„Kinder- und Jugendhilfe an der Grenze BRD-DDR“ – Zeitzeug*innen für Forschungsprojekt gesucht

Donnerstag, 26. Februar 2026 – 15:56 Uhr
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Die deutsch-deutsche Teilung zwischen 1945 und 1989/1990 führte zu zahlreichen Grenzübertritten und Fluchtbewegungen in beide Richtungen. Auch Kinder und Jugendliche waren davon betroffen. Bisher gibt es wenige Erkenntnisse darüber, welche Rolle die Kinder- und Jugendhilfe in der BRD und in der DDR dabei spielte und welche Akteur*innen im Hintergrund nach einem Grenzübertritt oder einer Flucht von Minderjährigen tätig werden mussten, sowie welche Verfahren dafür etabliert wurden. Nun suchen Forscher*innen Zeitzeug*innen, die eine Flucht bzw. einen Grenzübertritt zu der Zeit selbst erlebt haben, die jungen Menschen dabei begleitet haben und/oder die sie nach dem Grenzübertritt unterstützt haben.

Junge Menschen passierten allein oder begleitet die Grenze, mit oder ohne ihre Eltern, aus der DDR und bis 1949 aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in die BRD, aus der BRD in die SBZ/DDR. Das Vorhaben „Kinder- und Jugendhilfe an der Grenze. Pia Giesel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organsisationspädagogik an der Universität Hildesheim, erklärt: “Vor allem der behördliche Ablauf der Ankunft junger Menschen in Westdeutschland ist dokumentiert und kann gut nachvollzogen werden. Was aber tatsächlich mit den einzelnen jungen Menschen passierte, wo genau sie unterkamen und wer sich letztendlich um sie kümmerte, konnten wir bisher nicht rekonstruieren. Wir wissen also nur, dass es eine Form der Unterstützung für junge alleinstehende Menschen aus der SBZ/DDR gab, aber nicht wie die sich gestaltete und bei den jungen Geflüchteten ankam.” 

Eine Studie zur öffentlichen Fürsorge für Minderjährige im niedersächsischen Grenzgebiet der Bundesrepublik und der DDR zwischen 1945 und 1989/1990“ untersucht nun, ob und wie die Kinder- und Jugendhilfe in der BRD und DDR, auch in Kooperation mit Aufnahme- und Grenzlagern für Geflüchtete, tätig geworden ist. Exemplarisch für Niedersachsen soll analysiert werden, wie insbesondere die zuständigen Jugendbehörden (Jugendämter in der BRD, Referate für Jugendhilfe in der DDR, kommunale Jugendräte und andere) oder auch Wohlfahrtsverbände (Arbeiter-Wohlfahrt, Caritas, Diakonie/Innere Mission, Deutsches Rotes Kreuz) verfahren und gegebenenfalls auch grenzüberschreitend miteinander zusammengearbeitet haben. Dr. Carolin Ehlke, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik und Mitglied im Forschungsprojekt „Jugendhilfe in der DDR“ ergänzt: „Uns interessiert dabei vor allem, wie die Kinder- und Jugendhilfe in beiden Ländern junge Geflüchtete unterstützt und womöglich - trotz gesellschaftspolitischer Differenzen - auch zusammengearbeitet hat.” Niedersachsen hatte mit einer Länge von ca. 540 Kilometern den längsten innerdeutschen Grenzabschnitt und einen zentralen Grenzübergang mit Helmstedt/Marienborn.

Aufruf zur Teilnahme am Zeitzeug*innenportal und an Interviews

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Kinder- und Jugendhilfe an der Grenze BRD-DDR“ rufen Wissenschaftler*innen Zeitzeug*innen dazu auf, ihr (Erfahrungs-)Wissen in einer Onlinebefragung mit dem Zeitzeug*innenportal zu teilen. Zeitzeug*innen können Personen sein, die als junge Menschen (mit und ohne ihre Familien oder einer anderen Begleitung) die Grenze passiert haben, sowohl von der Sowjetischen Besatzungszone/DDR in die BRD, als auch umgekehrt, um dauerhaft dort zu leben. Auch Personen, die die jungen Menschen bei ihrem Grenzübertritt begleitet haben (zum Beispiel Eltern) sind Zeitzeug*innen. Das Projekt ist auch an den Erfahrungen von ehemaliger Mitarbeitende*n oder Ehrenamtlichen (zum Beispiel aus Aufnahme- und Grenzlagern, aus ehemaligen Behörden der Jugendhilfe/-fürsorge, aus Wohlfahrtsverbänden) interessiert, die diese jungen Menschen (und ihre Familien) vor, während und/oder nach dem Grenzübertritt unterstützt haben. Zudem suchen die Forscher*innen Zeitzeug*innen und weitere Expert*innen (zum Beispiel Wissenschaftler*innen und Historiker*innen), die Interesse an einem Interview haben. 

Das Forschungsprojekt wird von 2024 bis 2027 durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) gefördert und am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim durchgeführt.

Die Wissenschaftler*innen sichern bei allen Kontaktaufnahmen und Gesprächsinhalten  Vertraulichkeit zu. Das Zeitzeug*innenportal ist über den Link https://www.soscisurvey.de/Jugendhilfe-grenze/ zu erreichen.

 

Kontakt über die Mitarbeiterinnen des Projekts:

Dr. Carolin Ehlke (Tel.: 05121 883 11732)

Pia Giesel (Tel.: 05121 883 12836)

Projektmailadresse: jugendhilfe-ddr(at)uni-hildesheim.de 

 

— Erstellt von Philo Schäfer