Internationalisierung im Lehramtsstudium – Zuhause und in Sarajevo
Dienstag, 27. Januar 2026 – 12:24 Uhr
„Auslandsexkursionen für Lehramtsstudierende sind eine Seltenheit,“ erzählt Dr. Anja Schade, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften. Mit einer Kooperation zwischen der Universität Hildesheim und der University of Sarajevo (UNSA) möchte sie hier ansetzen. Denn: „Interkulturelle Kompetenz und sicherer Umgang mit Mehrsprachigkeit werden für angehende Lehrer*innen zusehends wichtiger.“
Schade, die zur DDR-Geschichte forscht, verankert den internationalen Ansatz bereits in ihrem Seminar zu postsozialistischer Erinnerungskultur in Hildesheim – ein Pflichtseminar für die Studierenden. „Der Kurs ist bilingual aufgebaut,“ erklärt sie. „Die Studierenden lesen Texte in deutscher und englischer Sprache zur Geschichte der DDR und Jugoslawiens.“ In hybriden Seminarsitzungen tauschen sie sich dann hierüber mit den bosnischen Studierenden aus. Dazu arbeitet Schade mit dem Projekt Translang2 zusammen, das sich mit Mehrsprachigkeit in Studium und Unterricht befasst. „Aus wechselseitiger Co-Konstruktion zwischen Anja Schade und mir entwickelte sich ein Workshop zu Mehrsprachigkeit und Translanguaging, maßgeblich getragen von den Rückmeldungen der beteiligten Studierenden, der künftig zu Semesterbeginn angeboten werden wird und den auch Dozierende weiterer Lehramtsfächer für ihre Lehrveranstaltungen anfragen können,“ sagt Kristina Förster, aus dem Projektteam von Translang2. Die Zusammenarbeit soll also weitergehen – auch um mehr Studierenden Selbstvertrauen in mehrsprachigen Szenarien zu ermöglichen. „Wir sehen, dass viele Studierende im Umgang mit englischen Texten unsicher sind, nicht weil sie fehlende Kompetenzen hätten, sondern weil sie es sich selbst nicht zutrauen. Im Hinblick auf mehrsprachige Klassen in der Schule wollen wir den Studierenden Sicherheit geben,“ sagt Schade.
Doch dazu gehört nicht nur Textarbeit: „Das Thema Postsozialismus bietet sich an, um praktische Internationalisierungserfahrungen zu sammeln.“ Mit Unterstützung des International Office der Universität Hildesheim konnten Erasmus-Gelder eingeworben und eine Exkursion für die Lehramtsstudierenden auf die Beine gestellt werden – in Kooperation mit der University of Sarajevo. Konkret bedeutet das: Im Dezember besuchten Studierende aus Sarajevo die Universität Hildesheim. „Neben dem Kennenlernen standen Ausflüge nach Berlin und Leipzig auf dem Programm, um den Umgang mit der postsozialistischen Zeit in Deutschland zu entdecken,“ berichtet Schade. Ein Gegenbesuch ist ebenfalls in Planung: In der Exkursionswoche des kommenden Sommersemesters geht es für die Hildesheimer Studierenden nach Sarajevo. „In Bosnien und Herzegowina gibt es eine andere Art der Erinnerung an den Sozialismus. Auf diese Weise bekommen die Studierenden unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema, das uns als Europäer*innen alle angeht.“ Die inhaltliche Ebene ist aber nur eine Seite der Medaille: „Mit der Exkursion wecken wir Neugierde auf internationale Erfahrungen und bauen Hemmungen ab,“ erzählt Schade. „Anders als beispielsweise bei einem Auslandssemester sind die Studierenden nicht in einem fremden Land auf sich alleine gestellt. Im Rahmen einer betreuten Begegnung können sie sich erst einmal orientieren – um vielleicht später für einen längeren Aufenthalt zurückzukommen.“
Internationalisierung light also oder Internationalisierung at home, wie dieser Ansatz offiziell genannt wird. Dass aus den ersten Erfahrungen intensivere Formate entstehen, hält Schade für sehr wahrscheinlich: „Die teilnehmenden Studierenden geben positives Feedback, sowohl zur eigenen Sicherheit im Umgang mit der englischen Sprache im direkten Kontakt mit den bosnischen Studierenden als auch zu möglichen längeren Aufenthalten im Ausland.“ Für Schade ein klares Signal: „Mehr mehrsprachige Seminare im Lehramtsstudium wären ein wichtiger Ansatzpunkt. Die angehenden Lehrer*innen werden viel leisten müssen und unsere Aufgabe ist es, ihnen das passende Werkzeug in den Koffer zu packen. Das betrifft Aspekte wie Digitalisierung aber ganz zentral eben auch Internationalisierung.“ Im Rahmen der Internationalisierungsstrategie der Universität möchte Schade das Thema Lehramt auf die Agenda setzen. Ziel ist es das aktuelle Projekt zu verstetigen und mehr Studierenden eine Auslandsexkursion zu ermöglichen – beispielsweise als Teil einer Summer School.
Eindrücke vom Besuch der Studierenden aus Sarajevo in Hildesheim gibt es hier und auf Instagram.
Erstellt von Ineke Nithack