Bildungs- und Sozialforschung: Wie wir uns der Realität annähern

Samstag, 27. Februar 2016 um 10:30 Uhr

Ob in der Kita, Familie oder Schule, im Jugendzentrum oder im Altenheim: Wer ethnographisch forscht, beobachtet vor Ort, was sich abspielt, sagt Professorin Kathrin Audehm. Etwa 170 Fachleute tagen an der Uni Hildesheim: Wie gewinnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten im „Feld“, wie halten sie dennoch Distanz?

Sie gehen raus – ihre Forschung findet nicht am Schreibtisch statt, sondern in der Wirklichkeit, im „Feld". Im Wohnzimmer einer Familie, in der Kinder mehrsprachig aufwachsen. In der 2. Schulklasse, die sich um ein gutes Klassenklima bemüht. Während einer Schulkonferenz, in der Zeugnisnoten besprochen werden. In einer WG der Jugendhilfe, die Jugendliche auf dem Weg in das Erwachsenenleben unterstützt.

Wer ethnographisch forscht, nimmt teil, hält Beobachtungen schriftlich fest und wertet die Daten dann aus und schreibt. Die Methoden sind mittlerweile vielfältig. Während Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich heute eher wiederholt und für jeweils kürzere Zeit in einheimische Felder begeben oder transnational und vergleichend beobachten, bedeutete ethnographische Feldforschung vor 100 Jahren noch einen langen Aufenthalt von etwa zwei Jahren in einer fremden Kultur.

„Bestimmte Dinge lassen sich nur schwer erfragen, sind den Befragten oft auch nicht bewusst oder eine Erwähnung wert, wie zum Beispiel Körperhaltungen und Bewegungen in Gebäuden und auf Plätzen, Selbstverständliches oder Gewohntes, die Routinen und tatsächlichen Regeln des Alltags. Die ethnographische Forschung trägt Daten nicht von außen an ihre Forschungsfelder heran, sondern beobachtet direkt vor Ort, was sich abspielt", so die Erziehungswissenschaftlerin Kathrin Audehm. „Dabei können immer Überraschungen passieren. Es kommt darauf an, sich auf diese einzulassen und nicht mit vorgefassten Meinungen und Überzeugungen ins Feld zu gehen und diesen zu folgen. Die Schwierigkeit besteht darin, eine Nähe zu den Personen im Feld aufzubauen, zu ihren Ansichten und Aussagen, ihren Rhythmen, ihren Zeiten und Orten und dennoch reflexive Distanz zu wahren", sagt die Hildesheimer Professorin.

In dieser Woche kommen etwa 170 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur fünften Tagung der deutschsprachigen ethnographischen Bildungs- und Sozialforschung an der Universität Hildesheim zusammen.

Die Fachleute reflektieren dabei den eigenen Zugang zum „Feld": Wie erforscht man, was in Kindergärten, Schulen und Jugendeinrichtungen oder in Familien geschieht?

Die Fachleute befassen sich auf der Tagung „Ethnographie der Praxis – Praxis der Ethnographie" (22. bis 24. Februar 2016, Programm und Abstracts online) mit der Frage, wie sie Themen entwickeln, welche empirische Forschungsfelder in das Blickfeld der Wissenschaft geraten und welche Haltung sie zum Feld einnehmen. Sie reflektieren die Eigenart und Standards ethnographischer Analysen und Beschreibungen.

Professor Georg Breidenstein (Halle) spricht auf der Tagung über die ethnographische Forschungspraxis, die sich „in vielen Varianten um Praktiken der Feldforschung, manchmal auch der Datenanalyse dreht". Der Erziehungswissenschaftler beschäftigt sich mit der Frage, wie Forscher Daten gewinnen und wieder auf Distanz zum Feld gehen, wie sie an Protokollen arbeiten und Überraschungen entdecken. Sein Vortrag beschäftigt sich mit Routinen in der Forschung und dem „Interpretieren" von Beobachtungsprotokollen.

Wie erhalten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Zugang zum Feld und mit welcher Haltung gehen sie ins Feld? Mit dieser Frage befasst sich der Hildesheimer Erziehungswissenschaftler Peter Cloos. Der Professor für frühe Kindheit hat unter anderem untersucht, wie Lernprozesse in Kitas dokumentiert werden und wie Kinder auf Beobachtung reagieren.

Mit der Rolle der Forscherin bzw. des Forschers im Forschungsprozess beschäftigen sich Katharina Mangold und Hanna Rettig. Sie zeigen anhand ihrer Dissertationsprojekte, in denen sie sich mit Jugend und transnationalen Erfahrungen beschäftigen, ob die Anwesenheit der Forscherin das Geschehen beeinflusst. Die Hildesheimer Wissenschaftlerinnen verwenden den Begriff „inbetween" und sehen es als Leistung des Ethnographen/der Ethnographin, die Spannung zwischen Teilnahme und Beobachtung und zwischen Drinnen- und Draußen-Sein aufrechtzuerhalten.

Über die eigenen Rollen im Feld spricht auch die Berliner Wissenschaftlerin Grit Petschick. Die Feldforschung stellt Bedingungen an die Forschenden, neben Ort und Zeit sind dies Fragen der Finanzierung (Wie viel Feldforschung wird finanziert?) und allgemeine formale Fragen des Zugangs zum Feld. Ist eine Familie, eine Schulklasse, ein Altenheim etwa bereit, die Türen zu öffnen für die Forschung? „Auch andere Faktoren, wie das Alter der Forschenden und ihre bisherige Ausbildung können eine Rolle für die Position im Feld spielen und damit zwischen Nähe und Distanz bzw. beobachtender Teilnahme und teilnehmender Beobachtung entscheiden", so Petschick.

Die Konferenz greift auch internationale Fragen auf. In dem Vortrag „Paris. Eine soziale Geographie der Gewalt" befasst sich Fabien Jobard vom Centre Marc Bloch (Berlin) mit den Terroranschlägen in Paris im November 2015. Die neuere Gewaltforschung weist seit einigen Jahren auf die entscheidende Rolle des Raumes in der Entstehung und Entfaltung von Gewalt hin, sagt Jobard. In solchen „Gewalträumen" präge physische Gewalt den Alltag und die Wahrnehmungen der Menschen. In seinem Vortrag widmet sich der Politikwissenschaftler einem „friedlichem Raum, der aber von einer hohen Gewaltintensität auf einer sehr engen Fläche betroffen wurde".

„Wir erwarten spannende Vorträge und Diskussionen und erhoffen uns auch Anregungen für unser nächstes Hildesheimer Projekt. Jessica Schülein und ich wollen die materiellen Dimensionen der Schulkultur einer Ganztagsschule erforschen. In einer ethnographischen Einzelfallstudie wollen wir untersuchen, welche Bedeutung Architekturen, Räume, der Umgang mit Mobiliar und Medien, die Kleidung, Gesten oder das gemeinsame Mittagessen für die Hervorbringung von Geschlechtlichkeit haben", blickt die Erziehungswissenschaftlerin Kathrin Audehm auf anstehende Forschung. Die Professorin arbeitet auf dem Gebiet der pädagogischen Anthropologie und ethnographischen Bildungsforschung. Sie analysiert unter anderem Macht- und Autoritätsverhältnissen in pädagogischen Institutionen und Organisationen. Kathrin Audehm hat im Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ an der Freien Universität Berlin mitgewirkt und in der „Berliner Ritualstudie" untersucht, wie Rituale und Gesten in Bildung und Erziehung wirken. Die Forscherinnen und Forscher sind „ins Feld gegangen" und haben Familien, Jugendeinrichtungen und Schulen aufgesucht. Audehm hat dabei vor allem Rituale in Familien erforscht und betrat damals wissenschaftliches Neuland, denn solche Analysen lagen bisher in Deutschland nicht vor.

Wer sich für ethnographische Bildungsforschung interessiert, kann Kontakt zu Prof. Dr. Kathrin Audehm aufnehmen (05121.883-10110, ethno@uni-hildesheim.de).

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


In dieser Woche kommen etwa 170 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur fünften Tagung der deutschsprachigen ethnographischen Bildungs- und Sozialforschung an der Universität Hildesheim zusammen. „Die Schwierigkeit besteht darin, eine Nähe zu den Personen im Feld aufzubauen und dennoch reflexive Distanz zu wahren", sagt Professorin Kathrin Audehm über die Forschung. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim