Hildesheimer Studierende gründen die Junge Kulturpolitische Gesellschaft

Montag, 04. März 2019 um 17:23 Uhr

Eine junge Generation von Kulturschaffenden hat die „Junge Kulturpolitische Gesellschaft“ gegründet. Die „Junge Kupoge“ ist eine Arbeitsgemeinschaft der Kulturpolitischen Gesellschaft und soll den unter 35 Jährigen eine eigene Plattform und Gestaltungsraum ermöglichen. In einem Gastbeitrag gibt Professorin Birgit Mandel Einblicke in eine mit Studierenden konzipierte kulturpolitische Tagung. Mandel forscht und lehrt am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und ist Expertin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung.

Hildesheimer Studierende haben die Gründung der Jungen Kulturpolitischen Gesellschaft auf der kulturpolitischen Tagung unter inhaltlicher Leitung der Hildesheimer Professorin Birgit Mandel in Loccum im Februar 2019 initiiert. Die Konferenz wurde erstmalig unter aktiver Beteiligung von Studierenden konzipiert und durchgeführt. Sie setzten sich auf der Tagung mit Generationwechsel und der Rolle der Kulturpolitik in institutionellen Veränderungsprozessen auseinander.

Gastbeitrag von Prof. Dr. Birgit Mandel

Generationen-Clash oder alles so weiter wie bisher im öffentlich geförderten Kulturbetrieb? Welche Ansprüche haben jüngere Generationen von Kulturschaffenden an Kultureinrichtungen und Kulturpolitik?

Ziel des diesjährigen kulturpolitischen Kolloquiums war es, in einem intergenerationellen und interaktiven Workshop Möglichkeiten der Neu-Aufstellung von Kulturinstitutionen sowie des Verhältnis der öffentlich geförderten Einrichtungen zu Kulturpolitik und Kulturverwaltung zu reflektieren und Ideen zu erarbeiten, die es den Einrichtungen ermöglichen, auf veränderte kulturelle Interessen neuer Generationen zu reagieren.

Generationen-Tandems, soziometrische Aufstellungen und digitale Meinungsabfragen, Generationen-Quartett auf Instagram Lab-Loc und Design Thinking Workshop „Kultopia“, wo gemischte Teams aus den Generationen 1968er, Babyboomer, X und Y ihre ideale Kultureinrichtung gestalten konnten: Das Organisationsteam mit Studierenden aus Hildesheim, Hamburg und Ludwigsburg unter Leitung von Birgit Mandel, Annette Jagla und Patrick Glogner in Kooperation mit der Akademie Loccum (Albert Drews) und der Kupoge (Barbara Neundlinger) entwickelte diverse interaktive Formate, um die 120 Teilnehmenden aktiv zu beteiligen und in Austauchbeziehungen zu bringen.

Welche Unterschiede gibt es in der Wahrnehmung der Aufgaben (öffentlich geförderter) Kultureinrichtungen und zentraler kulturpolitischer Herausforderungen und Lösungsansätze zwischen älteren Kulturschaffenden, die schon langjährige Erfahrungen im Kulturbetrieb haben und zukünftigen „Cultural Leadern“?

Deutlich veränderte Ansprüche gäbe es an die Arbeitsbedingungen: hohe Wechselbereitschaft, gutes Arbeitsklima, angenehme Vorgesetze und ausgewogene Work Life Balance seien „Generation Y“ wichtiger als Macht und Einfluss (Scheytt/Weck); für „Selbstausbeutungspositionen“ seien nur noch schwer Nachwuchskräfte zu finden. Jüngere Führungskräfte  würden ihre Einrichtung deutlich selbstkritischer sehen, Veränderungen im Sinne höherer Diversität und gesellschaftlicher Relevanz anstreben und sich als Führungskraft eher in moderierender Funktion denn als direktiver Chef begreifen (Mandel).

Die kulturellen Interessen jüngerer Generationen würden beeinflusst durch Megatrends wie Digitalisierung, Migration und Klimawandel: Ausstieg aus der Wachstumslogik, Nachhaltigkeit, Beteiligung der Prosumenten; Selber Machen, Selbstverwirklichung dominierten vor dem Interesse an klassischem künstlerisch-kulturellen Erbe (Glogner) und das Bedürfnis nach Resonanz und Selbstwirksamkeit in kreativen Räumen für Selbstbetätigung trete an die Stellte von Geniekult (Lätzel, Vogel).

Digitalisierung zwinge Einrichtungen, ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit neu zu definieren und sei deswegen Katalysator für Veränderung (Holst). Migration forciere Diversität in der Mitarbeiterschaft, neue Kooperationsbeziehungen, neue Programme und eine erweiterte Perspektive auf klassisches kulturelles Erbe (Aksen).

Statt Angebotsqualität stehe zunehmend die Aufenthalts-und Beziehungsqualität von Kultureinrichtungen als „dritte Orte“ im Vordergrund (Wolfram).

Kultureinrichtungen müssten sich künftig an ihrer Relevanz für die Bevölkerung und ihrer Interaktionsfähigkeit messen lassen, weg von der Produkt- hin zur Dienstleistungsorientierung, und Plattform werden für diverse Communities. Strukturell müssten verlässliche Strukturen einerseits und Flexibilität /Agilität andererseits zusammen wirken (Heller). Mit rein rationalem Change Management seien Institutionen nicht zu verändern: „Culture eats strategy for breakfast“; auch die Unternehmenskultur müsste in prozessorientierten Double Loop Learning transformiert werden (Jagla).

Kulturpolitik müsse in diesen Prozessen Planungssicherheit und verlässliche Unterstützung bieten (Heller).

Dass Kulturförderung deutlich konzeptbasierter vorgehe als noch vor ca. 15 Jahren und ihre Einflussmöglichkeiten stärker nutze durch Berufungspolitik, Zielvereinbarungen, Evaluationen, spezifische Förderprogramme für strategische Veränderungen und Weiterbildungsangebote wird in den Tandems von jüngeren und älteren Akteuren aus Kulturpolitik und Kulturverwaltung beobachtet (u.a. Landmann, Rehders).

Deutlich wurde, dass sich alte und junge Kulturakteure weniger in der Benennung inhaltlicher Herausforderungen unterscheiden als viel mehr in der Art und Weise wie sie diese bewältigen wollen. Wechselseitige Vorurteile zwischen den Generationen wurden ebenso bestätigt wie verworfen.

Zum Ende der Tagung wurde die „Junge Kupoge“ gegründet als Arbeitsgemeinschaft der Kulturpolitischen Gesellschaft, die den unter 35 Jährigen eine eigene Plattform und Gestaltungsraum ermöglichen soll. Dabei machten auch die Initiatoren deutlich, dass es weniger andere Themen sind, die sie unterscheiden als viel mehr andere Ansprüche an Kommunikationsweisen und Formate des Diskurses.

Erstellt von Gastbeitrag von Prof. Dr. Birgit Mandel, Institut für Kulturpolitik