Interview mit Jan Timo Zimmermann: „Das E-Learning bietet neue Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen“

Donnerstag, 16. Juli 2020 um 16:26 Uhr

Jan Timo Zimmermann gehört zum Projektteam „E-Learning 2020“ der Universität Hildesheim, das die technische Infrastruktur entwickelt, so dass Lehrende und Studierende weiterhin während der Coronavirus-Pandemie im Austausch sind, lernen, Wissen vermitteln und miteinander diskutieren können. Der Informationswissenschaftler und Bibliothekar arbeitet seit 2013 in der Universitätsbibliothek und betreut unter anderem das Lernmanagementsystem für die Universität. Dieses „Learnweb“ bildet das Zentrum für die digitale Lehre, so können Lehrveranstaltungen aller Fachbereiche digital angeboten werden – von den „Methoden der empirischen Sozialforschung“ bis zur „digitalen Medienkultur“, von der „Einführung in die Literaturwissenschaft“ bis zum „betrieblichen Informationsmanagement“.

Der Informationswissenschaftler und Bibliothekar Jan-Timo Zimmermann arbeitet in der Universitätsbibliothek Hildesheim. Foto: privat

Digitale Vorlesungszeit: Was das Learnweb alles leisten kann

Herr Zimmermann, wie funktioniert das E-Learning an der Universität Hildesheim?

Unser E-Learningsystem nennen wir „Learnweb“, dort werden nahezu alle Materialien für Vorlesungen und Lehrveranstaltungen abgelegt. Im digitalen Semester ist unser „Learnweb“ der zentrale Dreh- und Angelpunkt für die digitale Lehre und der Anlaufpunkt für alle Studierenden und Lehrenden.

Wie erleben Sie die digitalen Formen des Lehrens und Lernen in dieser digitalen Vorlesungszeit aufgrund der Coronavirus-Pandemie?

Es gibt sehr viele Nachfragen, was im System funktioniert und umgesetzt werden kann, sowohl telefonisch als auch per E-Mail. Viele Lehrende und auch Studierende haben bestimmte Vorstellungen, wie das digitale lehren und lernen funktioniert – zum Beispiel wünschen sie sich  Möglichkeiten für Online-Klausuren und synchrone Kommunikationstools mit Präsentationsfunktion. Die Lehrenden prüfen intensiv, wie sich das umsetzen lässt.

Was ist eine technische Unterstützung, die den Lehrenden hilft, um die Wissensvermittlung und den Austausch, der essentiell ist für eine Universität, am Leben zu erhalten?

Der zentrale Ort für den Austausch bildet das Videokonferenz- und Chatsystem „BigBlueButton“ (BBB), das wir in Zusammenarbeit mit dem Rechenzentrum implementiert haben. Es ermöglicht richtig gute synchrone digitale Kommunikation und transformiert sozusagen die Lehrveranstaltungen ins Digitale. Man kann mit BBB Folien zeigen, man kann sich gegenseitig austauschen per Audio, Video oder Chat und den Bildschirm teilen, um anderen zum Beispiel Powerpoint-Folien und Webseiten zu zeigen. Wir stellen nicht nur die reine Infrastruktur zur Verfügung, sondern auch den Support. Wir versuchen, möglichst viel Beratung und technische Unterstützung zu bieten. Nicht jeder muss selber seine Online-Lehrveranstaltungen  technisch aufbauen und betreuen.

Was empfehlen Sie Studierenden?

Den Studierenden kann ich empfehlen, dass sie die Möglichkeiten, die sich jetzt bieten, auch tatsächlich nutzen – sie können sich unabhängig von Ort und Zeit mit dem System vertraut machen und sich selbst Kenntnisse und Kompetenzen aneignen. Sie können durch die digitale Lehre unabhängig vom Hörsaal oder der Lehrveranstaltung lernen. Sie müssen zum Beispiel nicht am Montag von 10:00 bis 12:00 Uhr in Hörsaal 2 sein, sondern können flexibler lernen. Die Studierenden sollten das eigene Lernverhalten auch überprüfen, sie haben jetzt sozusagen mehr Eigenverantwortung für ihr Zeit- und Lernmanagement – das ist auch eine Fähigkeit, die sie gut im weiteren Berufsleben anwenden können: sich Wissen selber anzueignen, zielorientiert vorzugehen und Prioritäten zu setzen. Das E-Learning bietet den Studierenden auch die Chance, ‚über den Tellerrand‘ zu schauen. Jetzt gibt es digital Wege, Dinge zu lernen, die nicht direkt auf dem Studienstundenplan stehen. Als Kulturwissenschaftler kann ich zum Beispiel auch eine Data-Analytics-Veranstaltung und als Umweltwissenschaftlerin eine philosophische Vorlesung besuchen, wenn die Lehrenden einverstanden sind, das bietet neue Chancen.
Eine unserer Erfahrungen ist, dass die Anzahl der Teilnehmenden signifikant gestiegen ist, seitdem etwa die Veranstaltungsreihe zum Forschungsdatenmanagement vollständig online angeboten wird, was bedeutet: Es werden Hemmschwellen abgebaut. Ich gehe davon aus, dass das bei den Studierenden auch so ist.

Was empfehlen Sie Lehrenden?

Die Lehrenden sollen möglichst weiter offen bleiben und verschiedene Dinge testen: Was eignet sich digital besonders gut an Lehrinhalten und Lehrmaterialien, und wie kann ich das Gewohnte ins Digitale transformieren?

Was kann man denn digital noch umsetzen, was kann das Learnweb noch leisten? Welche Palette an Möglichkeiten haben Lehrende mit dem Learnwebsystem?

Es fängt an bei der Speicherung von Lehrmaterialien, das ist die Basis – also etwa die Bereitstellung von Dokumenten in einer Vorlesung in der Wirtschaftsinformatik in einer Eins-zu-Eins-Transformation in den digitalen Raum via Videokonferenz und Präsentation, die man online verfolgen kann. Die Lehrenden probieren aus, was für ihre Lehrveranstaltung das richtige Format ist. Viele Lehrende zeichnen auch Videovorlesungen auf, zu Hause am Laptop – wir nennen das „Screencasts“ –, die sich die Studierenden anschauen und diese werden dann im Nachhinein besprochen mit allen Kursteilnehmern in einer Videokonferenz. Dann gibt es im Learnwebsystem kollaborative Texteditoren, mit denen man gemeinsam gleichzeitig an Texten arbeiten kann und genau sieht, was der oder die andere in dem Moment tippt. Es gibt ein Tool, mit dem Hausarbeiten und Aufgaben eingereicht und online im System bewertet werden können, so dass die Studierenden sofort eine Rückmeldung bekommen, wenn die Lehrenden die Durchsicht abgeschlossen haben. Wir haben Tools integriert für digitale Sprechstunden und zur Online-Gruppenfindung und Gruppenverwaltung – die Lehrenden können Gruppen definieren, etwa 5 Personen pro Gruppe, und die Studierenden können sich dann selbstständig auf diese Gruppen aufteilen. Gruppenarbeiten, die früher in Seminarräumen und bei Raumnot organisiert werden musste, können heute digital quasi nahezu grenzenlos und ortsunabhängig ablaufen.

Wie erleben Sie diesen Wandel, der durch die Coronavirus-Pandemie stärker forciert wird; diesen Zeitsprung, den die gesamte Universität erlebt, mitten im Digitalen angekommen zu sein, weil es gar nicht anders geht, weil sich Lehrende und Studierende momentan in Präsenz nicht treffen dürfen? Das Lernmanagementsystem betreibt die Universität Hildesheim seit 2008 – dies mussten Sie nicht in der Not in kurzer Zeit auf die Beine stellen, sondern waren vorbereitet?

Richtig, wir waren vorbereitet, das Learnweb wurde auch vorher schon immer gut genutzt, aber ich erlebe jetzt in der Corona-Krise, dass die Lehrenden sich Gedanken darüber machen, wie sie das, was sie bisher gemacht haben, erweitern können. Wie kann ich das Etablierte digital umsetzen und eventuell um neue Dinge ergänzen? Die Nachfrage nach einzelnen Möglichkeiten steigt sehr stark an. Auch die Nutzung des Learnweb steigt stark an, weil mehr oder weniger alle das E-Learning jetzt nutzen müssen. Und ich bemühe mich, möglichst viel und gezielt zu beraten, so dass die Potentiale des Learnweb auch gut genutzt werden und einige Lehrende auch Neues entdecken und ausprobieren.

Das ist in dieser Krise ein positiver Hoffnungsschimmer, dieses Engagement der Lehrenden in allen Fachgebieten zu erleben, was an Ideen für die digitale Lehre entwickelt und umgesetzt wird.

Absolut! Ich erlebe eine sehr positive Grundstimmung der Lehrenden. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, ist bereit, sich auf diese neuen Herausforderungen einzustellen und das auch zu nutzen und das Ganze neu zu denken. Und wenn kleine Probleme auftreten, lassen diese sich meist sehr gut lösen.

Die Fragen stellte Isa Lange.