Interkulturelle Philosophie als gemeinsame Praxis- Prof. Dr. Anke Graneß forscht zu Philosophie in Afrika

Samstag, 01. März 2025 um 15:25 Uhr

Prof. Dr. Anke Graneß ist eine der wenigen Expert*innen für afrikanische Philosophie im deutschsprachigen Raum. Seit 2019 ist sie am Institut für Philosophie tätig. Durch die Gründung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Kolleg-Forschungsgruppe „Philosophieren in einer globalisierten Welt – Historische und systematische Perspektiven“ erhielt sie im Oktober 2024 eine eigens für sie konzipierte Forschungsgruppenprofessur. Die Denomination dieser Professur ‚Philosophie in Afrika‘ ist im deutschsprachigen Raum bislang die Einzige im Forschungsfeld Philosophie. In ihrer Arbeit schließt sie dabei immer auch feministische Perspektiven mit ein.

Ab 1988 studierte Graneß Philosophie an der Universität Leipzig. Dort lernte sie Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann kennen, einen Experten für Afrikawissenschaften, der sie für die afrikanische Philosophie begeisterte. Graneß wechselte 1991 nach Wien. In Wien machte sie ihren Magisterabschluss und schrieb ihre Doktorarbeit. Dort hatte sie durch Prof. Dr. Franz Martin Wimmer erste Berührungspunkte mit der interkulturellen Philosophie. Diese neue Orientierung in der Philosophie versucht, Beiträge aller philosophischen Traditionen aus vielen verschiedenen Regionen und Sprachen der Welt gleichberechtigt in die philosophischen Diskurse einfließen zu lassen. Nach ihrer Promotion erhielt sie eine Förderung des Fonds zur wissenschaftlichen Förderung (FWF) für ein Forschungsprojekt zur Philosophiegeschichtsschreibung in Afrika an der Universität Wien. Dieses Habilitationsprojekt führte sie später im Rahmen des Reinhart-Koselleck-Projekts „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“ in Hildesheim fort. Ihr Buch „Philosophie in Afrika“, das 2023 im Suhrkamp Verlag erschien, ist ein zentrales Ergebnis dieser Arbeit.

Die Kolleg-Forschungsgruppe

Die Idee zur Konzipierung einer Kolleg-Forschungsgruppe wurde von den Professoren des philosophischen Instituts Rolf Elberfeld, Sool Park und Anke Graneß gemeinsam entwickelt, um die Forschungen aus dem von 2019 bis 2024 gelaufenen Koselleck-Projekt „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“ fortzusetzen und weiterzuentwickeln. Während im Koselleck-Projekt Philosophiegeschichten in verschiedenen Sprachen, darunter Chinesisch, Arabisch und Tibetisch, zusammengetragen und erforscht wurden, setzt die neue durch die DFG geförderte Kolleg-Forschungsgruppe nun einen neuen Fokus. Mit dem hier ermöglichten Fellowship-Programm soll einen Austausch mit Philosoph*innen aus verschiedenen Ländern intensiviert werden: „Wir treten in einen direkten Polylog, da heißt ein mehrstimmiges Gespräch, mit Philosoph*innen aus unterschiedlichen Weltregionen. Ein vielsprachiger und philosophischer Austausch ist wichtig, nicht nur um Differenzen anzuerkennen, sondern auch um gemeinsame Lösungen für philosophische Probleme zu finden. Dieser interkulturelle Dia- oder Polylog eröffnet neue Perspektiven auf philosophische Fragen und lässt uns die Philosophie als ein gemeinsames, vielstimmiges Projekt verstehen, das nicht nur westlich geprägte Lösungen bietet,“ erklärt Graneß. Besonders in der angewandten Ethik sei dies von großer Bedeutung. Fragen der Umweltethik oder die der globalen Gerechtigkeit können nicht alleine aus einer europäischen Perspektive betrachtet werden, betont die Philosophin: „Es braucht den Blick auf Konzepte anderer Weltregionen, insbesondere von Gesellschaften mit kolonialen Erfahrungen. Denn jede Perspektive hat blinde Flecken und nur im Dialog können wir sie überwinden.“ Ein solcher blinder Fleck ist die Marginalisierung von Frauen in der Philosophie – in der Geschichte und zum Teil bis heute. Im Rahmen der Kolleg-Forschungsgruppe soll auch dagegen gewirkt und sollen insbesondere Philosophinnen als Fellows eingeladen werden.

Aktuelle Projekte und Pläne für die Zukunft

Das aktuelle Projekt der Kolleg-Forschungsgruppe widmet sich der Erstellung einer Datenbank mit grundlegenden Werken der Philosophie in verschiedenen Sprachen. Der Fokus liegt zunächst auf Afrika, gefolgt von Lateinamerika und in einer zweiten Förderperiode auf Asien. Damit soll erreicht werden, dass über Jahrhunderte marginalisierte philosophische Traditionen sichtbarer und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, um eine vielfältigere Wissensbasis zu schaffen, die nicht nur westlich-europäisch orientiert ist: „Die vorherrschende Ordnung des Wissens ist eurozentrisch und umfasst eine starke Hierarchisierung. Wir wollen mit unserer Arbeit diese dominante Wissensordnung infrage stellen und zu neuen Wissensordnungen anregen“, sagt Graneß.

Außerhalb der Forschungsgruppe arbeitet die Professorin am Editionsprojekt „Grundriss der Geschichte der Philosophie“ mit, einem bereits seit dem 19. Jahrhundert bestehenden philosophiegeschichtlichen Werk in vielen Bänden. Während dieses Publikationsprojekt lange ausschließlich auf die Geschichte der europäischen Philosophie beschränkt war, werden seit einigen Jahren andere Philosophietraditionen einbezogen, zum Beispiel der Philosophie in der islamischen Welt. Im Rahmen dieses Vorhabens soll nun eine achtbändige Reihe zur Geschichte der Philosophie in Afrika in den nächsten 10 bis 15 Jahren erscheinen.

Weitere Informationen über die Kolleg-Forschungsgruppe 


Prof. Dr. Anke Graneß. Foto: Laura-Marina Bade.

Die Kolleg-Forschungsgruppe von links nach rechts: Sool Park, Jordan Kynes, Monika Rohmer, Lara Hofner, Abosede Ipadeola (Fellow), Birgit Benzing, Abbed Kanoor, Leon Kring, Anke Graneß und Rolf Elberfeld. Foto: Yegu Shin.