sich stellen; so auch Aras, wenn er auf dem Weg zu einem Einführungsseminar nach dem Ausweis gefragt wird. Die eigene Innensicht trifft somit immer wieder auf die Außensicht der anderen. Die Frage nach dem eigenen Ich beantworte ich deshalb mit: „Das Ich ist keine Einheit, es besteht aus Fragmenten: Nicht alles, was wir nach außen vermitteln oder wie wir von anderen wahrgenommen werden sind wirklich wir.“
  3. Wie beeinflussen die syrischen Ereignisse Aras‘ Leben in Deutschland?
    Es gibt zwei Facetten, wie dies geschieht: Auf unfreiwilliger Basis: Damit meine ich alles das, was durch unsere Außenwelt und durch Dritte an ihn herangetragen wird, genauer gesagt die Politik und die Gesellschaft, in denen er lebt, die ihm deshalb aufgezwungen werden. Auf freiwilliger Basis: Aras‘ Umgang mit der Situation – sein Handeln – sucht er sich selbst aus; so etwa, wenn er für seinen syrischen Onkel eine Verpflichtungserklärung organisiert oder seine Mutter dabei unterstützt, eine Demonstration für den Jahrestag der syrischen Revolution zu planen.

Marco Ott: „Was ich zurückließ“

Marco Ott, 1993 in Dinslaken geboren, studiert in Hildesheim Literarisches Schreiben und Lektorieren im dritten Mastersemester. Im Anschluss an sein Abitur lebte er drei Jahre lang in Berlin. Bewerbungen an der Filmhochschule in Babelsberg blieben erfolglos. Im Anschluss an Stationen in Leipzig und einem literaturwissenschaftlichen Studium in Frankfurt am Main, studiert er seit 2019 an der Universität Hildesheim. Sein Debüt „Was ich zurückließ“ erschien am 19. Februar 2024 im Verlag Edition W.

„Autosoziobiografisch“ gemäß Annie Ernaux ist hingegen Marco Otts Erstling: Er verknüpft die eigene Biografie mit gesellschaftlichen Problemlagen. Somit ist ein Erzählen über gesellschaftliche Probleme für ihn immer auch ein Erzählen über sich selbst und umgekehrt.

Marco Otts Roman ist eine Annäherung an das eigene Leben und dessen Darstellung eine verschriftlichte Aufforderung an das Bildungsbürgertum, sich in die Personengruppe der Arbeiterklasse hineinzuversetzen, der seine Eltern angehören und die ihn selbst als Konsequenz maßgeblich prägte. Dabei waren nicht ausschließlich eigene Erfahrungen tragend, sondern auch die soziologische Theorie Pierre Bordieus zum Habitus. Auch „Rückkehr nach Reims“, die 2016 in deutscher Sprache veröffentlichten Memoiren Didier Eribons, sind für den Debütanten ausschlaggebend.

Ähnlich fragmentarisch ist für Marco Ott auch jede einzelne Person: Menschen eignen sich bestimmte Charakterzüge, aufgrund ihres individuellen Lebensweges, an. Die unterschiedlichen Milieus, die Marco Ott durchlaufen hat, haben ihn alle gleichermaßen geprägt: Neben den frühen Erfahrungen aus dem Elternhaus steht der Besuch einer Gesamtschule und die Selbstfindungsphase im Zusammenhang mit der universitären Bildungsbiografie.

Drei Fragen an Marco Ott

  1. Wer ist Annie Ernaux für Sie?
    Sie ist mein literarisches Vorbild: Ihr Genre wird als ‚Klassenliteratur‘ bezeichnet und ist somit eines, dem ich mich selbst auch zuordnen würde. Zugleich macht sie Dinge über sinnliche und ästhetische Ausgestaltung erfahrbar.
  2. Welche Funktion erfüllen Ihre Eltern Stand heute für Sie? Wie würden Sie Ihre aktuelle Beziehung am Treffendsten beschreiben?
    Für mich ist der Kontakt mit meinen Eltern ein Element meiner eigenen Identität, das sonst verkümmern würde. Dieses Selbst, das nachhaltig durch mein Aufwachsen geprägt wurde, kann ich mir bewahren. Der Kontakt zum eigenen Kind ist meiner Meinung nach immer wichtig.
  3. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Eltern vor und nach der Buchveröffentlichung?
    Nicht durch die Veröffentlichung, sondern durch die Vorarbeit hat sich etwas geändert. Welchen Einfluss mein Roman auf unsere Beziehung längerfristig haben wird, kann ich noch nicht sagen. Für mich ist das Schreiben aber ein Umweg, über den ich wieder mit meinen Eltern in Kontakt treten kann.

Marco Ott; Foto: privat

Inga Machel; Foto: Burak Isseven

Luna Ali; Foto: Paul Lovis Wagner

Links: Inga Machel; Foto: Burek Isseven; Mitte: Marco Ott; Foto privat; rechts: Luna Ali; Foto: Paul Lovis Wagner