Kulturpolitik in Ägypten: „Viele Künstler halten die Luft an“

Dienstag, 24. Februar 2015 um 15:20 Uhr

Kulturpolitikprofessor Wolfgang Schneider weist in Kairo, Ägypten, auf die Bedeutung der Zivilgesellschaft und der Künste in politischen Umbrüchen hin. Doch die Zensur drohe nun, die künstlerische Freiheit einzuschränken. Dennoch setzen Forscher ihre Kooperationen fort. Derzeit laufen Planungen für den ersten arabischen Masterstudiengang für Kulturpolitik und Kulturmanagement. Die Universität Hildesheim ist als einzige europäische Einrichtung beteiligt. solche Projekte seien nur durch rege Begegnungen und Vertrauen möglich, so Schneider.

Unruhe und Umbrüche sind eine Herausforderung – und eine Gelegenheit für kulturpolitisch Aktive, die sich für den Aufbau eines stärker unabhängigen Kultursektors und für politische Reformen einsetzen.

Dafür brauchen Künstlerinnen und Künstler einen langen Atem, etwa in Ägypten. „Im Moment wird nicht nur langer Atem gefordert, sondern die Luft angehalten. Die Kulturakteure erleben, dass sich ihre Lage stetig verschärft. Manche Kultureinrichtungen verlieren ihre Lizenz zum Arbeiten“, sagt Professor Wolfgang Schneider und beobachtet einen „roll-back“. Die Aufbruchstimmung – die sich seit dem ersten Tag der Protestwellen 2011 auch in Graffitis, Performances und Theater zeigte –, die schönen Ideen nach dem Sturz von Mubarak, wie man sich kulturpolitisch neu aufstellen kann, seien durchkreuzt worden durch die Mursi-Administration. Diese habe Kultur unter religiösen Gesichtspunkten definiert, Frauen und Männer sollten getrennt an Kulturveranstaltungen teilnehmen. Das sei nach einem erneuten Regimewechsel jedoch das kleinere Übel, berichtet Schneider von Gesprächen mit Kulturschaffenden in Kairo. „Denn die Zensur droht nun, die künstlerische Freiheit einzuschränken und alle zu gefährden, die sich kritisch mit den Verhältnissen auseinandersetzen, etwa Künstler und Wissenschaftler.“

Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim, spricht in dieser Woche in Kairo auf einer großen kulturpolitischen Diskussionsveranstaltung über die Rolle der Zivilgesellschaft in der Kulturpolitik. Es sei nicht möglich, kulturpolitische Entwicklungen ohne den politischen Kontext zu betrachten, so Schneider. „Die Frage ist, wie man von dem top-down-Prinzip wegkommt. In vielen arabischen Staaten wird der Kultursektor dominiert von Kulturministerien und dem Staat. Ministerien definieren, was Kultur ist und leiten daraus kulturpolitische Maßnahmen ab. Sie entscheiden, welche Kultur gefördert wird. Wie schafft man es, Kulturpolitik demokratisch zu organisieren, so dass Künstler und Kulturvermittler nicht nur beteiligt sind, sondern ihnen auch ermöglicht wird, sich selbst zu organisieren“, fragt Wolfgang Schneider in Kairo.

Zivilgesellschaftliche Organisationen stünden unter besonderem Fokus, Schneider erinnert an die Schließung des ägyptischen Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung und die Verurteilung der Mitarbeiter aus Nicht-Regierungsorganisationen. „Ausländische Kulturinstitutionen sind vorsichtiger geworden, was ihr öffentliches Auftreten, die Einladungspolitik und Öffentlichkeitsarbeit betrifft.“

Dennoch laufen Projekte weiter. Wolfgang Schneider erarbeitet mit seinem Team und Partnern von der „Arab Cultural Policy Group“ vor Ort derzeit den ersten arabischen Masterstudiengang für Kulturpolitik und Kulturmanagement. Das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim ist der einzige ausländische Partner. Der Studiengang wird an der Universität in Casablanca eingerichtet, derzeit verhandeln die Beteiligten ein „Memorandum of Understanding“. Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es bisher kaum Ausbildungsprogramme im Bereich Kulturmanagement. Wie man das Arbeitsumfeld für Künstler gestalten kann, wie die Infrastruktur ausgebaut, Künste vermittelt und Menschen durch die Künste erreicht werden können, das sind einige der Studieninhalte. Studierende kommen außerdem in Hildesheim in einer Summer School zusammen, pro Semester lehrt ein Forscher aus Hildesheim in Casablanca.

„Wir werden nicht nur lehren, sondern auch voneinander lernen“, so der Kulturpolitikprofessor über das gemeinsame Vorhaben. Im vergangenen Jahr während des kulturpolitischen Weltkongresses und erneut Ende März 2015 sind Partner aus Marokko an der Hildesheimer Universität, um Studieninhalte abzustimmen. Solche Projekte sind nur möglich, wenn die Zusammenarbeit auf Vertrauen aufbaut, sagt Schneider. Um dieses herzustellen, finden Gegenbesuche statt. „Ohne das rege Begegnen geht es nicht.“

Zusammenhänge von Kunstproduktion und Politik: Debatte in Kairo

Welche Rolle spielen Kunst und Künstler in der Entwicklung einer Gesellschaft? Wie kann Kunst zum Schutz und zur Förderung vielfältiger kultureller Ausdrucksformen beitragen? Zu den „Cairo Talks on Transformation and Change“ werden jeweils ein Forscher aus dem arabischen Raum und ein Forscher aus Deutschland eingeladen. In diesem Jahr sprechen Professorin Mona Abaza (American University Cairo) und Professor Wolfgang Schneider (Universität Hildesheim) über „Kulturproduktion und Politik in Ägypten und Umgebung“. Der DAAD, das Orient-Institut in Beirut und die FU Berlin laden zu der Veranstaltung am Dienstagabend, 24. Februar 2015, ein.

Forscher diskutieren mit Kulturschaffenden, hier beim Festival Theaterformen. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Hintergrundinformation: Kulturpolitik in Hildesheim

In Hildesheim ist ein Zentrum für kulturpolitische Forschung entstanden: Hier lehrt und forscht der erste Universitätsprofessor für Kulturpolitik. Die UNESCO hat die Arbeit von Professor. Wolfgang Schneider mit einem UNESCO-Lehrstuhl „Cultural Policy for the Arts in Development“ (Kulturpolitik für die Künste innerhalb gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse) ausgezeichnet. Die Wissenschaftler untersuchen mit Partnern aus dem Mittelmeerraum, afrikanischen und arabischen Ländern den Einfluss der Künste auf gesellschaftliche Entwicklungsprozesse.

Die „Arab Cultural Policy Group“ hat sich 2009 formiert. Künstler aus mehreren Ländern Nordafrikas machen sich Gedanken, wie Gesellschaft aussehen kann und unter welchen Rahmenbedingungen Künstler arbeiten. Sie kommen u.a. aus Algerien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Palästina, Marokko, Syrien und Tunesien. Die Kulturschaffenden arbeiten an Konzepten, wie Infrastruktur für die Künste aufgebaut, wie Künstler unterstützt und wie die Teilhabe an Künsten gemanagt werden kann. Kulturpolitikforscher der Universität Hildesheim begleiten sie dabei, so fand zum Beispiel 2014 ein Forschungsatelier in Berlin statt. Als einziger europäischer Partner ist das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim an einem Aufbau eines Masterstudiengangs „Kulturpolitik und Kulturmanagement in der arabischen Welt" in Marokko beteiligt.

Die Hildesheimer Forscher arbeiten mit Kulturschaffenden, Künstlernetzwerken (etwa dem „ARTerial Network“) und Hochschulen in Dar es Salaam (Tansania), Maputo (Mosambik) und Pretoria (Südafrika) sowie Akteuren im arabischen Raum und im Mittelmeerraum um Marseille zusammen.

Lesetipp: Gute Regierungsführung: Kulturpolitik

Kultur ist eine Quelle für die gesellschaftliche Entwicklung. Aufgabe von Kulturpolitik ist es, Unterstützungsstrukturen zu entwickeln, um die menschliche Kreativität und Vielfalt zu fördern. Welche Rolle spielen Künstler in Konflikten und politischen Umbrüchen, etwa in europäischen und afrikanischen Ländern? Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um Meinungsfreiheit und Kreativität zu schützen? Welchen Einfluss haben die Künste und Künstler auf die Regierungsführung und staatliche Strukturen? Wolfgang Schneider und Daniel Gad von der Universität Hildesheim stellen erste Antworten auf diese Frage im Buch „Good Governance for Cultural Policy“ vor. Mit Ergebnissen und Beobachtungen von Forschern u.a. aus der Türkei, Ägypten, Südafrika, Mosambik, Spanien, Frankreich und Deutschland.

Wolfgang Schneider, Daniel Gad (Hrsg.)
„Good Governance for Cultural Policy.
An African-European Research about Arts and Development"
Verlag Peter Lang, 2014, 296 S., ISBN 978-3-631-65019-6

An der Universität wachsen Beziehungen in andere Länder. Kulturpolitikforscher aus Japan, Türkei, Nigeria/Südafrika und Ägypten berichten, warum sie Verbindungen nach Hildesheim halten.

„Kultur in Krisenzeiten: Wie Künstler politische Umbrüche prägen / Künstler als Seismografen / Wolfgang Schneider im Gespräch mit Christopher Ricke", Deutschlandradio Kultur, 13.09.2014

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, +49 (0) 5121.883-90100)