Geschichte der Sammelbilder von 1875 bis heute

Dienstag, 19. September 2017  / Alter: 29 Tage

Sammelbilder – ursprünglich als Mitbringsel für Kinder gedacht. Dann entdeckten auch die Erwachsenen den Reiz der Bildchen und begannen zu sammeln. Im Theatermuseum in Hannover zeigen die Hildesheimer Kulturwissenschaftler Professor Hans-Otto Hügel und Jan Schönfelder die Geschichte der Sammelbilder von 1875 bis heute.

Eine Ausstellung im Theaterhaus Hannover zeigt die Geschichte der Sammelbilder. Die Sammelbilder zeigen Sport, Naturwissenschaften und Technik, Geschichte und Visionen sowie Stars, Abenteurer und Architektur. Hildesheimer Kulturwissenschaftler haben die Ausstellung gemeinsam mit Studierenden entwickelt. Die Illustration zeigt ein Liebig-Sammelbild („Serie 65: Asiatin unter dem Mond, Bild 4: Aber der grausame Mond bleibt dem Gesang gegenüber taub, und der Stern läuft seufzend und weinend weg, 1883-84“). Fotos: Jan Schönfelder

Interview mit Jan Schönfelder, Dozent am Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft

Sie befassen sich in der Forschung mit der Geschichte der Sammelbilder. Sammeln Sie denn auch etwas und verraten Sie uns – was?

Jan Schönfelder: Ich sammle Pop-up-Bücher, jedoch nur in bescheidenem Umfang.

Sammelbilder sind recht populär – zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft beginnt wieder das große Tauschen. Seit wann werden Bilder gesammelt?

Das Sammeln von Bildern ist sicherlich deutlich älter als das Sammeln von Sammelbildern. Hier wären Heiligen-Bildchen, Briefmarken und Ähnliches anzuführen. Die sogenannten Sammelbilder, die in vorgegebenen Serien hergestellt und vertrieben wurden, traten als Phänomen etwa in den 1870er Jahren auf.

Was zeigen diese kleinen Bilder zum Beispiel? Was rufen die Bilder bei den Betrachtern hervor – lachen, nachdenken, schauen, rätseln?

Die Bilder zeigen die gesamte bekannte Welt und umfassen Sport, Naturwissenschaften und Technik, Geschichte und Visionen. Aber auch Stars und Sternchen, Politiker und Abenteurer, das große Feld der Kultur mit Literatur, Kunst, Musik, Architektur, Heraldik, Trachten und so weiter und so weiter. Und: ja – sie sind zum Lachen, zum Nachdenken zum Bestaunen und zum Rätseln. Damit bedienen sie ein breites Feld unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen.

Sind die kleinen Bilder erst in der Masse bedeutsam, also wenn die Sammlung „komplett" ist. Oder sind die Sammelbilder auch als Einzelstücke bedeutsam?

Eine gute Frage. Bedeutsam sind Sammelbilder immer dann, wenn der/die Betrachter/in ihnen Bedeutung zumisst, also wenn eine Serie vervollständigt werden kann und das eine fehlende Bild dann vorhanden ist. Aber auch als Einzelbild kann ein Sammelbild bedeutsam sein, wenn es etwas zeigt, was neu ist, überraschend oder vielleicht einfach nur bewundernswert.

In Hannover zeigen Sie die Ergebnisse aus der wissenschaftlich-künstlerischen Forschung nun im Theatermuseum. Die Ausstellung „Theater, Film und Kunst in kleinen Formaten – Sammelbilder von 1875 bis heute" läuft bis Dezember 2017. Was zeigen Sie dort?

Die Ausstellung zeigt einen thematischen Zugang und Umgang mit Sammelbildern. Wie wird der Umgang mit den Kolonien im Sammelbild thematisiert? Wie entsteht überhaupt ein Sammelbild und wie wird es vertrieben? Natürlich geht es, wie der Titel schon sagt, vor allem um die Darstellung von Film-Stars und -Sternchen, Theater und Theaterstücken. Und natürlich der Darstellung der Kunst. Wir fragen jedoch auch nach der Beziehung von dem populären Sammelbild zur künstlerischen Hochkultur.

Können Sie ein Beispiel nennen? Ein Sammelbild, das viel verrät?

Nehmen wir als Beispiel das Sammelbild, dass der Ausstellung als Plakat dient. In dramatischer Pose ist eine japanische Musikerin vor einem anthropomorphen Mond zu sehen. Die Darstellung des Mondes folgt populären Vorstellungen des „Mondgesichts" des 19. Jahrhunderts (etwa 1902 im Film „Reise zum Mond“ von George Melies). Die dramatische Geste der Musikerin ist europäisch, der unten stehende Liedtext jedoch französisch. Die Kleidung ist ordentlich recherchiert, die Darstellung sachlich richtig bis hin zu den japanischen Zehen-Socken. Der Herausgeber dieses Bildes, die Firma Liebig, vertrieb die Sammelbilder in vielen Sprachen und Ländern, eine möglichst universelle Verständlichkeit diente also dem Werbeversprechen. Dass diese Sprache immer noch funktioniert, zeigt der heutige Preis der Serie, der vergleichsweise teuer ist.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Kurz erklärt

Theater, Film und Kunst in kleinen Formaten: Sammelbilder von 1875 bis heute

Die Ausstellung „Theater, Film und Kunst in kleinen Formaten. Sammelbilder von 1875 bis heute“ ist seit September bis zum 3. Dezember 2017 im Theatermuseum des Schauspielhauses Hannover zu sehen.

Die Kulturwissenschaftler Professor Hans-Otto Hügel und Jan Schönfelder von der Universität Hildesheim rücken die kleine Form der Sammelbilder in den Mittelpunkt der Ausstellung. Die Hildesheimer Wissenschaftler haben die Ausstellung gemeinsam mit Studierenden entwickelt. Wer sich am Ende des 19. Jahrhunderts 100 Gramm Liebigs Fleischextrakt leistet, erhält vom Kaufmann ein oder mehrere Sammelbilder. Ursprünglich als Mitbringsel für Kinder gedacht, entdecken in den 1890er Jahren die Erwachsenen den Reiz der Bildchen und beginnen sie zu sammeln. Neben Themen und Sujets aus der Welt des Films und des Sports finden sich zahlreiche Abbildungen aus der Welt des Theaters: Szenen aus Opern, Revuen, Operetten und Schauspielen oder Porträts von Schauspielern und Theaterautoren.

Zur Person:

Prof. Dr. Hans-Otto Hügel em., Institut für Sozialwissenschaften, der Arbeitsschwerpunkt des Professors liegt im Bereich der Populären Kultur

Jan Schönfelder, Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft der Universität Hildesheim, Lehrschwerpunkte: Kunst in und mit neuen Medien, Künstlerbücher, Animationsfilm

Medienkontakt: Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)

Von: Pressestelle, Isa Lange

Eine Ausstellung im Theaterhaus Hannover zeigt die Geschichte der Sammelbilder. Die Sammelbilder zeigen Sport, Naturwissenschaften und Technik, Geschichte und Visionen sowie Stars, Abenteurer und Architektur. Hildesheimer Kulturwissenschaftler haben die Ausstellung gemeinsam mit Studierenden entwickelt. Die Illustration zeigt ein Liebig-Sammelbild („Serie 65: Asiatin unter dem Mond, Bild 4: Aber der grausame Mond bleibt dem Gesang gegenüber taub, und der Stern läuft seufzend und weinend weg, 1883-84“). Fotos: Jan Schönfelder