Grundlagenforschung: Inklusion in der frühen Kindheit

Mittwoch, 07. März 2018  / Alter: 201 Tage

Das Land Niedersachsen fördert die Hildesheimer Forschung zur frühkindlichen Bildung und Entwicklung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Erziehungswissenschaft, Neurodidaktik und Sozialpädagogik, der Pädagogischen Psychologie, der Mathematikdidaktik und der Didaktik des Englischen kooperieren in einem Forschungsverbund unter anderem mit Praxispartnern aus Schule, Kita und Kinder- und Jugendhilfe.

Im Februar fand ein Kooperationstreffen auf dem Hildesheimer Universitätscampus statt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Vertreter_innen aus Kindertagesstätten, Schulen und weiteren Sozial- und Bildungseinrichtungen tauschten sich über die Forschungsfragen aus und teilten Erkenntnisse aus Theorie und Praxis.Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bauen am „Kompetenzzentrum Frühe Kindheit Niedersachsen“ der Universität Hildesheim die Grundlagenforschung aus. Es gibt bisher kaum Untersuchungen darüber, wie Inklusion in der frühen Kindheit umgesetzt wird. Die 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachdisziplinen dokumentieren in empirischen Studien das Geschehen in Kindertagesstätten und den Übergang von Kindern in die Grundschule. Der Forschungsverbund erhält bis 2020 insgesamt 1,3 Millionen Euro vom Land Niedersachsen.

Die Erkenntnisse aus den insgesamt sechs Forschungsprojekten sollen möglichst schnell in die Praxis gelangen – in die Wissenschaft, die Politik, die Kinder- und Jugendhilfe und in die Bildungseinrichtungen. Bereits während der Projektlaufzeit werden in den sechs Teilprojekten sowie auf der Verbundebene Transferideen gemeinsam mit den Kooperationspartner_innen aus der Praxis entwickelt.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen möglichst schnell in die Praxis gelangen

Beispielsweise werden im Projekt „Soziales Training von Raumwahrnehmung und Raumkognition (STARK)“ im Austausch mit Kindertagesstätten und Familienzentren der Stadt Garbsen, der Diakonie Himmelsthür und der Frühförderung im Förderzentrum Bockfeld mathematikdidaktische Materialien und Übungen mit dem Ziel einer neuro-didaktisch fundierten nicht-sprachbasierten und inklusiv-vermittelnden Förderung von allen Kindern gemeinsam entwickelt und erprobt. Wie kann das mathematische Grundverständnis in der frühen Kindheit gefördert werden? Das Projektteam um  Prof. Dr. Kristian Folta-Schoofs, Prof. Dr. Barbara Schmidt-Thieme, Dr. Jasmin Kizilirmak und Dr. Martina Wernicke untersucht, in welcher Weise Kinder im letzten Kindergartenjahr von einem Training der Raumwahrnehmung profitieren können.

Das Projekt „Inklusive Elterninitiativen (IKE)“ fragt nach der Bedeutung des Inklusionsgedankens und der Praxis der Inklusion in Niedersächsischen Elterninitiativen und arbeitet eng mit der Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen Niedersachsen/Bremen e.V. (lagE) zusammen. 10 Prozent aller 4500 Kindertageseinrichtungen in Niedersachsen sind Elterninitiativen. Elterninitiativen sind bislang kaum erforscht, dabei sind sie heute ein fester Bestandteil in der Kita-Landschaft. Eltern bauen einen Teil der Strukturen auf, die Bildungsteilhabe befördern oder verhindern können. Einen Gesamtüberblick, welche Inklusionskonzepte Elterninitiativen im Bundesland Niedersachsen verfolgen, soll die Studie von Prof. Dr. Meike Baader und Katharina Riechers liefern. „Unser Transferkonzept basiert auf der Zusammenführung unterschiedlicher Wissens- und Erfahrungshintergründe. Bereits seit Beginn des Forschungsprojektes werden Forschungsperspektiven und Instrumente in partnerschaftlichem Austausch eng mit der lagE abgestimmt", so die Erziehungswissenschaftlerin Meike Baader.

Im Forschungsverbund werden gemeinsame Fachtagungen, Arbeitsmaterialien, Handreichungen und Broschüren entwickelt. Während eines Kooperationstreffens auf dem Hildesheimer Universitätscampus im Februar 2018 setzen sich die Bildungexperten in Theorie und Praxis insbesondere mit dem „Differenzdilemma“ auseinander, das sowohl für die theoretische Auseinandersetzung als auch in der Praxis relevant ist, erklärt Carolin Bätge. „Nach einer theoretischen Fundierung haben sich die Kooperationspartner mit dem Differenzdilemma in der alltäglichen und beruflichen Praxis befasst.“ Carolin Bätge ist Koordinatorin des Verbundes und befasst sich mit Inklusion, Bildungsforschung, Bildungsmedien und Vielfalt sowie Diversity Education.

Der Hildesheimer Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Cloos hebt hervor, dass das „Differenzdilemma“ für eine inklusive Bildung besonders relevant ist: „Jede Forschung und jedes Bildungssetting orientiert sich an der Berücksichtigung von Differenzen und Heterogenität und wird auch mit dem Differenzdilemma konfrontiert, weil jede Thematisierung von Differenz diese nicht nur behebt, sondern durch ihre Betonung verstärken oder erst hervorbringen kann“, so Cloos.

Beispielsweise habe die inklusive Praxis sich die Frage zu stellen, wie unterschiedliche Berufsgruppen miteinander kooperieren können. Das Team des Forschungsprojekts „Multiprofessionelle Teams in inklusiven Settings (MuPro)“, zu dem ebenso Frauke Gerstenberg und Isabell Krähnert gehören, reflektiert mit den Praxispartnern, inwieweit unterschiedliche Berufsgruppen in die pädagogische Arbeit unterschiedliche Expertisen einbringen können, ohne dass durch die Zusammenarbeit zugleich auch Unterschiede zwischen Kindern festgeschrieben und so zum Nachteil für diese werden, so Professor Peter Cloos. Cloos ist Sprecher des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen und befasst sich in der Forschung mit der Erziehung und Bildung in Kindertageseinrichtungen, mit qualitativen Forschungsmethoden sowie institutionellen und situativen Übergängen im Lebenslauf und Alltag von Kindern. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist das professionelle Handeln in Arbeitsfeldern der Pädagogik der frühen Kindheit.

An dem Hildesheimer Kooperationstreffen haben unter anderem Malte Spitzer (Dezernent für Jugend, Soziales, Schule und Sport der Stadt Hildesheim) und Ulrich Wöhler (Dezernent für Soziales, Jugend, Sport und Gesundheit im Landkreis Hildesheim) sowie Dr. Annette Lömmel und Dr. Anja Steinlen vom Verband „Frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen e.V.“ und Vertreterinnen und Vertreter der Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen Niedersachsen/Bremen e.V., des Landkreises Hildesheim, des Förderzentrums Bockfeld und des Familienzentrums St. Raphael sowie Dr. Hans-Ulrich Peltner und Carsten Wirges von der Diakonie Himmelsthür teilgenommen.

Forschungsverbund kooperiert mit regionalen und überregionalen Partnern

Der Forschungsverbund „Inklusive Bildungsforschung der frühen Kindheit als multidisziplinäre Herausforderung“ des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen geht auf eine Ausschreibung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur zur Forschung im Bereich „Frühkindliche Bildung und Entwicklung“ zurück, in der dem Transfer in die frühpädagogische Praxis eine wichtige Bedeutung beigemessen wurde. Der Hildesheimer Forschungsverbund wird im „Niedersächsischen Vorab“ vom Wissenschaftsministerium und von der Volkswagenstiftung gefördert. Der Verbund kann an die bereits seit vielen Jahren bestehenden Kooperationen mit regionalen und überregionalen Partnern anknüpfen.

Aktuell werden in den Teilprojekten des Forschungsverbundes die unterschiedlichen Forschungsinstrumente entwickelt, theoretische Rahmungen abgesichert, der Zugang zum Praxisfeld für die Erhebung hergestellt sowie die gemeinsame Arbeit im Verbund abgestimmt. Darüber hinaus werden weitere Möglichkeiten der Kooperation geprüft, Teilprojekte und der Verbund medial bekannt gemacht und auf verschiedenen Veranstaltungen präsentiert.

Weitere Informationen zum Forschungsverbund und zu den Teilprojekten finden Sie online.

Von: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 02.03.2018]

Im Februar fand ein Kooperationstreffen auf dem Hildesheimer Universitätscampus statt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Vertreter_innen aus Kindertagesstätten, Schulen und weiteren Sozial- und Bildungseinrichtungen tauschten sich über die Forschungsfragen aus und teilten Erkenntnisse aus Theorie und Praxis.Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim