Geschichtskultureller Wandel, historisches Lernen und Erinnerung

Montag, 22. Februar 2021 um 12:34 Uhr

Die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Viola Georgi stellt gemeinsam mit weiteren Expert*innen Forschungserkenntnisse zu geschichtskulturellem Wandel, historischem Lernen und Erinnerung vor.

In einem Verbundprojekt mit weiteren Forschungseinrichtungen - hier ein Screenshot einer Videokonferenz der Forschungsteams - befasst sich die Erziehungswissenschaftlerin Professorin Viola Georgi mit historisch-politischer Bildung. Foto: Isa Lange, Screenshot: Geschichten in Bewegung

Seit 2018 erforscht ein interdisziplinäres Team im Verbundprojekt „Geschichten in Bewegung“ Erinnerungspraktiken, Geschichtskulturen und historisches Lernen in der deutschen Migrationsgesellschaft. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt.

Die Erkenntnisse des Forschungsprojekts werden vom 1. bis 2. März 2021 im Rahmen der digitalen Abschlusstagung „Geschichtskultureller Wandel, historisches Lernen und Erinnerung“ vorgestellt. Über 200 Personen werden an der Online-Konferenz teilnehmen.

Das Forschungsteam des Zentrums für Bildungsintegration der Universität Hildesheim, der Freien Universität Berlin, des Georg-Eckert-Instituts in Braunschweig und der Universität Paderborn hat im Rahmen einer empirischen Studie Interviews zur Geschichtskultur im Wandel geführt.

Interviewt wurden Akteur*innen aus Schule und schulischem Lernen, Gedenkstätten und Museen, Bildungsmedien und Bildungsverlagen sowie aus der non-formalen Bildung (NGOs).

Das empirische Material ermöglicht Antworten auf die folgenden Fragen:

  • Wie reagieren Angebote historischer Bildung im pädagogischen Alltag auf die Pluralisierung historischer Sinnbildung angesichts von Migration und Vielfalt ?

  • Welchen Herausforderungen und welchen veränderten Bedarfen begegnen Akteur*innen der historischen Bildung derzeit?

  • Wie kann historisches Lernen die Auseinandersetzung mit kontroversen Erzählungen der Vergangenheit anregen und den Umgang mit geschichtskulturellem Wandel selbst thematisieren?

„In der Auseinandersetzung mit Geschichte in der deutschen Einwanderungsgesellschaft spielt Diversität eine immer größere Rolle. Es fehlt aber vielerorts noch an geeigneten Konzepten“, sagt Prof. Dr. Viola Georgi.

Forschungsteam der Universität Hildesheim interviewt Lehrkräfte zu Geschichtskultur im Wandel

Das Forschungsteam der Universität Hildesheim legte einen Fokus auf die Schule und den Unterricht und interviewte Lehrkräfte. „Wir haben zum Beispiel untersucht, wie es dazu kommt, dass ausgerechnet die inklusiv inszenierte Thematisierung von Migrationsgeschichte(n) im Unterricht häufig dazu beiträgt, Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien als Andere, Nicht-Zugehörige zu markieren und auszugrenzen“, so Georgi.

Nähere Informationen über das Forschungsprojekt „Geschichten in Bewegung“ finden Sie hier.

Interview mit Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Viola Georgi vom Zentrum für Bildungsintegration der Universität Hildesheim

Frau Professorin Georgi, Sie erforschen in einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt den geschichtskulturellen Wandel in der deutschen Migrationsgesellschaft. Was sind erste Erkenntnisse?

Viola Georgi: Wir haben untersucht, wie Lehrkräfte in der Schule, Kurator*innen in Museen, Mitarbeiter*innen von Gedenkstätten, Bildungsmedienverlagen und Geschichtsinitiativen geschichtskulturellen Wandel wahrnehmen, wie sie auf ihn reagieren und wie sie ihn gestalten. Hierbei fokussieren wir unter anderem auf migrationsgesellschaftliche Phänomene.

Interessant ist zum Beispiel der Befund, dass Migration von vielen Befragten zwar als Treiber für geschichtskulturellen Wandel identifiziert wird, da hierdurch historische Bezüge und Identifikationen pluralisiert werden, dass dieser aber auch mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen einhergeht. Wir beobachten zum Beispiel allgemeine Tendenzen der Demokratisierung, der Digitalisierung und Globalisierung von Geschichte, zugleich zeichnet sich aber auch eine starke Polarisierung in der Gesellschaft ab. Kurz: In der Auseinandersetzung mit Geschichte in der deutschen Einwanderungsgesellschaft spielen Diversität und Kontroversität eine immer größere Rolle. Es fehlt aber vielerorts noch an geeigneten Konzepten. Auch hieran haben wir gemeinsam gearbeitet, denn das Forschungsprojekt sucht den Transfer in die Praxis. Die entstandenen Unterrichtsmodule werden auf der Webplattform Zwischentöne verfügbar gemacht.  

Gemeinsam mit einem Forschungsteam des Zentrums für Bildungsintegration der Universität Hildesheim, der Freien Universität Berlin, der Universität Paderborn und des Georg-Eckert-Instituts arbeiten Sie in diesem Forschungsprojekt zusammen. Welchen Fokus haben Sie dabei mit Ihrem Hildesheimer Forschungsteam?

Viola Georgi: Das Forschungsteam in Hildesheim untersucht den geschichtskulturellen Wandel und historisches Lernen in der Migrationsgesellschaft aus der Sicht von Lehrkräften. Wir haben einen Fokus auf die Schule und den Unterricht gelegt. Hier haben wir zum Beispiel untersucht, wie es dazu kommt, dass ausgerechnet die inklusiv inszenierte Thematisierung von Migrationsgeschichte(n) im Unterricht häufig dazu beiträgt, Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien als Andere, Nicht-Zugehörige zu markieren und auszugrenzen.

Warum ist diese Forschung notwendig? Was erhoffen Sie sich von Ihren Erkenntnissen?

Viola Georgi: Das Besondere an diesem Projekt ist das Forschen im interdisziplinären Verbund. Auf diese Weise ist es uns gelungen, dem sich vollziehenden geschichtskulturellen Wandel in der Migrationsgesellschaft aus unterschiedlichen Akteursperspektiven auf die Spur zu kommen. Wir konnten eine sehr dichte Beschreibung der verschiedenen institutionellen Handlungsfelder vornehmen, Leerstellen in der Forschung schließen und damit einen Beitrag zur empirischen Geschichtskulturforschung leisten.

Wer mehr erfahren möchte, kann sich zur digitalen Abschlusskonferenz „Geschichten in Bewegung. Erinnerungspraktiken, Geschichtskulturen und historisches Lernen in der deutschen Migrationsgesellschaft“ am 1. und 2. März 2021 anmelden (Link zur Tagung und Programm). Wir haben ein sehr spannendes Programm mit internationalen Referent*innen, unter anderem konnten wir Michael Rothberg, den Autor von „Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization“ gewinnen. Die deutsche Übersetzung seines Buches erscheint in diesen Tagen.

Sie haben zuvor bereits in einem Forschungsprojekt gemeinsam mit dem Georg-Eckert Institut untersucht, wie Schulbücher Migration und Integration darstellen. Ein Ergebnis: Es gelingt vielen Büchern noch nicht, die gesellschaftliche Vielfalt als normal abzubilden und Chancen von Migration aufzuzeigen. Sie hatten 65 Schulbücher in den Fächern Sozialkunde, Politik, Geschichte, Geografie aus fünf Bundesländern untersucht. In dem Forschungsprojekt „Geschichten in Bewegung“ entwickeln Sie nun Konzepte für historisches Lernen sowie konkrete Lernmaterialien. Wie sieht hierbei Ihr Ansatz aus?

Viola Georgi: Es gibt hier nicht den einen Ansatz. Wir schlagen vielfältige, vor allem multiperspektivische Zugänge und Konzepte vor. In der Leitidee sind wir hier sehr nah an den KMK-Empfehlungen zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule (2014). Hier wird unter anderem festgehalten, dass Geschichte und Geschichtsbilder als konstruiert begriffen werden müssen. Entsprechend müsse es beim historisch-politischen Lernen dann um die selbstständige Reflexion von Geschichtsdeutungen und die Beteiligung an historischen Kontroversen gehen.

Am 1. und 2. März 2021 findet die internationale Abschlusstagung des Forschungsprojekts statt, aufgrund der Coronavirus-Pandemie in digitaler Form. Liegt ein Ziel des Projekts auch darin, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Gesellschaft zugänglich zu machen, zum Beispiel in Schulen in Niedersachsen?

Viola Georgi:  Es wird eine Buchpublikation geben und wir planen, wo immer möglich, die Forschungsergebnisse in die Lehreraus- und Fortbildung einzuspeisen. Eigentlich hätten wir im November letzten Jahres eine große Fachtagung mit dem NLQ in Hildesheim durchgeführt. Das Infektionsgeschehen ließ aber keine Konferenz zu und so musste sie leider abgesagt werden. Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr eine zweite Chance bekommen.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Über das Zentrum für Bildungsintegration der Universität Hildesheim

Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Viola Georgi ist Expertin für Fragen der Bildung in der Einwanderungsgesellschaft und leitet an der Universität Hildesheim das „Zentrum für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften“.

Professorin Georgi befasst sich in der Forschung unter anderem mit Heterogenität in der Schule, Bildungsmedien, historisch-politischer Bildung in der Migrationsgesellschaft und Demokratiepädagogik.

Am Zentrum für Bildungsintegration der Universität Hildesheim forschen und lehren seit 2014 Expertinnen und Experten zu Schlüsselfragen der Einwanderungsgesellschaft.