Griechenland und die Schuldenkrise

Freitag, 12. Juni 2015  / Alter: 2 Jahre

Professor Athanassios Pitsoulis erforscht die griechische Schuldenkrise. Auf Einladung der Universitätsgesellschaft Hildesheim gibt der Wissenschaftler Einblicke in die derzeitige Lage in Griechenland und Europa. Mit dem Professor für Wirtschaftswissenschaften und Didaktik sprach Matthias Friedrich vorab.

Problematisch in Griechenland sei die Schattenwirtschaft, es werde „sehr viel Wirtschaftsleistung am Staat vorbei erbracht", sagt Professor Athanassios Pitsoulis. Mit Lehramtsstudierenden entwickelt er Konzepte, um die griechische Schuldenkrise im Schulunterricht zu vermitteln. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Die Universitätsgesellschaft lädt zu einem öffentlichen Vortrag ein: Professor Athanassios Pitsoulis spricht am Dienstag, 16. Juni 2015, über „Griechenland, Währungsstabilität und Politik in Europa“. Der Vortrag im Audimax ist öffentlich und eintrittsfrei. Pitsoulis geht auf die Situation und Stimmung in Griechenland ein und beschreibt den Zahlungsplan für Griechenland und was in naher Zukunft ansteht. In seinem Vortrag berücksichtigt der Wirtschaftswissenschaftler auch die Frage „Worauf lässt sich Europa ein?“, die Währungsstabilität und den Einfluss des europäischen Wahlkalenders auf Entscheidungen. Athanassios Pitsoulis ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Didaktik an der Universität Hildesheim. Er besitzt die griechische und deutsche Staatsangehörigkeit. Erst kürzlich hat er im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Reise nach Griechenland unternommen. „Über die Unterstützung besonderer Projekte der Studierenden hinaus, möchte die Universitätsgesellschaft Hildesheim e.V. auch die Verbindung von Universität und Öffentlichkeit fördern. Daher lädt die Universitätsgesellschaft zu diesem Vortrag zu einem hochaktuellen Thema ein“, sagt Dr. Rainer Hermeling, Vorsitzender der Universitätsgesellschaft.

Interview über die griechische Schuldenkrise und Europa

Worin sehen Sie die Ursachen der griechischen Schuldenkrise?

Athanassios Pitsoulis: Aus meiner Sicht ist die Krise dadurch entstanden, dass die Griechen 2009 nach einer Parlamentswahl ihre Defizitzahlen nachträglich korrigiert haben. Vorher hatte man ein viel niedrigeres Defizit nach Brüssel gemeldet, was die nachfolgende Regierung mehrmals nach oben korrigieren musste. Nach der Lehman-Pleite in den USA war das genau das falsche Signal aus Griechenland: „Wir sind als Schuldner nicht glaubwürdig. Man kann den Daten, die unsere finanzielle Tragfähigkeit betreffen, nicht wirklich vertrauen.“ Ab diesem Moment war es für Griechenland kaum mehr möglich, sich international zu verschulden. Bei fast allen Volkswirtschaften auf der Welt ist es aber so, dass man alte Schulden durch neue ablöst. Man schiebt also immer eine Bugwelle von Staatsschulden vor sich her. Solange das Weltwirtschaftsklima gut ist, ist das ein beherrschbares Problem. Aber in dem Moment, wo die Investoren Risiken sehen, funktioniert das nicht mehr unbedingt.

Die Schuldenkrise ist ja inzwischen längst zur Sache der europäischen Politik geworden. Wie wirkt die Krise auf die anstehenden Wahlen ein?

Um das besser zu verstehen hilft es, sich mit Politischer Ökonomie zu befassen. Diese untersucht die vielfältigen Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft. Das halte ich persönlich für einen der interessantesten Bereiche der heutigen Volkswirtschaftslehre. Wie sich die Krise in Griechenland auswirkt, ist insofern typisch, als dass sich nicht nur wirtschaftliche Kennziffern wie Arbeitslosigkeit und Wachstumsrate verschlechtern, sondern auch die Politik betroffen wird. Die Regierung ist für die Misere verantwortlich gemacht worden und wurde abgewählt. Das Problem dabei ist, wie es auch in Griechenland passiert ist, dass dann radikalere Parteien mit teilweise sehr weit vom Mainstream entfernten politischen und ökonomischen Vorstellungen an die Macht kommen. In vielen Ländern, die eine solche heftige Krise erleben, gibt es ebenso eine Radikalisierung, wie in den Ländern, die auf der anderen Seite stehen und die Schulden entweder finanzieren oder Hilfsprogramme leisten müssen, wodurch sich die politische Landschaft in Europa polarisiert. Das sehen wir momentan. In Griechenland kam das linksradikale Parteienbündnis Syriza an die Macht, in den letzten Jahren hat man im Gegensatz dazu in Finnland gesehen, dass die nationalistische Partei der Wahren Finnen ihren Stimmenanteil sehr stark vergrößert hat. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung drückt sich also in verschiedenen politischen Reaktionen aus. Was wir jetzt bräuchten, um die Krise in den Griff zu bekommen, wäre mehr Verständnis zwischen den einzelnen Ländern. Aber die Polarisierung und der Polarisierung zuträgliche Medienberichterstattungen führen dazu, dass dieses Verständnis abnimmt.

Welchen Aufholbedarf hat Griechenland in Ihren Augen?

Die Liste an Reformen, die Griechenland durchzuführen hat, ist, egal, wer das bewertet, sehr groß. Die Griechen sehen ja selbst Reformbedarf, allerdings gehen die Meinungen darüber auseinander, in welchem Zeitraum welche Reformen realisierbar und nachhaltig wirksam sind. Was in Griechenland außerdem ein Problem ist, ist die Schattenwirtschaft. Schon viel länger als es gut ist wird dort sehr viel Wirtschaftsleistung am Staat vorbei erbracht. Deshalb sind staatliche Einnahmen aus Steuern, Abgaben und Gebühren zu niedrig. Meiner Wahrnehmung nach ist insbesondere der Tourismus von Schattenwirtschaft betroffen. Wer in einem Urlaubsort in die Taverne geht, bezahlt zwar die Rechnung, bekommt aber oft keine richtige Quittung. Es gibt höchstens einen Zettel, wo draufsteht, was man bestellt hat. Daneben gibt es auch viel Schwarzarbeit. Teilweise arbeiten Familienmitglieder im den Betrieben mit, die unter der Hand bezahlt werden. Da der Tourismus in Griechenland von großer Bedeutung ist, fehlen dem Staat hinterher Einnahmen. Außerdem ist die Baubranche anfällig für Schwarzarbeit. Für viele Griechen ist es wichtig, ein eigenes Haus zu haben, das sie erst bauen, dann pflegen und in Stand halten müssen. Sehr viele Baumaßnahmen werden aber unter der Hand bezahlt. Man ruft beispielsweise jemanden, der einem die Außenwand verputzt, und danach wird dem Arbeiter die vereinbarte Geldsumme in die Hand gedrückt. Es ist ganz schwer, das abzustellen, weil beide Seiten davon profitieren. An dieser Stelle muss tatsächlich in der Bevölkerung ein Umdenken stattfinden, denn staatliche Kontrollen können nicht jeden Verstoß erfassen. Doch genau solch ein Umdenken kann nicht kurzfristig erfolgen, sondern erfordert kontinuierliche, längerfristige, umfassende Maßnahmen.

Anscheinend wird die Lage immer schlimmer, wenn man den Medien Glauben schenken will. Die Fronten verhärten sich immer mehr. Welche Vorurteile begegnen Ihnen, wenn Sie die Fernsehnachrichten einschalten?

Die Vorurteile sehe ich auf beiden Seiten. Dass die Medien nicht ganz unbeteiligt an der verschlechterten Beziehung zwischen Griechenland und den Geldgebern sind, liegt in der Natur der Sache. Politischer Knatsch ist Schlagzeilen wert. Davon kann man profitieren. Aber das lief ja auf beiden Seiten so. Man kann nicht sagen, dass die deutschen Medien das Klima vergiftet haben, denn die griechischen waren genauso wenig zimperlich. Am Ende des Tages fördern sie aber damit Vorurteile, Stereotype und schlichtweg falsche Vorstellungen der Bevölkerung, anstatt objektiv zu informieren. Manche Politiker, die auf die Stimmen besonders von frustrierten Wählerinnen und Wählern aus sind, haben dann einen Anreiz, diese Stereotype zu bedienen. Das ist ein Teufelskreis: Politischer Knatsch führt zum nächsten Skandal, der dann wieder in den Medien landet, ob das jetzt Varoufakis’ Mittelfinger ist oder Merkel in SS-Uniform. Wer damit angefangen hat, ist müßig zu diskutieren und bringt uns nicht weiter.

Wie versuchen Sie, diese Vorurteile abzubauen?

Ich thematisiere solche Probleme in Lehrveranstaltungen über Makroökonomie oder Europäische Wirtschaft. Allerdings auf eine Weise, die idealerweise die Objektivität wahrt und die Ereignisse in einem größeren analytischen Rahmen einordnet. Wenn man das zusammenbringt, was man in Wirtschafts- und Politikwissenschaften gelernt hat, ist man hinterher in der Lage, zumindest halbwegs objektive Aussagen über die Wirtschaftskrise zu treffen.

Meine größte Zielgruppe in den Veranstaltungen sind Lehramtsstudierende. Sicherlich wird es noch einige Jahre dauern, bis sie an den Schulen unterrichten, aber Krisen wie die jetzige kann es durchaus wieder geben. Das liegt in der Natur solch komplexer Wirtschaftssysteme wie unserem. Aus meiner Sicht ist es gut, dass die Lehramtsstudierenden so etwas miterlebt und erfahren haben, wie man sich damit auseinandersetzen kann, ohne in diese Stereotype zu verfallen. Sie trainieren jetzt, wie man die Krise kreativ im Unterricht behandeln kann. Im Rahmen der Lehramtsausbildung finde ich eine Auseinandersetzung mit diesem Thema sehr sympathisch, weil man den zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern damit für die Zukunft helfen kann. Beispielsweise üben wir in einem Seminar eine Unterrichtsmethode ein, bei der mit der Gruppe Pro-Contra-Debatten zu Streitfragen der Europäischen Wirtschaft durchgeführt werden. Unsere Studierenden können das dann später im eigenen Unterricht anwenden. Da bekommen Schülerinnen und Schüler Streitfragen zu einem Thema wie der Wirtschaftskrise zugelost. Dann müssen sie erst einmal recherchieren und die jeweiligen Standpunkte in der Diskussion vertreten, auch wenn sie möglicherweise die Position erhalten haben, die ihnen gar nicht gefällt. Dadurch lernen sie, Perspektivwechsel einzunehmen, eine Kompetenz, die die allgemeinbildende Schule ja vermitteln soll. Dabei schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Studierenden lernen selbst etwas daraus und haben auch noch Spaß an der Diskussion.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Matthias Friedrich.

Von: Pressestelle, Isa Lange

Problematisch in Griechenland sei die Schattenwirtschaft, es werde „sehr viel Wirtschaftsleistung am Staat vorbei erbracht", sagt Professor Athanassios Pitsoulis. Mit Lehramtsstudierenden entwickelt er Konzepte, um die griechische Schuldenkrise im Schulunterricht zu vermitteln. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim