Kein Kaufhaus, keine Disco: Ein Forschungszentrum

Donnerstag, 02. April 2015 um 18:50 Uhr

Musik und Sport können zusammenführen – oder auf furchtbare Weise entzweien, sagt der Literaturwissenschaftler Guy Stern. Das Center for World Music zeige, „es ist ein menschliches Bedürfnis, sich kreativ auszuüben“, so der Professor am Rande seines Besuchs. Ein Rundgang mit dem Instrumentensammler Rolf Irle und dem Musikethnologen Julio Mendivil. Nachbarn kommen manchmal vorbei: Sie seien froh, dass aus der Kirche, in der sie einst geheiratet haben, kein Kaufhaus wurde.

„Haben Sie eine Schalmei?“, erkundigt sich Professor Guy Stern. In der Literatur werden immer wieder die schönen Klänge dieses Instruments genannt. Ludwig van Beethoven erwähnt sie in den Heiligenstädter Testamenten, einem Brief des Komponisten an seine Brüder, in dem er verzweifelt von seiner fortschreitenden Ertaubung berichtet. Rolf Irle muss die Frage verneinen, was selten vorkommt, er zeigt verwandte Instrumente. Seine Sammlung erweitert der 80-Jährige seit 60 Jahren monatlich. Sie umfasst mittlerweile über 3000 Objekte, zählt zu einer der größten privaten Sammlungen außereuropäischer Instrumente und ist im Center for World Music untergebracht, eine ehemalige Kirche, fußläufig zur Universität. Ein besonderer Hörsaal, schließlich lernen Musikstudierende zwischen 1000 Instrumenten. Die Nachbarschaft hat in diesem Kirchenraum ihre Kinder getauft, geheiratet, Angehörige konformiert, begraben. „Ich bekomme häufig Antworten von älteren Damen, die sagen: Wir sind so froh, dass hier kein Kaufhaus draus wurde, keine Disco“, berichtet Irle.

„Sie dürfen alles anfassen“, sagt der Sammler, der die Objekte der Hildesheimer Universität 2009 stiftete und nun, an einem Tag Ende März, dem amerikanischen Literaturwissenschaftler und gebürtigen Hildesheimer Guy Stern zeigt. Er drückt dem Gast koreanische Schellen in die Hand, die eine gehörte einem erfahrenen Medizinmann, die andere einem Jungen, der lernt. Die eine hat sieben Schellen, die andere zwölf. Der erfahrene kann mit weniger Schellen „genau so die Götter erreichen, der Junge muss sich mehr in den Vordergrund schieben, Krach machen". Ein Duett, sagt Guy Stern und stimmt die Schellen gemeinsam mit Irle an. Man könne nur das verstehen, was man angefasst habe, zitiert dieser Pestalozzi. Als junger Lehrer habe er gehörlosen und blinden Schülern die Sammlung gezeigt, erinnert er sich. Einer fragte: Machen Sie das nicht regelmäßig, dass man die Instrumente anfassen kann? „Da wurde mir klar: Anfassen! Wie oft habe ich meine Schüler gefragt: Habt ihr das begriffen, erfasst? Die haben überhaupt nichts angefasst. Die Kinder dürfen die Instrumente hautnah erleben. Meine Erfahrung ist: Erwachsene gehen viel unvorsichtiger mit den Dingen um“, sagt Rolf Irle. Bei ihm zu Hause wurde es zu eng. Vom Universitätspräsidenten Professor Wolfgang-Uwe Friedrich habe er erfahren, wie die Sammlung in Forschung und Lehre genutzt werden könnte, deshalb habe er die Sammlung der Universität Hildesheim geschenkt. „Unter einer Bedingung: Ich habe jeden Tag – Tag oder Nacht, Sommer oder Winter – Zugang zu meinen Instrumenten.“ Einmal im Monat führt er Alt und Jung durch die  Sammlung.

Über seine Motivation zu stiften, sagt Rolf Irle: „Ich möchte die Dinge weitergeben, an die jungen Menschen, die heute die Universität besuchen. Das ist herrlich. Das ist für mich ein Jungbrunnen, wenn ich Besuchern erzählen kann, wie die Dinge hergestellt wurden, mit welchen sie verwandt sind, wo sie herkommen. Ich kann auf diesem Wege dieser Gesellschaft etwas zurückgeben. Ich möchte all den Menschen, auch meinen Lehrern danken. Wenn ich eines Tages abgehen muss, träume ich davon, dass ich vielleicht einige für die Vielfalt der Instrumente begeistert habe.“

Was für Rolf Irle eine Leidenschaft ist, ist für die Musikethnologen des Hildesheimer Forschungszentrums (Kurzinfo PDF) Arbeit. Julio Mendivil, der das Center for World Music mit Professor Raimund Vogels leitet, sagt: „Er kann zu jedem Instrument etwas erzählen, die Instrumente sind hier keine toten Objekte sondern sollen belebt werden. Wir pflegen die Sammlung, stellen Forschungsmaterial bereit. Wir haben in Europa die größte Sammlung von Tonträgern, aus Afrika, Amerika, Asien. Etwa 44.000 Schallplatten, die wir den Studierenden, Forschenden und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Wir sind sehr bemüht, das was wir hier machen, zurück in die Gesellschaft zu geben.“ Derzeit digitalisieren und sichern die Forscher, mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes und der Stiftung Niedersachsen, Musikarchive in Iran und Nigeria. Niedersachsen sei mit der Musikhochschule in Hannover, den Universitäten in Oldenburg, Göttingen und Hildesheim sehr gut aufgestellt und „die musikethnologische Ecke Deutschlands“.

Julio Mendivil mit einem Instrument, das für Touristen gebaut wurde. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

„Kann man die Instrumente noch spielen, so dass den Eindruck der genuinen Komposition wieder schaffen kann?“, fragt Guy Stern. Das hängt von den Instrumenten ab, so Mendivil. In Hildesheim seien andere klimatische Bedingungen als in den Ursprungsländern. Saiteninstrumente leiden mit den Jahren, sie gehen relativ schnell kaputt, das Material sei sehr fein.

Das älteste Instrument ist etwa 2400 Jahre alt. Und Rolf Irle kennt auch dazu die Geschichte: „Bei Straßenbauarbeiten nahe Neapel wurde ein Gräberfeld von etwa 300, 400 vor Christi entdeckt. Auch ein Flötlein wurde gefunden, aus Ton, der Schnabel war schon abgebrochen, das war für die Museen wohl zu popelig. Ein Tourist hat das erworben, von dem habe ich das Instrument auf dem Antikmarkt in Hannover erwerben können“, berichtet der Sammler. Auf dem Markt sei er an jedem Wochenende. In vielen Teilen der Erde bauen die Spieler ihre Instrumente selber, das sollte man wissen. Wer kann hier schon eine Stradivari selber bauen?, fragt Rolf Irle. Bis auf 20 seien alle Instrumente Originale.

Irle beschreibt ein Problem beim Sammeln: Er müsse sich immer darauf verlassen, was der Vorbesitzer ihm sagt, wenn er dieser Information nicht trauen kann und sie ihn nicht überzeugt, beginnt die Recherche. Über 600 Bücher und Quellen über die Instrumente hat er über die Jahre angelegt, gesammelt. „Ich muss oft den Weg rekonstruieren, manchmal finde ich ihn gar nicht.“ Die längste Trompete, die „lange Trompete aus Tibet“ zählt 4 Meter 85. Irle zeigt auf eine horizontal an der Empore unter der ehemaligen Orgel befestigte Trompete aus Kupferblech, die man auf zwei Armlängen zusammenschieben kann. Sie sieht schwer aus, das Material ist hauchdünn. Daneben das Gegenstück, die Instrumente werden paarweise gespielt. Auf der Orgelempore stehen außerdem seltene Instrumente aus Tibet, aus buddhistischen Klöstern und von Wandermönchen.

Ein Duett mit Schellen: Guy Stern und Rolf Irle im Forschungszentrum der Universität. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Weiter zur chinesischen, birnenförmigen Laute, eine Pipa, und zur Dàn Ty Bà aus Vietnam. „Am letzten Tag der Weltausstattung Expo in Hannover habe ich von dem Stand des Landes Vietnam die Instrumente kaufen dürfen“, freut sich Irle und spielt das hölzerne Instrument an. „Die Instrumente wurden im höfischen Kontext gespielt. Sie müssen nicht besonders laut sein, werden nicht draußen gespielt“, ergänzt Julio Mendivil. So unterschiedlich wie Instrumente weltweit seien können, es gibt nur vier Klangprinzipien. „Welcher Körper wird zum Vibrieren gebracht? Töne sind Virbrationen“, so Mendivil. Bei den Idophonen zum Beispiel, den Selbstklingern, bewegt sich der Körper selbst, schlägt aneinander und Töne entstehen. Eine andere Weise: Wenn eine Membran oder eine Saite gespannt wird und vibriert, dann kann man eine Spannung einstellen. Bei den Flöten vibriert die Luft. „Mit der digitalen Technologie gibt es Keybords und alle Möglichkeiten. Aber von Natur aus greifen wir auf wenige Grundprinzipien zurück.“

Rolf Irle fordert nun zum Lauschen auf. „Frosch!“, flüstert er. Er fährt mit einem Holzstab über einen geriffelten Holzkörper. „Zu welchem Prinzip gehört das?“, möchte Stern wissen. Zu den Selbstklingern. „Die Kinder sind begeistert davon, die hören den Frosch. In Hannover steht das Instrument auf dem Alter in Klöstern. In vielen ostasiatischen Dörfern wird es in Gottesdiensten gespielt. Wir kennen das nicht, manche sagen: Kinderspielzeug“, berichtet Irle. Die Musikethnologen um Julio Mendivil unterscheiden zwischen Musikinstrumenten und Klangobjekten. „Selbst einen Topf kann man als Trommel nutzen. Aber nicht jedes Klangobjekt ist ein Musikinstrument“, sagt der Forscher. „Da möchte ich entgegnen“, so Irle. „Jedes Ding, dass gezielt einen oder mehrere Töne hervorbringt, ist ein Instrument. Bei der heutigen Fülle werden viele Instrumente nur noch für Lärm genutzt, da müssen wir umdenken. Aber dies hier – Frosch! – ist ein Instrument.“

Julio Mendivil holt ein Objekt mit einem blau-rot-gelben Aufdruck aus den Vitrinen: Es ist nicht fürs Spielen gemacht, sondern für Touristen. Instrumente, die gebaut werden, um sie zu verkaufen. „Auch Ideen über Musik und Verhalten zählen wir zur Musik. Nicht allein das Spielen an sich. Im Konzert etwa, da wissen wir: Der erste Satz ist zu Ende, ich darf noch nicht klatschen. Das wissen wir bei anderen Kulturen nicht.“

Nachgefragt bei Professor Guy Stern: Musik kann verbinden, und trennen

Professor Guy Stern im Center for World Music der Universität Hildesheim. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Sie besuchen Ihre Geburtsstadt regelmäßig.

Warum bin ich hier zugegen, das ist die 1200-Jahr-Feier der Stadt Hildesheim. Als Ehrenbürger wurde ich eingeladen. Dieses Jubiläum soll auch Erinnerungen an Hildesheim wachwerden lassen, darüber spreche ich in der Volkshochschule. Ich bin in Hildesheim geboren, als Jugendlicher hier aufgewachsen. Ich bin wiedergekommen, das erste Mal 1945 als Soldat. Danach zu Vorträgen und Gastvorlesungen. Es werden Jugenderinnerungen wach. Ich habe mittlerweile freundschaftliche Verbindungen mit dem Turnverein Eintracht, die Mitgliedschaft wurde mir als Zwölfjähriger gekündigt, auf Befehl von oben: Keine Juden durften einer deutschen Organisation angehören. Ich habe es sehr positiv aufgenommen, dass der Turnverein eine Art von Wiedergutmachung angeboten hat: Eine lebenslängliche Ehrenmitgliedschaft, das habe ich angenommen.

Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Leben?

Ich bin Vizepräsident der Kurt-Weill-Stiftung. Das Lied, das Jederman kennt, ist die Ballade von Mackie Messer und die Dreigroschenoper, er hat ein ausgedehntes kompositorisches Erbe hinterlassen. Das ist mein Zugang zur Musik, ich komme mit großen Koryphäen, zu denen ich keineswegs zähle, zusammen. Ich wurde als Literaturhistoriker und Freund von der Witwe Lotte Lenya eingeladen, beizutreten und und versuche mich autodidaktisch auf die halbe Höhe des Ausschusses zu schwingen, der sonst aus Dirigenten und Darstellern besteht. Ich bin ein fanatischer Liebhaber von Musical Theatres. Das ist meine Liebe zur Musik.

Sport und Musik können Felder für Teilhabe sein, wo wir Gemeinschaft und Zusammenhalt erfahren können. Wir arbeiten an der Universität daran, bilden Sportlehrer aus, die Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten gemeinsam unterrichten können. Welche Erwartungshaltungen richten wir an Musik?

Ich habe mir darüber Gedanken gemacht: Wie weit kann Musik uns beeinflussen, die Frage haben wir auch gerade hier am Center for World Music aufgeworfen. Kann uns Musik vereinigen, zum Beispiel im Chor? Es ist, wie man ein Instrument benutzt, man kann Musik – und alles Menschliche – zum Guten, zum Menschlichen hin benutzen, aber auch zum Unmenschlichen. Jawohl, die Musik kann uns vereinen. Aber schauen Sie, schon im Mittelalter, da gibt es einen Roman über den Heiligen Nikolaus von Kues. In diesem Roman gibt es gegenseitige Chöre, die sich ideologisch und religös entzweien. Die singen gegeneinander, das ist eine ganz mächtige Szene, und manchmal kommt zufällig eine ungewollte Harmonie zustande, man kann es nicht ganz kontrollieren. Es ist auch möglich, ungeheuer Unmenschliches zu treiben. Die Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus zur Gaskammer geführt wurden, wurden begleitet von einem kleinen Orchester, denen wurde aufgespielt. Ich kenne ein Mitglied des Lasalle-Quartetts, das später berühmt wurde. Der musste als Jugendlicher diesem Orchester beitreten, das war seine Lebensrettung, hat aber ein Trauma bei ihm hinterlassen, er hat sozusagen die Leute zum Tode geblasen. Ich möchte auf diesen Gegensatz hinweisen, Musik kann uns verbinden, aber sie kann uns auch entzweien. Das Potential für Gutes steckt sowohl im sportlichen wie im musikalischen Zusammenspiel.

Aber es liegt letzten Endes bei uns, was wir daraus machen, wie wir uns verhalten. Wie auch beim Internet, das von Guten und Schlechten genutzt werden kann und nicht per se ein demokratisches Medium ist.

So ist es. Wenn ich an das Unsportliche im Sport denke, das ist nicht sauber: Es war früher ein sauberer Sport, Fouls kamen immer vor, aber es war ein sauberer Sport. Heute sehe ich mir den Frauenfussball viel lieber an. Wie roh es manchmal zugeht, einer der deutschen Weltmeister hat wenige Minuten gespielt, ein junger Läufer, jemand sprang ihm auf den Rücken – er war raus. Das ist nicht mehr der Sport. Wir haben es in unserer Hand, alle diese guten Sachen für uns benutzen zu können und daraus etwas zu bauen. Aber die Gefahr ist da, dass wir zerstören.

Um eine Brücke zu diesem Ort zu schlagen, wo wir uns gerade befinden: Es ist ein Anliegen des Center for World Music an der Stiftung Universität Hildesheim, die Instrumente nicht hinter Vitrinen zu verstecken. Sie sollen zum Einsatz kommen, man soll sie hören und über sie sprechen. Lehrer und Musiker lernen zum Beispiel in einem berufsbegleitenden Studiengang (Reportage PDF), wie sie mit der musikalischen Vielfalt in ihren Schulen und Stadtteilen umgehen können.

Es ist eine wunderbare Zufügung zur musikologischen und menschlichen Erziehung. Wir sehen hier, dass überall Instumente entstanden sind, und das Musik keineswegs ein Monopol Europas ist. Wir sehen, dass die Begeisterung für Musik die Leute zum Kreativen geführt hat. Rolf Irle erzählte zum Beispiel, dass die ausübenden Künstler sich oft ihre Instrumente selbst gebaut haben. Ich finde es großartig, dass die Universität Hildesheim diese Instrumentensammlung erworben hat und dass sie es zeigen kann, wenn ein in Afrika gespieltes Instrument eine Ähnlichkeit besitzt zu einem Instrument in Australien. Das zeigt, es ist ein menschliches Bedürfnis, sich kreativ – denn das ist es ja, die Musik –, sich kreativ auszuüben.

Die Fragen stellt Isa Lange.

Zur Person

Professor Guy Stern ist 1922 in Hildesheim geboren, als Jugendlicher musste er die Stadt verlassen und emigrierte 1937 in die USA. Seine Familie wurde 1942 nach Warschau deportiert. Guy Stern lehrte an Universitäten in New York und Detroit. Er ist Direktor des Holocaust Memorial Center.

Medienkontakt: Pressestelle Uni Hildesheim, Isa Lange, 05121.883-90100 und presse[at]uni-hildesheim.de


Der Sammler Rolf Irle hat der Universität Hildesheim 3000 Instrumente für Lehre und Forschung gestiftet. Julio Mendivil mit einem Saiteninstrument. Unten: Im Gespräch mit Professor Guy Stern im Center for World Music. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim