Herder-Kolleg nimmt die Forschung unter die Lupe

Mittwoch, 06. Juni 2012 um 13:43 Uhr

Welche Rolle nimmt die ästhetische Praxis in der Forschung ein? Wie können die Künste in ihrer Entstehung beobachtet, erforscht werden? Im „Herder-Kolleg. Zentum für transdisziplinäre Kulturforschung" untersuchen Wissenschaftler der Universität Hildesheim Probenprozesse im Theater, Schreibprozesse in der Literatur oder Strategien musikalischen Denkens. Nun nehmen sie die Forschung selbst unter die Lupe.

„In den Hildesheimer Kulturwissenschaften gibt es ein breites Spektrum, künstlerische Prozesse zu erforschen: von der künstlerischen Forschung in und mit Kunst bis hin zur rein deskriptiven und nicht-partizipativen Erforschung  ästhetischer Praxis. Diese Verschiedenheit ermöglicht unterschiedliche Forschungsansätze, die im Herder-Kolleg gebündelt werden“, erklärt Prof. Dr. Rolf Elberfeld, Sprecher des Forschungszentrums. Im Rahmen einer Klausurtagung in Genshagen im Frühjahr haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Kollegs eine Bestandsaufnahme über die Ursprünge und Entwicklung der künstlerisch orientieren Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim gemacht und über die Rolle der ästhetischen Praxis in der Forschung debattiert.

Einig war man sich, dass in einer kulturwissenschaftlichen Dissertation künstlerische Praxis als Bestandteil einbezogen werden kann, wobei diese in erkenntnisfördernder Weise zu dem theoretischen Ansatz zu stehen hat. „An der Universität Hildesheim kann künstlerische Praxis Teil, aber nicht alleiniger Bestandteil der Promotion sein“, so Elberfeld. So kann beispielsweise über die Dimension des Visuellen ein Mehrwert an Wissen erzeugt werden. „Visuelle Argumentation“ nennt Kunstwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Lange die Chance, die Erzeugung von Wissen nicht auf Texte zu begrenzen, sondern Bilder selbst als erkenntnisproduktive Medien zu nutzen. Erhellende Beispiele für ein solches Vorgehen lernten Mitglieder des Herder-Kollegs kennen bei einem Kooperationstreffen mit dem renommierten Schweizer eicones-Forschungsprojekt zur Dimension des Bildes in Basel.

Derzeit zählt das Herder-Kolleg sieben Forschungskreise: Künstlerische Forschung, Kulturelle Bildung, Romantik zwischen Künsten und Wissenschaften, Materiale Kulturanalysen, Sprache und Kultur, Leib-Körper-Kultur sowie Künste und Ästhetik inter- bzw. transkulturell. In den die Forschungskreisen sind in den letzten zwei Jahren über 30 kleinere und größere Projekte durchgeführt worden, die teils ein nationales Echo erhalten haben.

Um das Thema „Kulturwissenschaftliche Forschung“ an der Universität Hildesheim stärker zu profilieren werden im Wintersemester 2012/13 zwei Veranstaltungen durchgeführt: Das Philosophische Kolloquium stellt das Thema „Formen der Forschung“ in den Mittelpunkt der Betrachtungen und eine kulturwissenschaftliche Ringvorlesung wird sich mit der Frage nach dem Zusammenhang von „Forschung und ästhetischer Praxis“ befassen, eine Publikation ist geplant.

Zur Weiterentwicklung der Forschungs-Thematik bereiten die Wissenschaftler derzeit eine Tagung „Making of“ vor, die im Juni 2013 in Hildesheim auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg ausgerichtet werden soll. „Wir untersuchen Formen der Beobachtung ästhetischen Gestaltens. „‚Making of‘ ist als Form der Beobachtung und Inszenierung künstlerischer Prozesse im Bereich des Films bei Kulturschaffenden als auch bei den Zuschauern bekannt“, erklärt Prof. Elberfeld, „Wir weiten auf der Tagung den Begriff aus – auf Texte, Bilder, sämtliche Artefakte – und beobachten ästhetische Formate, die die Künste in ihrer Entstehung thematisieren und reflektieren.“

Kulturforschung an der Universität Hildesheim

An der Universität Hildesheim hat sich über drei Jahrzehnte ein Schwerpunkt in den Kulturwissenschaften entwickelt, der wissenschaftliche und ästhetische beziehungsweise künstlerische Praxis erkenntnisinnovativ verbindet. Die Lehr- und Forschungsansätze entstehen im Verbund von Theater-, Musik-, Medien- und Literaturwissenschaften sowie Bildender Kunst, Kulturpolitik, Philosophie und Sprachwissenschaften. Gebündelt werden sie im „Herder-Kolleg. Zentrum für transdisziplinäre Kulturforschung“. Transdisziplinäre Kulturforschung bewegt sich quer durch die kulturwissenschaftlichen Disziplinen hindurch und über deren Grenzen hinaus in die künstlerische Praxis.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Hildesheim erforschen Probenprozesse im Theater, Schreibprozesse in der Literatur, Visuelle Argumentation zwischen Bild und Wort, Strategien musikalischen Denkens, Prozesse der Popularisierung in den Medien, Performative Weisen des Philosophierens und Prozesse kultureller Bildung in den Künsten.

Im „Projektsemester“ werden die Forschungen des Herder-Kollegs mit den Studierenden künstlerisch-wissenschaftlich erprobt. Das aktuelle Projektsemester steht unter dem Thema „Arbeit erfinden“.


Interdisziplinäre Kulturforschung: Wie können die Künste in ihrer Entstehung beobachtet, erforscht werden?

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