Interview mit dem Historiker Prof. Dr. Michael Gehler

Donnerstag, 04. Februar 2021 um 12:00 Uhr

„Der Dreiklang aus Forschung, Studium und Lehre führt zu einer Synthese. Ohne das eine ist auch das andere nicht vorstellbar“, sagt der Historiker Prof. Dr. Michael Gehler im Interview. Die Universität zeichnet den Leiter des Instituts für Geschichte mit dem Preis für hervorragende Forschung aus.

Prof. Dr. Michael Gehler forscht und lehrt seit 2006 an der Stiftung Universität Hildesheim. Der Historiker leitet das Institut für Geschichte (IfG) und ist Inhaber des „Jean Monnet Chair“ für Vergleichende Zeitgeschichte Europas und europäische Integration. Zuvor war er von 1999 bis 2006 ao. Professor am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck. Gehler ist Senior Fellow am Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) in Bonn und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

Für seine herausragenden Leistungen in der Forschung wird Professor Michael Gehler mit dem Preis für hervorragende Forschung der Universität Hildesheim ausgezeichnet.

Interview mit Prof. Dr. Michael Gehler: „Der Dreiklang aus Forschung, Studium und Lehre führt zu einer Synthese. Ohne das eine ist auch das andere nicht vorstellbar“

Herr Professor Gehler, Sie forschen und lehren seit 15 Jahren an der Stiftung Universität Hildesheim. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem diesjährigen Preis für herausragende Forschung?

Sie bedeutet für mich Anerkennung und Wertschätzung für die gesamte Forschungsarbeit am IfG, an dem es keine „One-Man-Show“ gibt. Unser Mini-Institut, das vorwiegend der Lehramtsausbildung dient, erlebte in dieser Zeit drei Habilitationen (Freiburg, Salzburg und Siegen haben sich die Kandidaten schon geangelt), über 15 Promotionen, die Europagespräche mit knapp 300 Vorträgen online, zahlreiche Konferenzen und drei Buchreihen. Ohne Teamarbeit und unser Hochaktiv-Sekretariat Eva Löw wäre das alles unmöglich gewesen. Vorgesehen ist nun eine neue Reihe mit herausragenden Masterarbeiten.

Wie erleben Sie die Gemeinschaft der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Hildesheim? Sie haben fachdisziplinübergreifend zum Beispiel mit Kollegen der Theologischen Ethik in einem Projekt über „Europa als Verantwortungsgemeinschaft“ geforscht.

Interdisziplinäre Kooperationen gab es mit Reiner Arntz und Silvio Vietta, Vorzeige-Kollegen und Top-Leute, in der Vergangenheit. Mit dem dynamischen Kollegen Jörg Bölling von der Katholischen Theologie läuft seit Jahren ein fruchtbringendes gemeinsames Forschungskolloquium für den akademischen Nachwuchs. Für die Erlangung des DFG-Status der Universität müssen meinem Empfinden nach Kooperation und Vernetzung stärker werden, wenn die Kapazitäten es zulassen.

Sie haben eine Reihe an neuen Publikationen veröffentlicht. Das gleicht einem Marathon. Worin liegt Ihre Motivation?

Ich verstehe die Professur als Berufung und nicht als Job. Familiärer Rückhalt ist absolut gegeben. Ich bin kein Solist, sondern Teamworker. Mit Freude arbeite ich mit jüngeren Kollegen wie Alexander Merkl, Juniorprofessor für Theologische Ethik, zusammen. Mit Frau Löw haben wir ein grandioses Sekretariat, mit dem die Arbeit richtig Freude macht. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und die Lehre aus eigener Forschung für unsere 130 bis 150 Studierenden sind mir sehr wichtig. Mit Professorin Juliane Brauer ist es gelungen, eine profilierte Geschichtsdidaktikerin und Fachwissenschaftlerin zu gewinnen, womit das Ein-Professor-Institut endlich Geschichte ist.

Wie konnten Sie als Historiker Ihr Forschungssemester nutzen?

Es war mehr als das, nämlich ein Forschungsjahr. Ein Forschungssemester bringt erfahrungsgemäß nur sehr, sehr wenig. Man ist am Ende dort angelangt, wo man am Anfang sein wollte. Das Forschungsjahr bekam ich genehmigt, weil ich zuvor einmal auf ein Forschungssemester verzichtet habe. Ich würde das auch allen raten. Ein Jahr eröffnet ganz andere Möglichkeiten, zahlreiche offen gebliebene Projekte abzuschließen und neue Veröffentlichungen voranzubringen.

„Corona ist eine Zäsur. Die COVID-19-Pandemie beförderte das Nachdenken über das Krisenmanagement der EU.“

Ihr Forschungsjahr fällt in die Zeit der COVID-19-Pandemie. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihre Forschungstätigkeit?

Das Home Office hat zwar die Realisierung von Publikationsvorhaben befördert, die Pandemie aber die Mobilität stark eingeschränkt, etwa den Zugang zu Archiven oder die Durchführung von Konferenzen. Die Folgen des Coronavirus sind ambivalent. Die Online-Lehre kann den direkten Austausch in der Universität nicht ersetzen. Forschungsreisen wurden abgesagt, etwa eine Buchvorstellung in Washington, aber dadurch entstanden neue Freiräume. Das Home Office führte zur Besinnung und Kontemplation. Die COVID-19-Pandemie verstärkte bei mir das Nachdenken über das Krisenmanagement der EU. Ein Ergebnis ist eine Publikation gemeinsam mit dem Wiener Kollegen Manfried Rauchensteiner über „Corona und die Welt von gestern“, und zwar inwieweit es sich aus der Sicht verschiedener Disziplinen um eine Zäsur handelt. Wie das Imperium EU mit der Krise umgeht, ist eine der Fragen, die mich weiter bewegen.

Mit welcher Forschungsfrage haben Sie sich während Ihres Forschungsjahres intensiv befasst?

Es waren mehrere, zum Beispiel der Weg eines Kleinstaats wie Österreich nach Europa und in die EU 1919-2009 im großen Überblick einer Monographie auf Englisch. In einem Forscherteam fragten wir uns, wie der nicht geringe Widerstand gegen den Kommunismus hinter dem Eisernen Vorhang nach 1945 ausgeprägt war. Mit einer Kollegin aus Szombathely, Ibolya Murber, begann ich an einer Quellenedition zu arbeiten, in der es um die Vorgeschichte ab 1949 und die Gründe für den Ungarnaufstand von 1956 geht.

Mit meinem Freund, dem Innsbrucker Althistoriker Robert Rollinger haben wir einen Band über Sternschnuppen-Imperien („Shortterm Empires“) abgeschlossen und uns gefragt, was solche Kurzzeit-Imperien ausmacht und woran sie zugrundegehen. Ein weiterer Band über Erosion und Implosion von Imperien folgt gemeinsam mit Philipp Strobl.

Eine Neuauflage meines Deutschlandbuchs von 2010 wurde um das letzte Jahrzehnt neugeschrieben, praktisch was von der angeblich geeinten Nation 1990 zur tatsächlich gespaltenen Gesellschaft von 2020 führte. Das Gleiche ist mit einem Reader „Der Weg Europas. Von der Utopie zur Gegenwart der EU“ geschehen, der bis zur COVID-19-Krise aktualisiert wurde. Mit dem Essener Europa-Historiker Wilfried Loth haben wir Hildesheimer Konferenzergebnisse von 2019 veröffentlicht, die sich mit Fragen des Neuanlaufs in der europäischen Integrationspolitik von 1985 bis 1989 beschäftigten, und mit dem erwähnten Kollegen von der katholischen Theologie des Fachbereich I, Alexander Merkl und dem Nachwuchsmann Kai Schinke, haben wir einen interdisziplinären Zukunftsdiskurs über die „EU als Verantwortungsgemeinschaft“ mit der Bürgergesellschaft organisiert, der publiziert werden konnte. Mit dem ehemaligen IfG-Promoventen Dr. Marcus Gonschor war ein Gemeinschaftswerk zur Biographie und zum Wirken des Europaparlamentariers aus Niedersachsen, Hans-Gert Pöttering, zu erarbeiten, dessen Initiative zu dem 2017 eröffneten Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel geführt hat.

Eine umfassende Edition mit über 50 Zeitzeugen aus Ost und West zu „30 Jahre deutsche Einheit“ konnte mit Oliver Dürkop abgeschlossen werden, die im Mai erscheinen kann. Ein Europagespräche-Band „Geschichte schreiben – Geschichte vermitteln“ ist gemeinsam mit Andrea Brait und Philipp Strobl bei Olms erschienen. Zuguterletzt ist die Heimat meiner Frau Angelika nicht zu vergessen: Südtirol. Eine Aktenedition zum Ersten Autonomiestatut 1948, an der auch Deborah Cuccia mitgewirkt hat, wird jetzt herauskommen.

Diese unfassbare Vielzahl der Werke erklärt sich durch jahrelang angestaute Projekte, was die Immanenz eines Strukturproblems in Permanenz aufzeigt. Im „Normalfall“ kommt man an der Universität kaum mehr zu kontinuierlicher und nachhaltiger Forschung. Es fehlt die Zeit, die man sich anderweitig nehmen muss.

Werden Ihre Forschungserkenntnisse Einfluss auf Ihre Lehre haben? Können Sie ein Beispiel nennen?

Das war immer so und ist nun mehr denn je bei den meisten Forschungsthemen so. Am IfG hat trotz aller Hemmnisse Forschung Priorität, dann folgt das Studium des Erforschten und sodann kommt forschungsbasierte Lehre zu ihrem Recht. Nur in dieser Reihenfolge ergibt das Sinn. Der Dreiklang führt zur Synthese. Ohne das eine ist auch das andere nicht vorstellbar. Jetzt geht es um eine zweite Videovorlesung in Corona-Zeiten zur Geschichte Europas vom Mittelalter bis in die Neuzeit sowie ein Online-Seminar zur deutschen und europäischen Geschichte 1914-1991. Mit historischen Imperien haben wir uns im epochenübergreifenden Überblick in den vergangenen Semestern intensiv auseinandersetzt und die Vergleichsfolie EU herangezogen, was Studierende z. B. animiert hat, BA- und MA-Arbeiten über Japan in der Tokugawa-Zeit, das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie zu schreiben.

Das Interview führte Isa Lange.


Der Historiker Professor Michael Gehler in seinem Büro inmitten von Büchern. Publikationen von Prof. Dr. Michael Gehler (Auswahl). Porträt: Daniel Kunzfeld

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