Junge Regie: Freie Theaterensembles zeigen ihr Können

Montag, 25. April 2016 um 10:00 Uhr

Regienachwuchs aus Hildesheim: Schon wieder. Ob „Körber Studio Junge Regie“ oder „Best-Off-Festival" – unter den Nomierten tauchen immer wieder Studierende der Hildesheimer Kulturwissenschaften auf. Einem Renommee auf der Spur.

Bereits seit 1978 bildet die Universität Hildesheim in den Kulturwissenschaften aus. Absolventinnen und Absolventen sind bundesweit in Theaterhäusern und Verlagen, in Schulen, in Funk- und Fernsehanstalten, in der Kulturverwaltung und Kulturellen Bildung tätig.

Etwa in Berlin: Der Dramaturg Jens Hillje leitet gemeinsam mit Shermin Langhoff das Maxim Gorki Theater. „Es geht darum, einen Raum der Kunst zu schaffen, der gleichermaßen Schutz und Freiraum ist, emotional und intellektuell“, sagte Hillje über seinen Beruf, als er in Hildesheim vor Studierenden sprach.

Nun tummeln sich Hildesheimer wieder auf der Bühne, diesmal gibt die Stiftung Niedersachsen bekannt: fünf der sechs ausgewählten Inszenierungen für das Festival „Best-OFF“ gehen aus den Hildesheimer Kulturwissenschaften hervor (siehe Text unten). Schon in den Vorjahren war Hildesheim mit der Bandbreite theatraler Formen, die vom Kinderstück über das Dokumentartheater bis zur Performancekunst reicht, beim Festival in Hannover vertreten.

Warum sind so viele Hildesheimer Studierende und Absolventen unter den Nominierten? Für solche Fragen ruft man Jens Roselt an. „Unser Schlüssel: Wir haben während des Studiums unterschiedliche Praxisformate, wir sind die Ausbildungsinstitution in Niedersachsen, die Praxis und Theorie verbindet. Wir fördern das selbstständige Lernen. Studentinnen und Studenten lernen, Projekte zu entwickeln und diese zur Aufführung zu bringen, etwa im Projektsemester“, sagt Professor Jens Roselt. Er ist Theaterwissenschaftler und zugleich Dekan des Fachbereichs „Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation“ der Universität Hildesheim. „Wir fragen unsere Studierenden ab der ersten Vorlesung, wie sie das Theater verändern wollen.“

Die diesjährigen Hildesheimer Produktionen beim Best-OFF-Festival seien „erstklassige Arbeiten“, kommentiert Roselt heiter am anderen Ende der Leitung. Oftmals sind sowohl Studierende als auch Absolventinnen und Absolventen beteiligt, das sei ein Merkmal der Hildesheimer Produktionen. „Der Übergang aus der Uni in die Berufspraxis ist relativ fließend“, so Roselt.

Auffallend ist: alle arbeiten als Kollektiv, als Gruppe. „Sie entwickeln ganz andere Formen der klassischen Arbeitsteilung. Regie, Regieassistenz, Bühnenbild, Technik – die Aufgaben werden gemeinsam bearbeitet.“

Diese Formen kollektiven Arbeitens können auch sehr konfliktreich sein, so Jens Roselt. „Das Aushandeln und Entscheidungen treffen lernen die jungen Theatermacher hier im Studium.“ Kompromisse, so Roselt, seien übrigens „eher schlecht bei künstlerischen Entscheidungen“. Er nennt ein Beispiel: Wenn auf der Probe entschieden werden muss, ob die Zuschauer vor oder auf der Bühne platziert werden, bringt es wenig das Publikum sowohl vor als auch auf die Bühne zu setzen.

Kurz erklärt: Kulturwissenschaften in Hildesheim

Marja Christians und Isabel Schwenk erschaffen im Stück „J.U.D.I.T.H." eine Bilderwelt. Foto: Clemens Heidrich

An der Universität Hildesheim können Studentinnen und Studenten ab dem ersten Semester Theorie und Praxis verbinden – etwa im Projektsemester – und zwischen Fächern wie Kreatives Schreiben, Medien, Kulturpolitik, Musik, Populäre Kultur, Philosophie und Theater wählen. Absolventinnen und Absolventen sind in Theaterhäusern und Verlagen, in Schulen, in Funk- und Fernsehanstalten, in der Kulturverwaltung und Kulturellen Bildung tätig.

Der Studiengang „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ ist der älteste Studiengang in Deutschland, der seit 1978 für kulturwissenschaftliche, künstlerische und kulturvermittelnde Berufe qualifiziert. Die Künstlerische Praxis ist seit den Anfängen Bestandteil von Forschung und Lehre in Hildesheim. Mehr als 1000 Studierende aus dem deutschsprachigen Raum studieren auf dem mittelalterlichen Burggelände in Hildesheim. Zwei Drittel der Studierenden kommen aus anderen Bundesländern nach Niedersachsen.

Hildesheimer beim Theaterfestival „Best OFF“

Festivalpreis 2016 für das Theaterkollektiv „Markus&Markus“. Foto: Daniel Hertli

Studierende und Absolventen haben an diesem Wochenende beim Best OFF-Festival der Stiftung Niedersachsen in Hannover ihre Inszenierungen gezeigt. Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler der Universität Hildesheim haben sich gegen 47 Bewerber durchgesetzt. Sie erhalten jeweils 10.000 Euro, wie die Stiftung mitteilt.

Fünf der sechs ausgewählten Inszenierungen gehen aus den Hildesheimer Kulturwissenschaften hervor: das Kollektiv „Dittrich Frydetzki / Dreit / Flegel / Froelicher / Grief / Melzer / Worpenberg" („Steppengesänge"), das Theaterkollektiv „Markus&Markus" („Ibsen: Gespenster"), das Kollektiv „Christians // Schwenk" („J.U.D.I.T.H."), die Performancegruppe „pulk fiktion" („Konferenz der wesentlichen Dinge") und „Thermoboy FK" („La Casa"). Die nominierten Inszenierungen behandeln Themen wie Familie, die Reise zum Mond, das Zusammenleben und das Sterben. Sie präsentieren die Formenvielfalt der Theaterszene.

Unter den Nominierten für das Best-OFF-Festival ist auch ein Theaterkollektiv, das bereits 2014 den wichtigsten Preis für junge Regisseure in Deutschland erhielt, den Jurypreis beim „Körber Studio Junge Regie“. Die Regisseurinnen und Regisseure arbeiten in ihrer Inszenierung mit dokumentarischem Material, bauen Reise-Diavorträge in ihr Stück ein. Wie entwickelt man ein Stück? Ins Auto setzen und losfahren: Für „Steppengesänge“ haben sich die Studierenden auf eine Recherchereise in die Lausitz begeben, Braunkohletagebau, ein Wolfsmuseum und leerstehende Dörfer aufgesucht. „Wir sind sehr viel mit dem Auto durch die Landschaften gefahren, durch große Waldgebiete oder zu Aussichtspunkten im Tagebau“, erinnert sich Marten Flegel. Atmosphäre aufsaugen. Typisch für Hildesheim – die Inszenierung wurde im Kollektiv erarbeitet und wird gemeinsam aufgeführt. Die Bühnenanordnung verändert sich, die Bühne wird zur  Steppe auf  der sich die Zuschauer versammeln. „Nicht nur im Theaterbereich, sondern auch Medien, Popkultur, Musik, Technik, zu studieren, prägt unsere Produktionen – jeder bringt seine Zugänge ein. Der Text läuft im besten Fall durch alle Hände“, beschreibt Marten Flegel das Rotationsprinzip und die fortlaufende  Bearbeitung.

Die Arbeit in der Gruppe und die Rückmeldungen von Kommilitonen sind auch für Marja Christians und Isabel Schwenk entscheidend. In regelmäßigen Abständen werden die beiden Performerinnen in ihrer Probenarbeit von Menschen besucht, die aus unterschiedlichen Perspektiven ihre Arbeit diskutieren. Dies sind vor allem Personen, die „ein besonders Wissen in Theorie und künstlerischer Praxis haben“, sagt Schwenk. Wer sieht wen an, wohin und wie? Die Studentinnen der Universität Hildesheim schaffen in der Performance „J.U.D.I.T.H.“ eine Bilderwelt, in der sie sich choreographisch bewegen, sich mit „gesellschaftlichen Blickhierarchien“ auseinandersetzen. Nach der Premiere in Hildesheim wurden sie zum 100-Grad-Festival nach Berlin eingeladen, erhielten den Jurypreis, sie zeigen Gastspiele in Manchester und Barcelona.

Beim Festival in Hannover wurden am Wochenende zusätzlich 5.000 Euro für eine besondere künstlerische Einzelleistung von einer überregional besetzten Jury vergeben. Mit dem Festivalpreis werden „Markus&Markus“ für „Ibsen:Gespenster“ ausgezeichnet. „In ihrem Stück über Sterbehilfe sind Markus&Markus ästhetisch und inhaltlich am weitesten gegangen. Sie haben ein gewagtes gesellschaftliches Thema aufgegriffen und dabei universelle Grundfragen des menschlichen Seins gestellt“, teilt die Stiftung Niedersachsen mit. „Sie sind respektvoll und verantwortungsvoll mit ihrem Thema und ihrer Protagonistin umgegangen, die sie während ihrer letzten Tage und schließlich auf ihrem Weg in die Schweiz begleitet haben. Die Jury lobte die Gratwanderung zwischen Trash und Empathie, mit der es ihnen gelungen ist, die Unlösbarkeit der moralischen und ethischen Fragen, die hinter dieser Geschichte stehen, vor Augen zu führen.“

Die Stiftung Niedersachsen möchte mit dem Festival einer breiten Öffentlichkeit bemerkenswerte Inszenierungen der professionellen freien Theaterszene vorstellen sowie den Austausch und Kontakt unter den Künstlern fördern. Das Festival ist eine Plattform für aktuelle Debatten, künstlerische Auseinandersetzungen und Vernetzung.

Auch am Rahmenprogramm des Festivals wirken Studierende und Wissenschaftler der Universität Hildesheim mit: die Studierenden Anna Döge und Laura Kallenbach haben im Format „OFF the record“ bei Künstlern, Spielstätten und Förderern nachgefragt, was die freie Theaterszene umtreibt. Christine Henninger und Henning Fülle gaben Einblicke in die Studie zu einem Archiv des freien Theaters. Die Arbeitsgruppe des Instituts für Kulturpolitik bewegt sich auf den Spuren des Freien Theaters. Was bleibt, wenn die letzte Vorführung gespielt ist? Ob Videomitschnitte, Programmhefte, Requisiten oder Akten – das Team um Professor Wolfgang Schneider legt mit der bundesweiten Recherche den Grundstein für ein Theaterarchiv. Das Archiv kann eine Grundlage für weitere künstlerische Arbeiten bilden.

Lesen Sie mehr über die kreative Theaterszene in Hildesheim: „Freies Theater: Die schnellen Brüter / Im Umfeld der Universität Hildesheim ist eine der lebendigsten Szenen des freien Theaters in Deutschland entstanden“, taz


Der deutschsprachige Regienachwuchs kommt aus Hildesheim: Ein Merkmal ist eine neue Form der Arbeitsteilung. Anstatt die Arbeit auf eine Regisseurin, einen Kostümbildner, eine Autorin und einen Lichttechniker aufzuteilen, gehen die Texte durch alle Hände, sagt der Student Marten Flegel über die Entstehung des Stücks „Steppengesänge" (Bild). Auch Marja Christians und Isabel Schwenk holen in der Probenarbeit Personen hinzu, um ihre künstlerische Arbeit bereits im Entstehungsprozess zu reflektieren. Künstlerische Praxis ist Bestandteil von Forschung und Lehre an der Universität Hildesheim. Fotos der Inszenierung „Steppengesänge" (2): Krafft Angerer. Foto (1): Isa Lange