Kulturpolitik: Archiv des Freien Theaters entsteht

Montag, 24. Oktober 2016  / Alter: 2 Jahre

Spuren der jungen Theatergeschichte seit 1960 erhalten: Kulturwissenschaftler um Professor Wolfgang Schneider legen mit einer bundesweiten Studie den Grundstein für ein Theaterarchiv. „Analoge und digitale Bestände sind weit verstreut, unerschlossen und höchst gefährdet“, sagt Henning Fülle, der gerade seine Dissertation über die Geschichte des Freien Theaters abgeschlossen hat. Die Kulturpolitikforscher ziehen nun eine erste Bilanz der bisherigen Recherchen.

Fundstücke: Dokumente, die während der Recherche entdeckt wurden (Fotos: Henning Fülle/Uni Hildesheim). Was bleibt, wenn die letzte Vorstellung gespielt ist? Der Kulturforscher Henning Fülle, die Archivmitarbeiterin Christine Henniger und Professor Wolfgang Schneider von der Universität Hildesheim legen mit einer bundesweiten Studie den Grundstein für ein Archiv des Freien Theaters. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Mit einer bundesweiten Studie legen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Hildesheim und Berlin den Grundstein für ein Archiv des Freien Theaters. Die Studie führt erstmals das Wissen über Materialien und Dokumente der freien Theaterszene in Deutschland zusammen. Mehrere Verbände und Institutionen der darstellenden Künste haben sich darauf verständigt, ein Archiv des Freien Theaters aufzubauen.

In einem ersten Schritt sammelt ein Forscherteam der Universität Hildesheim seit einem Jahr Informationen über vorhandene Bestände – von Videomitschnitten über Akten und Programmhefte bis zu Requisiten. Zunächst mussten sie überhaupt erst einmal die Standorte finden, an denen sich Materialien und Dokumente befinden.

Die Forscher haben in den letzten Monaten deutschlandweit Zeitzeugen und Sammler, Künstler und Theatergruppen sowie Produktionshäuser und Theaterförderer aufgesucht. Die Recherchen zeigen: Wenig ist bislang vernichtet oder verloren. Allerdings sind die meisten Bestände nicht zugänglich, und kurz vor dem Zustand als Altpapier und Datenschrott zu enden. „Unsere Besuche zeigen, dass die Überlieferung der künstlerischen und administrativen Praxis des Freien Theaters seit Ende der 1960er Jahre noch weitgehend vorhanden ist – allerdings weit verstreut, so gut wie unerschlossen und höchst gefährdet“, sagt Henning Fülle, der gerade seine Dissertation über die Geschichte des Freien Theaters am Institut für Kulturpolitik der Uni Hildesheim abgeschlossen hat. Viele der Funde sind Privatarchive. Die Recherchereise führte Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik, den Kulturforscher Henning Fülle und die Archivmitarbeiterin Christine Henniger etwa nach Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig, Dresden, Köln, Bonn, Freiburg – aber auch nach Melchingen in der Schwäbischen Alb und zum Theater Pilkentafel an der dänischen Grenze.

Professor Wolfgang Schneider, Direktor des Hildesheimer Instituts für Kulturpolitik, sagt: „Das freie Theater hat sich in fünf Jahrzehnten zur zweiten Säule der deutschen Theaterlandschaft etabliert, zeichnet sich durch künstlerische Innovation und kollektive Arbeitsweisen aus, ist nah dran an den Themen der Zeit und mobil in der Fläche.“ Die wissenschaftliche Beforschung sei „bisher eher vernachlässigt worden“, so Schneider. Der Kulturwissenschaftler spricht sich dafür aus, „das Freie Theater als kulturelles Gedächtnis zu verstehen, dass es außerordentlich wert ist, gesammelt und archiviert zu werden“. Aus dem Materialfundus können Informationen über die Produktionsweisen, die Entstehung von Theater und über Gesellschaftsbezüge der künstlerischen Arbeiten entnommen werden.

„Wir schätzen auf der Grundlage unserer Stichproben, dass es im ganzen Land rund 5.000 relevante Bestände gibt, die sowohl Schriftgut, als auch audio-visuelles Material enthalten“, so Henning Fülle. Seit 1990 kommen die Speichermedien mit Computer-Dateien hinzu. „Wenn wir – äußerst zurückhaltend geschätzt – für jeden dieser Bestände vom Umfang etwa eines ‚Billy-Regals‘ ausgehen, etwa fünf Regalmeter, kämen wir allein an analogem Material auf 25 Regalkilometer.“ Der Umfang der digitalen Datenbestände sei bislang noch nicht abzuschätzen, zumal sich mit der digitalen Speicherung das Aufbewahrungsverhalten massiv verändert haben dürfte, so Fülle.

Wie geht es nun weiter? Die konzeptionellen Überlegungen für ein Archiv des Freien Theaters gehen „in Richtung einer kleinen Zentrale, deren Aufgabe im Wesentlichen in der Setzung und Umsetzung von Regularien für die Erfassung, Katalogisierung und Vernetzung der vorhandenen und entstehenden Bestände des Archivs besteht“, skizziert Professor Wolfgang Schneider. Unikate und Dokumente, die unersetzbar oder gefährdet sind, sollten zunächst gesichert werden.

Ende des Jahres soll die Studie veröffentlicht werden. Sie dient als Grundlage, um einzelne Bestände in verschiedenen Regionen zu erfassen.

Theatergeschichte dokumentieren

Welche Anstrengungen leisten sich Theater in Deutschland, um Theatergeschichte zu dokumentieren? Viele Stadt- und Staatstheater verfügen über Sammlungen, die die künstlerische Arbeit dokumentieren. Daneben gibt es einige Museen, beispielsweise in München, Düsseldorf, Köln und Hannover, die den Darstellenden Künsten gewidmet sind. Materialien und Dokumente aus Stadt- und Staatstheatern werden auch in Stadt- und Landesarchiven nach archivrechtlichen Regularien  und in den Häusern selbst erfasst. „Im Bereich des Freien Theaters ist das anders, es existieren keine Institutionen, die sich der Aufgabe der Sammlung, Bewahrung und Präsentation von Dokumenten und Materialien widmen“, sagt der Kulturforscher Henning Fülle. Zwar bewahren Spielstätten und Produktionshäuser, Künstlergruppen und private Sammler Materialien in begrenztem Umfang. „Doch der Erhalt, die Sicherung und vor allem die Zugänglichkeit dieser Bestände sind in keiner Weise gesichert.“ Die Spuren des Freien Theaters befinden sich verstreut in verschiedenen Institutionen und privaten Sammlungen.

Über die Studie

Das Archivprojekt macht die Leistung und die Ästhetik der Freien Theater sichtbar und trägt dazu bei, dass Theaterschaffende die eigene Geschichte reflektieren können. Das Archiv soll performancebasierte Produktionsweisen genauso einschließen wie dokumentarische Praxis, textbasiertes Spielen und Bildertheater. Theater ist beweglich und ebenso beweglich soll das Archiv sein, so der Anspruch des Dokumentationsprojekts.

„Wir wollen keinen Akten- und Videofriedhof aufbauen. Es soll ein lebendiges Archiv entstehen“, sagt Professor Wolfgang Schneider. Das Archiv könne historische Materialien bewahren und verfügbar machen sowie eine Grundlage für künstlerische Arbeiten bilden. Das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim arbeitet in dem Forschungsprojekt „Performing the Archive – Studie zur Entwicklung eines Archivs des Freien Theaters" mit mehreren Fachverbänden zusammen. Gemeinsam erfassen sie den Bestand über die Sammlungen und Materialien des Freien Theaters. Die Studie wird gefördert von der Staatsministerin für Kultur im Bundeskanzleramt und den Ländern Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Sachsen sowie der Stiftung Niedersachsen.

Wer Fragen und Ideen zum Archiv hat, kann sich an Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Christine Henniger und Dr. Henning Fülle wenden (E-Mail info@theaterarchiv.org).

Konferenz in München

Wie kann dieses Archiv aufgebaut und strukturiert werden? Erstmals kommen etwa 100 Sammler, Künstler, Wissenschaftler und Kulturpolitiker aus Bund, Ländern und Kommunen in München zusammen. Während einer „Konzeptionskonferenz für ein Archiv des Freien Theaters“ am 17. und 18. Oktober 2016 im Literaturhaus München diskutieren sie über technische, inhaltliche sowie kulturpolitische Fragen. Den Hauptvortrag hält Nele Hertling, die frühere Intendantin des Berliner Hebbel Theaters und ehemalige Vizepräsidentin der Berlin Brandenburgischen Akademie der Künste. Sie spricht über: „Die eigene Geschichte habhaft machen. Warum die freien Künste ein Archiv brauchen.“ Das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, das ein kommunales Archiv des freien Theaters plant, fördert die Konferenz.

Mehr zum Thema: „Gegen das Vergessen – Wissenschaftler planen ein 'Archiv des Freien Theaters'“, Interview mit Henning Fülle von der Universität Hildesheim im DEUTSCHLANDFUNK [hier nachhören; Audiobeitrag vom 17.10.2016, zeitlich begrenzt online abrufbar]

Medienkontakt: Kontakt zu Forschern und Theaterschaffenden über die Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de).

Von: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht am 17.10.2016]

Fundstücke: Dokumente, die während der Recherche entdeckt wurden (Fotos: Henning Fülle/Uni Hildesheim). Was bleibt, wenn die letzte Vorstellung gespielt ist? Der Kulturforscher Henning Fülle, die Archivmitarbeiterin Christine Henniger und Professor Wolfgang Schneider von der Universität Hildesheim legen mit einer bundesweiten Studie den Grundstein für ein Archiv des Freien Theaters. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim