Hier geht’s um die Wurst – Warum wir uns über Wörter streiten

Montag, 12. Januar 2026 – 11:54 Uhr
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Sonnenmilch, Schweineöhrchen oder Veggie-Schnitzel: Begriffe wie diese gibt es viele. Doch warum werden einige von ihnen stärker problematisiert als andere? Drei Hildesheimer Sprachwissenschaftler*innen erklären die Hintergründe.

Dr. habil. Karsten Senkbeil, Privatdozent im Institut für Interkulturelle Kommunikation betont: „Nicht-tierische Produkte mit Ausdrücken aus dem semantischen Feld Tiere zu benennen, ist im Deutschen alltäglich.“ Kaum jemand vermutet jedoch Kuhmilch in der Sonnenmilch. Die sprachliche Verbindung wird über Ähnlichkeit und Funktion hergestellt, nicht, weil es sich um einen identischen Gegenstand handele. „Es sieht vielleicht ähnlich aus, wird – im Falle des Veggie-Schnitzels – ähnlich verwendet; diese metonymischen Verbindungen schaffen Vertrautheit,“ so Senkbeil. Hersteller*innen nutzen solche Benennungen, um an Bekanntes anzuknüpfen und Offenheit für Neues zu fördern. „Ein Veggie-Schnitzel ist sprachlich nicht ungewöhnlich. Ähnliche Begriffe finden wir überall. Ein weiteres Beispiel wäre auch der Flügel im Orchester, an dem eher keine Federn vermutet werden.“ Dennoch sorgen insbesondere Bezeichnungen aus dem Ernährungskontext aktuell für Diskussionen. Warum ist das so?

 

Dr. Nicola Hoppe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Interkulturelle Kommunikation sieht den Grund darin, dass solche Diskurse an Lebensstilfragen andocken: „Beim Thema Essen spielen persönliche Werte, Emotionen und Gewohnheiten eine große Rolle. Ernährung ist kein bloßes Konsumverhalten, sondern mit Identität, Moral und Alltag verwoben.“ Während etablierte Metaphern wie Sonnenmilch nicht diskutiert werden, sind neue Benennungen rund um vegane Ernährung umstrittener, „weil sie für viele einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel symbolisieren.“ Die Debatte um Begriffe wird so zum Stellvertreterkonflikt, wie Prof. Dr. Beatrix Kreß, Professorin für Interkulturelle Kommunikation, erläutert: „Tiefer liegende Fragen – etwa nach Moral, Klimaschutz oder sozialem Wandel – werden auf sprachlicher Ebene ausgehandelt.“

 

Senkbeil führt aus: „Die Abwehrhaltung richtet sich selten gegen das Wort selbst, sondern gegen das dahinterstehende Konzept.“ Als Argument wird mögliche Verbraucher*innentäuschung genannt. Tatsächlich sind vegane Produkte oft klar gekennzeichnet, sie liegen in eigenen Regalen, haben auffällige Verpackungen – „Verwechslungsgefahr ist sprachlich und optisch so kaum eine Herausforderung.“

 

Eine weitere Facette des Themas: Die Rolle von Medien und Politik. „Der eigentliche gesellschaftliche Diskurs wird überhöht und polarisierend dargestellt“, stellt Kreß fest. Medien und Politiker*innen greifen Themen auf oder setzen sie sogar bewusst und vergrößern die Reichweite der Diskussionen. Hoppe ergänzt: „Da es um Produkte aus dem Alltag geht, kann jede*r mitreden, wodurch sich der Diskurs verselbstständigt.“ Solche Dynamiken können instrumentalisiert werden, etwa um Abgrenzungen zu schaffen oder moralische Überlegenheit zu inszenieren.

 

Gleichzeitig birgt der Diskurs eine Chance: „Wenn metasprachliche Diskussionen gesamtgesellschaftlich stattfinden, kann dies das Bewusstsein stärken, dass Sprache Realitäten gestaltet“, sagt Senkbeil. Damit kann Offenheit wachsen, auch für Beispiele wie gendergerechte Sprache. „Wenn sich Sprachverschiebungen gesellschaftlich verankern, wird es einfacher, mit Wandel gelassener umzugehen – und auch in anderen Bereichen diskriminierungsfreiere Sprache zu entwickeln.“

 

Sprachwandel, so Kreß, kommt jedoch meist ungesteuert aus der Sprachgemeinschaft: „Was schöner, praktischer oder verständlicher erscheint, setzt sich oft wie von selbst durch.“ Gerichtsurteile oder Fantasienamen wirken weniger auf den allgemeinen Sprachgebrauch: „Die Kinder am Küchentisch werden vermutlich weiterhin von Schnitzel sprechen, auch wenn es sich um ein fleischloses Exemplar handelt,“ sagt Senkbeil.

 

Gerade im Hinblick auf Sprache zeigt sich ein grundlegendes Muster des gesellschaftlichen Umgangs mit Veränderung: „Wenn Menschen das Gefühl haben, es werde ihnen beim Sprechen etwas weggenommen, reagieren sie sensibel – dahinter steht oft Unsicherheit vor Veränderungen“, erläutert Kreß. Sprache ist demnach nah an der persönlichen Identität. Indem Menschen entscheiden können, wie sie Produkte nennen oder was auf ihren Teller kommt, erleben sie Selbstwirksamkeit. Auch deshalb werden gerade sprachliche Anpassungen zum Streitpunkt.

 

Was in hitzigen Debatten hilft ist oft Gelassenheit. „Menschen gewöhnen sich schneller an neue Begriffe, als sie zunächst glauben“, betont Kreß – ob ans Veggie-Schnitzel oder an die Jugendsprache. Die Sprachwissenschaft kann hier Denkstöße liefern. „Wenn man gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen will, sollte man häufiger Sprachwissenschaftler*innen befragen“, rät Hoppe augenzwinkernd.

Erstellt von Ineke Nithack

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