Konflikte verstehen, um Lösungen zu fördern – Hildesheimer Psychologen forschen zu Konflikten in Online-Beteiligungsformaten

Donnerstag, 12. Februar 2026 – 07:32 Uhr
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In vielen gesellschaftlichen Debatten treffen unterschiedliche Interessen aufeinander - schnell entstehen Konflikte. Wie Menschen solche Konflikte interpretieren und sprachlich darstellen, kann dabei entscheidend sein: Wird ein Streit als win-lose angesehen (der Gewinn der einen Seite ist der Verlust der anderen), als win-win (beide Seiten können profitieren) oder in einer gemischten Form, die Elemente beider Sichtweisen verbindet? Genau diese sogenannten Konflikt-Frames stehen im Mittelpunkt einer aktuellen Studie der Hildesheimer Psychologen Dr. Johann Majer und Prof. Dr. Andreas Mojzisch.

„Win-win Frames zeigen sich beispielsweise darin, dass mehrere Aspekte berücksichtigt, Kompromisse vorgeschlagen, Bedürfnisse und Prioritäten benannt oder kreative Lösungen und Abwägungen entwickelt werden,“ erklärt Dr. Johann Majer. „Win-lose Frames sind eher dadurch geprägt, dass ein Vorschlag stark auf ein einzelnes Thema fokussiert, eine harte Position vertreten, die eigene Sicht besonders stark begründet oder mit negativen Reaktionen und klaren roten Linien gearbeitet wird.“ Diese auf einer Nullsummen-Annahme basierenden Konflikt-Frames führen dazu, dass die Beteiligten Konflikte oft kompetitiv und laut führen und gelten daher als die stärkste Interpretation von Konflikt – „obwohl ein Win-win Frame für die Lösung der Situation häufig geeigneter wäre,“ sagte Majer. „Das ist ein Grund, warum die Konfliktlösung sich oft schwierig gestaltet – und wir die Sichtweisen auf Konflikte besser verstehen müssen.“

Zentrale Fragestellung in der Studie: Welche Konflikt-Frames, also Interpretationen von Konflikt, kommen am häufigsten vor in Online-Beteiligungsformaten und welche erhalten besonders viel Zustimmung? Untersucht wurden zwei große Datensätze aus Beteiligungsverfahren zur urbanen Mobilitätswende in Norddeutschland, etwa zu Themen wie Verkehr, Radwege, Parken oder Fußwege. In beiden Fällen reichten Bürger*innen online konkrete Vorschläge ein und andere Bürger*innen reagierten darauf mit Likes, Dislikes und Kommentaren.

„Im Ergebnis zeigt sich, dass in beiden Datensätzen Win-lose Frames klar dominieren. Zwei Drittel der erfassten Beiträge enthalten typische Elemente dieser Nullsummen-Interpretation,“ berichtet Majer. „Gleichzeitig fällt auf, dass dies bei anderen Bürger*innen oder auch politischen Entscheidungsträger*innen auf weniger Zustimmung trifft. Win-lose Frames scheinen also nicht besonders zielführend zu sein, wenn es darum geht, den eigenen Vorschlag in die Umsetzung zu bringen.“ Auf Zustimmung träfen vor allem gemischte Frames, die Elemente aus beiden Kategorien beinhalten. „Dies könnte damit zusammenhängen, dass gemischte Frames anschlussfähig sind, sie wirken kooperativ und trotzdem engagiert für die eigene Position.“

Aber warum nutzen viele Personen Win-lose Frames, wenn diese kaum zum Ergebnis führen? „Hintergrund kann der persönliche Frust sein, den Personen (vor allem in der Anonymität des Internets) einfach abladen wollen, ohne viel über die Wirkung auf Andere nachzudenken,“ erläutert Majer. „Im Kontext stark diskutierter Thematiken wie Mobilität und Nachhaltigkeit kann zudem eine gefühlte Bedrohungssituation bei den Beteiligten entstehen, die die Nullsummenannahme fördert.“

Was also tun, um Konfliktlösungspotenzial zu verbessern? „Unsere Ergebnisse bieten praktische Implikationen,“ sagt Majer. „Online-Beteiligungsformate lassen sich beispielsweise hinsichtlich struktureller Merkmale, wie Anonymität, optimieren und können so gestaltet sein, dass sie zum Nachdenken, zum langfristigen Diskurs anregen und zu Perspektivwechseln ermuntern.“ Die Forschenden vermitteln die Ergebnisse in Workshops an Politik und Stadtverwaltungen. „Da ist großes Interesse da.“ Zudem stehen sie im Austausch mit Entwickler*innen von Dialogformaten. Und auch die Forschung zu Konflikten wird weitergehen: „Ziel ist, die genauen Rahmenbedingungen der zugrundeliegenden Konflikte immer besser zu verstehen, um das gemeinsame Entwickeln einer guten Lösung für alle zu fördern.“

Die Studie ist im Journal of Economic Psychology erschienen. Hier geht's zur Studie!

— Erstellt von Ineke Nithack