Helden der Kindheit

Mittwoch, 12. Februar 2014 um 17:16 Uhr

Asterix, Winnetou, MacGyver, Hallo Spencer, Räuber Hotzenplotz – sie tauchen auf Papier, Bildschirm und Kassette auf. Zur Kindheit gehören Helden. 50 Autorinnen und Autoren, darunter viele Absolventen der Universität Hildesheim, stellen sie vor. Isa Lange sprach mit dem Herausgeber Kai Splittgerber, der an der Universität Hildesheim Kreatives Schreiben studierte.

Herr Splittgerber, wer ist Ihr Held der Kindheit?

Kai aus der Kiste, also der DDR-Film von 1988, nicht das Kinderbuch von 1924.

Wie wird man zum Helden? Handelt es sich vor allem um fiktive Gestalten, etwa aus Film und Literatur?

Verschiedene Zeitalter und Genres – verschiedene Helden, es kommt auf die Umstände eines Helden und den jeweiligen Zeitgeist an. Ein Kennzeichen vieler Superhelden ist beispielsweise, dass sie eine fast sichere Niederlage noch in einen Triumpf verwandeln. Ohne eine ständige Bedrohung können sie nicht ihre Heldenhaftigkeit unter Beweis stellen. Der Hildesheimer Professor Hans-Otto Hügel ist einer der führenden Experten, wenn es um Helden geht. Bei unserem Buchprojekt über die Helden der Kindheit haben wir „Helden“ im Kontext der eigenen Biografie und Mediengeschichte gesehen und sie an die Medien Comic, Film und Fernsehen gebunden. Es geht also um Trivialhelden ab dem 20. Jahrhundert wie Superman, Winnetou und Dr. Snuggles.

Was sagt ein Held über die Person aus, die ihn als Helden auswählt?

Medienhelden gehören zu unseren ersten Vorbildern, auch weil sie dem kindlichen Eskapismus helfen. Sie gehören zu unserer Medienbiografie und prägen unsere Sehgewohnheiten oder unseren Zugriff auf Emotionen oder auf unser Umfeld. Plakativ gesagt: Es kann durchaus sein, dass man mit Anfang vierzig auf einem schwarzen Rappen durchs Wendland reitet, weil man als Kind gerne Fury geschaut hat. Es kann sein, dass man seine pubertären Vorstellungen der Traumfrau einem Manga entlehnt hat. Es kann sein, dass man Teile seines Werte- und Normensystem von der Action-Figur He-man übernommen hat. Es kommt natürlich auf die Persönlichkeitsstruktur an, für den einen wird der Held zum Role Model – für den anderen ist er ein abgeschlossener Unterhaltungsimpuls.

Wie unterschiedlich sind die Menschen, die nun in dem 230-Seiten-Band über ihre Helden schreiben?

Das Buch entstand an einem Küchentisch aus einer Diskussion heraus, wer die Lieblingshelden der Kindheit waren. Die 50 Autoren sind zu drei Viertel bekannte Gegenwartsautoren wie Verena Rossbacher, David Wagner, Tanja Dückers. Außerdem kommen Nachwuchsautoren und Debutanten zu Wort. Dabei hat ein Großteil an der Hildesheimer Universität „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus" studiert, etwa Sabrina Janesch, Thomas Klupp und Wiebke Eymess. Alina Herbing und Karl Wolfgang Flender sind auf dem renommierten Open Mike Literaturwettbewerb aufgetreten und schreiben gerade an ihrem Debut. Die meisten Autoren übernehmen die Rolle von Reiseführern, die uns in die fantastischen Welten ihrer Helden mitnehmen, in den Zeitgeist, in das Kindsein, in die Fiktionen der BRD und DDR, den 60ern, 70ern und 80ern, im Norden, Osten, Süden und Westen. Annett Gröschners Beitrag über Pittiplatsch und die Kindheit in den 70ern der DDR und Egbert Baqués Artikel über Winnetou und Kindheit in den 60ern unterscheiden sich natürlich grundlegend von der täglichen Mediendosis einer Kindheit in den 80er Jahren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Kai Splittgerber, geboren 1981 in Köln, studierte „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus" an der Universität Hildesheim. Er war Verleger des Glück & Schiller Verlags, dessen Bücher mehrfach im Wettbewerb der schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet wurden, sowie Geschäftsführer des Verlagsnetzwerks Fruehwerk. Er wirkte an einer Studie zum literarischen Leben in den Neuen Bundesländern mit. 2011 erschien der Abenteuerroman „Brehms Tierland. Aus dem Expeditionsbuch des Tierforschers E. Alfred Brehm", für den er ein Arbeitsstipendium vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur erhielt.

Buchprojekt Helden der Kindheit

50 Autorinnen und Autoren, darunter viele Absolventen der Universität Hildesheim, erzählen von ihrer Kindheit und ihren Helden („Helden der Kindheit aus Comic, Film und Fernsehen", Hrsg. Andrea Baron/Kai Splittgerber, 236 Seiten, 2013). So schreibt Thomas Klupp über Dagobert Duck und Sabrina Janesch stellt die Schlümpfe vor. Florian Voß, Lisa-Marie Seydlitz und Funny van Florets tauchen in die Kindheit mit Raumschiff Enterprise, Wickie und Benjamin Blümchen ein, während Jule Köber an Hallo Spencer und Karl Wolfgang Flender an MacGyver erinnern. Als die Tiere den Wald verließen – daran erinnert Alina Herbig. Nachwuchskünstler der Fachhochschule Münster haben das Buch typografisch gestaltet und illustriert. Mit einer bundesweiten Lesereise wecken sie Kindheitserinnerung, dazu gibt es Ahoi-Brause, Schleckmuscheln und Zucker-Armbänder. Wie die Hörer reagieren, was die Helden der Kindheit auslösen? „Die Reaktion des Publikums sind großartig. Erinnerungen kommen zurück. Nach erstem Zögern rascheln die Leute und lachen und sind plötzlich der eigenen Kindheit mit all ihren Abenteuern wieder ganz nah", sagt Phin Spielhoff. Er hat „Philosophie, Künste, Medien" an der Uni Hildesheim studiert und 2012 Spielhoff&Klatt gegründet, eine Agentur für literarische Veranstaltungen, die die Lesereise organisiert.


Die Schlümpfe, eine Illustration von Igor Lange, Patricia Limberger, Julia Minorowicz, Andreas Rensen Aguion und Nina Selzer. Der Hildesheimer Absolvent Kai Splittgerber ist Herausgeber von „Helden der Kindheit".