Gute Erklärungen bleiben im Kopf: Was macht eine kompetente Lehrkraft aus?
Mittwoch, 3. Juni 2026 - 07:35 Uhr
Ein leises Murmeln geht durch den Klassenraum. Stühle rücken, jemand blättert hektisch in einem Heft. Vorne steht die Lehrkraft, die Kreide noch in der Hand, einen Moment lang zögernd. „Und, wie würdet ihr das lösen?“, fragt sie schließlich und blickt in die Runde. Was wie eine alltägliche Unterrichtsszene wirkt, ist einer der Momente, in denen erkennbar wird, was eine gute Lehrkraft ausmacht und ob das Lernen gelingt.
Hier setzt die Forschung von Prof. Dr. Alfred Lindl an. Seit Februar 2026 ist er Professor für Professionalisierungsforschung im Bildungsbereich an der Universität Hildesheim. Er befasst sich mit der Frage, welche Kompetenzen Lehrkräfte brauchen, um die Lernprozesse der Schüler*innen zu fördern. Im Zentrum: Wie wird Wissen vermittelt und wie wird Unterricht so gestaltet, dass Schüler*innen aktiv mitdenken, verstehen und selbstständig Lösungswege entwickeln. Besonders wichtig ist dabei die Fähigkeit der Lehrkräfte, Inhalte verständlich zu erklären. Doch eine gute Erklärung bedeutet laut Lindl weit mehr, als nur fachlich korrekt zu sein. Sie müsse vor allem an die Lebenswelt der Schüler*innen anknüpfen: „Habe ich da einen Alltagsbezug drin?“ – unter anderem ist das für viele Kinder und Jugendliche entscheidend, betont Lindl. Schüler*innen nehmen Erklärungen besonders dann als hilfreich wahr, wenn sie auf ihren Vorwissensstand abgestimmt sind und Bezüge zu ihrer eigenen Erfahrungswelt herstellen. Relevant sei dabei nicht nur die richtige Antwort, sondern der Weg dorthin. Damit Lernen gelingt, brauche es nicht nur fachliches Wissen, sondern auch die Fähigkeit, Diskussionen anzuregen und Freiräume zu schaffen: „Unterricht ist kein einseitiges Vermitteln von Wissen, sondern ein gemeinsamer Prozess, in dem Wissen erst entsteht “, so Lindl.
Das Projekt FALKO (Fachspezifische Lehrkraftkompetenzen)
Lindl studierte von 2008 bis 2013 Gymnasiallehramt mit den Fächern Erziehungswissenschaft, Mathematik und Latein an der Universität Regensburg. Nach dem Staatsexamen blieb er an der Universität und wechselte zunehmend in die Bildungsforschung. Zunächst promovierte er 2018 noch im Bereich der lateinischen Philologie und beschäftigte sich mit antiker Geschichtsschreibung und deren Erzählstrukturen. Parallel dazu arbeitete er bereits in Forschungsprojekten zur Lehrkräftekompetenz mit.
Besonders geprägt hat ihn das Forschungsprojekt FALKO. Dort untersuchte Lindl gemeinsam mit anderen Wissenschaftler*innen, welche Fähigkeiten Lehrkräfte für lernwirksamen Unterricht benötigen, etwa, wie sie Inhalte verständlich erklären, typische Fehlvorstellungen von Schüler*innen erkennen oder Lernprozesse gezielt fördern können. Seit 2021 leitet Lindl mit FALKO-PV eine eigene Nachwuchsforschungsgruppe, die analysiert, welchen Einfluss das Wissen und Können von Lehrkräften konkret auf den Lernerfolg von Schüler*innen hat.
Forschung in Hildesheim: Zukunft Niedersachsen
Lindls Professur in Hildesheim ist eingebunden in die niedersachsenweite Forschungsallianz der Standorte Hildesheim, Hannover und Braunschweig, die im Rahmen des Programms Zukunft Niedersachsen aufgebaut wird. Ziel der Kooperation ist es, Bildungsforschung stärker zu vernetzen und neue Ansätze für Unterricht und Lehrkräftebildung gemeinsam weiterzuentwickeln.
In Hildesheim möchte Lindl seine bisherige Forschung nun weiter ausbauen. Im Fokus stehen unter anderem sogenannte Core Practices, also zentrale Kernpraktiken des Lehrberufs wie Erklären, Diagnostizieren oder Führen von Unterrichtsgesprächen. Darüber hinaus untersucht er, welche Merkmale besonders erfolgreiche Lehrkräfte auszeichnen und wie sich solche Kompetenzen gezielt erwerben lassen. Auch die Digitalisierung und neue Anforderungen an Schule und Unterricht spielen eine wichtige Rolle: „Gute Lehrkräfte entstehen nicht zufällig, sondern brauchen eine fundierte, innovationsoffene Ausbildung. Wir alle wollen, dass Lehrkräfte sich fort- und weiterbilden und bis zum letzten Schultag immer besser werden“, fasst Lindl zusammen.