Kulturelle Teilhabe in der DDR: Tagung und Publikation von Professorin Birgit Mandel

Montag, 03. August 2020 um 17:38 Uhr

Professorin Birgit Mandel hat in einem Forschungsprojekt Ziele, Strukturen und Wirkungen von Maßnahmen kultureller Teilhabe in der DDR erstmalig aufgearbeitet. Dabei hat die Forscherin des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim unter anderem Originaldokumente der SED-Kulturpolitik, Praxisanleitungen für Kulturfunktionäre und Studien von DDR-Kultursoziologen analysiert sowie 65 Interviews mit Zeitzeugen geführt. Die Forschungserkenntnisse werden auf einer Tagung und in einer Publikation im Oktober 2020 vorgestellt.

Foto: Kulturhaus Wolfen

In einem Forschungsprojekt der Universität Hildesheim unter Leitung von Prof. Dr. Birgit Mandel, in das auch Studierende der Hildesheimer Kulturwissenschaften eingebunden waren, wurden Fragen zu Zielen, Strukturen und Wirkungen von Maßnahmen kultureller Teilhabe in der DDR erstmalig aufgearbeitet. Dabei hat das Forschungsteam Originaldokumente der SED-Kulturpolitik, Praxisanleitungen für Kulturfunktionäre, Studien von DDR-Kultursoziologen sowie rückblickende Analysen zur Kulturpolitik analysiert. Zentrale Erkenntnisse konnten zudem aus 65 Interviews mit Zeitzeug_innen und aus 33 Interviews mit Expert_innen aus Kulturwissenschaft, Kulturvermittlung, Kulturpolitik und Kunstschaffenden gewonnen werden.

Tagung im Oktober 2020: Vorstellung der Forschungspublikation „Staatsauftrag: ‚Kultur für alle‘ – Ziele, Programme und Wirkungen kultureller Teilhabe und Kulturvermittlung in der DDR“

Professorin Birgit Mandel stellt gemeinsam mit Birgit Wolf die Forschungserkenntnisse in der Forschungspublikation „Staatsauftrag: ‚Kultur für alle‘ – Ziele, Programme und Wirkungen kultureller Teilhabe und Kulturvermittlung in der DDR“ (Birgit Mandel/Birgit Wolf, transcript Bielefeld 2020, Publikation erscheint im Oktober 2020) vor. Die Vorstellung der Publikation ist Teil einer Tagung am Donnerstag, 29. Oktober 2020, von 10.00 Uhr bis 19.00 Uhr in der Stadtbibliothek Berlin Mitte.

Durch den staatlichen Auftrag, „Kultur für alle“ als Teil sozialistischer Persönlichkeitsentwicklung zu garantieren, wurden in der DDR in einem engmaschigen System niedrigschwellige und sozialräumlich verankerte Aktivitäten der Kulturvermittlung etabliert, vom Kindergarten über die Betriebe bis in die staatlichen Wohnanlagen und die Kulturhäuser auf den Dörfern. Vor allem über die betriebliche Kulturarbeit sollten alle Menschen in ihrem Alltag erreicht werden. Das „künstlerische Volksschaffen“ wurde als Massenbewegung ausgebaut, anfänglich sogar mit der Perspektive, die Grenzen zwischen Laienkunstschaffen und professionellem Kunstschaffen zunehmend aufzulösen.

„Die Förderung der Künste, der künstlerischen Interessen und Fähigkeiten aller Werktätigen und die Verbreitung künstlerischer Werke und Leistungen sind Obliegenheiten des Staates und aller gesellschaftlichen Kräfte. Das künstlerische Schaffen beruht auf einer engen Verbindung der Kulturschaffenden mit dem Leben des Volkes“, so formulierte die Verfassung der DDR den staatlichen Auftrag einer „Kultur für und von allen“.

Auf welche Weise mit welchen Strukturen, Formaten und welchem Verständnis von Kulturvermittlung und kultureller Bildung wurde in der DDR versucht, Kunst und Kultur der breiten Bevölkerung und vor allem den Arbeitern und Bauern einer „klassenlosen Gesellschaft“ zugänglich zu machen? Wurden Ziele einer „Kultur für alle und von allen“ erreicht? Gelang es auch nicht kunstaffine Werktätige aus wenig bildungsorientierten Schichten zum einen für sogenannte Hochkulturformen zu interessieren, zum anderen sie zum eigenen künstlerisch-kreativen Schaffen zu motivieren?

Inwieweit verhinderte die ideologische Funktionalisierung kultureller Arbeit als sozialistische Persönlichkeitsbildung kulturelle Selbstbildungsprozesse? Welche Freiräume gab es in den Künsten und der kulturellen Arbeit? Und welche Impulse lassen sich aus den Erfahrungen der DDR Kulturarbeit für aktuelle Diskurse zur kulturellen Teilhabe und kulturellen Bildung gewinnen?

Auf der Tagung werden Ergebnisse des Forschungsprojekts der Universität Hildesheim präsentiert und mit Expertinnen und Experten, die in der DDR in den Bereichen Kulturvermittlung, Kulturwissenschaft, Kulturpolitik und Kunst aktiv waren, reflektiert, darunter Wolfgang Thierse, Gerd Dietrich, Susanne Binas-Preisendörfer. Mit Expertinnen und Experten aus aktuellen Kontexten Kultureller Bildung und Kulturpolitik – unter anderem Kerstin Hübner, Tobias Knoblich, Manja Schüle – wird darüber diskutiert, welche Erfahrungen für die Ausgestaltung von Kulturpolitik für kulturelle Teilhabe der Gegenwart produktiv sein könnten.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Landesbibliothek Berlin und der Kulturpolitischen Gesellschaft statt. Eine Anmeldung ist möglich per E-Mail an Forum.kbz@fes.de.

Die Veranstalter bitten um Ihr Verständnis, dass sich mit Blick auf die weiteren Entwicklungen in der Corona-Pandemie auch die Veranstaltungsplanung ändern könnte. Alle angemeldeten Teilnehmer*innen werden die Veranstalter darüber bis Mitte Oktober 2020 informieren.