Internationale Konferenz und Wippermann-Lecture

Freitag, 10. Januar 2020 um 16:29 Uhr

Die kognitive und sprachliche Entwicklung des Menschen ist eng miteinander verknüpft. Ein Forschungsteam aus Sprachwissenschaft, Bildungssoziologie und Entwicklungspsychologie befasst sich mit Prozessen des Sprachlernens.

Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Universität Hildesheim lädt zur internationalen Konferenz „External and Internal Variables Affecting (Language) Learning Processes“ ein.

„Wippermann Fellowship“

Mit Unterstützung aus der Bürgergesellschaft gelangen internationale Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler nach Hildesheim. Zum fünften Mal vergibt die Universität Hildesheim das „Wippermann Fellowship“. Das Stipendium erhielt in diesem Jahr Professor Adam Winsler von der George Mason University, Virginia, USA. Im Rahmen der Tagung hält der Psychologe am 17. Januar 2020 die Wippermann-Lecture.

Das Ehepaar Jutta und Prof. Dr. Burkhard Wippermann hat 2017 erstmals in Kooperation mit der Universität Hildesheim ein „Wippermann Fellowship” für internationale Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler gestiftet. Das Stipendium beinhaltet eine individuelle Förderung, die dem Gastwissenschaftler Freiräume und Ressourcen für die Durchführung von Forschungs- und Lehrvorhaben an der Universität Hildesheim ermöglicht.

Interdisciplinary Symposium, 17.01.2020
External and Internal Variables Affecting (Language) Learning Processes

Interview mit der Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Kristin Kersten, der Bildungssoziologin Prof. Dr. Janna Teltemann und dem Entwicklungspsychologen Prof. Dr. Werner Greve

Sie richten die internationale Konferenz „External and Internal Variables Affecting (Language) Learning Processes“ aus. Was ist eine zentrale Forschungsfrage, die Sie auf dem Kongress in Hildesheim mit Fachkollegen aus den USA, Großbritannien und Deutschland diskutieren?

Bei dem Symposium geht es darum, wie verschiedene Disziplinen auf Lernprozesse schauen, insbesondere auf Prozesse des Sprachlernens, und darum, welche Rolle einzelne Faktoren dabei spielen. Wichtige Einflussbereiche sind im sozialen und schulischen Umfeld zu sehen, aber sie werden vermittelt über individuelle Prozesse – eben deswegen ist die interdisziplinäre Perspektive so wichtig.

Sie halten Vorträge über das Zusammenspiel von kognitiven und sprachlichen Faktoren. Die kognitive und sprachliche Entwicklung des Menschen ist eng miteinander verknüpft. Was sind Forschungsergebnisse aus Ihren Studien, welche Sie auf dem Kongress vorstellen?

An den Grundschulen im Umfeld von Hildesheim und Hannover finden wir zum Beispiel, dass die Qualität des Unterrichts den Fremdsprachenerwerb vorhersagt: Je bedeutungsvoller die Inhalte und je stimulierender die Aktivitäten, desto besser die Sprachentwicklung. Die frühe Interaktion im Elternhaus zeigt einen Zusammenhang mit dem Arbeitsgedächtnis der Kinder, wie auch der soziale Status im Allgemeinen. Allerdings finden wir auch Hinweise darauf, dass sich bei gutem, stimulierenden Unterricht der negative Zusammenhang zwischen sozialem Status und kognitiver Kompetenz abschwächt.

Sie befassen sich in der Forschung mit der Frage, welche Faktoren Lernprozesse im Allgemeinen und den Zweitspracherwerb im Besonderen beeinflussen und welche Variablen beeinflussbar sind, welche sind dies zum Beispiel?

Letztlich hängen kognitive und sprachliche Prozesse sehr eng zusammen. Alle Faktoren, die die kindliche Entwicklung stimulieren, spielen dabei eine Rolle. Sehr wichtig sind in diesem Zusammenhang das Elternhaus, vor allem die Interaktion von Eltern mit ihren Kindern, besonders in den ersten Jahren, in denen sich das Gehirn stark entwickelt. Die Qualität des Schulunterrichts ist ein anderer wichtiger Aspekt. Auch die Unterschiede zwischen Kindern sind von Bedeutung: so besteht ein starker Zusammenhang zwischen Intelligenz und Gedächtnisfähigkeiten eines Kindes, seinen Verhaltensbereitschaften wie Angst oder Kommunikationsbereitschaft auf der einen Seite und Sprache oder Schulleistungen auf der anderen.

Im Rahmen der Konferenz spricht der Psychologe Dr. Adam Winsler von der George Mason University in Virginia, USA über zweisprachig aufwachsende Kinder und Jugendliche in Miami. Der Wissenschaftler zeigt anhand einer groß angelegten Längsschnittstudie, in der Kinder ab dem 4. Lebensjahr bis zum Abitur begleitet wurden, welche Faktoren den Spracherwerb beeinflussen. Analysen zeigten, dass spanischsprachige Kinder im Vorschulalter mit mehr Eigeninitiative, Selbstbeherrschung und weniger Verhaltensproblemen im Alter von 4 Jahren erfolgreicher Englischkenntnisse am Ende des Kindergartens erlangten als diejenigen, die anfangs in diesen Fertigkeiten schwächere Startvoraussetzungen mitbringen. Adam Winsler ist zum Forschungsaufenthalt im Rahmen des Wippermann-Fellowship an der Universität Hildesheim. Was ermöglicht das Wippermann-Fellowship, mit welchen Forschungsfragen befasst sich der Gastwissenschaftler in Hildesheim? Wie arbeiten Sie zusammen, was ermöglicht das Wippermann-Fellowship?

Die Idee des Wippermann-Fellowships ist es, über kurze Kontakte, etwa auf einer Tagung, per Email oder Skype, hinauszukommen, und in ruhiger Atmosphäre über den Zeitraum einiger Wochen zusammenzuarbeiten, also nicht nur einander Befunde vorzustellen, sondern methodische oder theoretische Fragen und Schwierigkeiten, vielleicht auch Differenzen zu diskutieren. Die Arbeiten von Adam Winsler sind einerseits im Zugang in Vielem ähnlich und deswegen hochinteressant für die sprachwissenschaftlichen Projekte (Kersten), haben aber wegen der Berücksichtigung der sozialen Bedingungen der von ihm untersuchten Kinder auch eine hohe Anschlussfähigkeit an den soziologischen Blick auf Bildungsprozesse (Teltemann). Zugleich ist Winsler disziplinär Entwicklungspsychologe, beachtet also gerade auch individuelle Entwicklungsbedingungen und -prozesse. Eben deswegen war er für ein interdisziplinäres Gespräch so besonders attraktiv. Das ist auch der Ansatz für das Symposium, dass wir aus Anlass seines Fellowships hier organisiert haben.

Die Fragen des Symposiums untersuchen Sie in interdisziplinären Forschungsteams. Welche Erkenntnisse können Sie aufgrund dieser interdisziplinären Zusammenarbeit gewinnen?

Wir sind uns sehr einig darin, dass Bedingungen auf verschiedenen konzeptuellen Ebenen bei der Entwicklung der Sprachkompetenzen oder anderer kognitiver Fähigkeiten in komplexer Weise zusammenwirken: Es ist unerlässlich, individuelle Aspekte (zum Beispiel das Arbeitsgedächtnis), Aspektes des unmittelbaren Umfeldes (etwa Diskussionen mit den Eltern), aber auch allgemeine soziale Randbedingungen (zum Beispiel die Verfügbarkeit von materiellen Ressourcen) zu berücksichtigen. Was häufig weniger beachtet und diskutiert wird, ist die Art und Weise, wie man Zusammenspiel dieser Faktoren, die ja auf verschiedenen theoretischen und empirischen Ebenen liegen (das Arbeitsgedächtnis ist ein Aspekt, der nur das individuelle Kind betrifft, das Elternhaus auch seine Geschwister, der Unterricht alle Kinder in der Klasse etc.), gedacht werden kann. Hier gibt es eine Reihe methodischer und theoretischer Schwierigkeiten, die aus unserer Sicht sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdienen. Genau diese Diskussion ist eine Absicht des Symposions.

Gerade weil diese Faktoren aus sozialer, psychologischer und sprachwissenschaftlicher Sicht eng miteinander zusammenhängen, können wir in den verschiedenen Disziplinen stark voneinander profitieren. Das gilt für die empirischen Befunde – also die Forschungsergebnisse zu den Zusammenhängen in den einzelnen Bereichen – genauso wie für methodische Ansätze. In diesem Sinne haben wir auch schon in der Vergangenheit eng zusammengearbeitet.

Wie blickt die Bildungssoziologie auf diese Fragestellungen?

Die Bildungssoziologie greift insbesondere auf, was Lernergebnisse für Folgen für individuelle Lebensgestaltung und Teilhabechancen haben, also etwa inwieweit sie zu Bildungsabschlüssen führen, die den Zugang zum Arbeitsmarkt gestalten. Die Bildungssoziologie zeigt auch, inwieweit Kompetenzen und Bildungsabschlüsse mit anderen Bereichen der Lebensführung, von politischem Interesse über Vertrauen in Mitmenschen und Lebenszufriedenheit, zusammenhängen. Schließlich gilt das Interesse der Bildungssoziologie vor allem den weiteren Rahmenbedingungen, in die die Lernprozesse eingebunden sind: die Institutionen des Bildungssystems, die zum Beispiel die Qualifikation des Lehrpersonals und die Organisation der Schulen und des Unterrichts vorgeben, aber auch die gesellschaftlichen Grundlagen, ihre Demographie und Ungleichheit etwa.

Programm und Abstracts des interdisziplinären Symposiums

Die Fragen stellte Isa Lange.


Der Psychologe Adam Winsler von der George Mason University arbeitet während eines Forschungsaufenthaltes als Wippermann Fellow mit der Bildungssoziologin Janna Teltemann, der Sprachwissenschaftlerin Kristin Kersten und dem Entwicklungspsychologen Werner Greve zusammen.

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