Gescheiterte Kanzlerkandidaten und Frauen in der Politik

Samstag, 11. August 2012 um 18:12 Uhr

Dr. Saskia Richter erforscht den politischen Stil von Frauen. Sie promovierte über den Aufstieg und Fall von Petra Kelly, Gründungsmitglied der Partei Die Grünen. Mit der Politikwissenschaftlerin der Universität Hildesheim sprach Isa Lange über gescheiterte männliche Kanzlerkandidaten, die Frau an der Spitze der Bundesregierung und politische Bildung in Schulen.

Die gescheiterten Kanzlerkandidaten seit 1949 – ob Kurt Schumacher, Franz Josef Strauß oder Edmund Stoiber – sind männlich. Sie haben untersucht, warum ihnen der Versuch misslang, ins Kanzleramt vorzudringen, welche Unterstützung sie bei der Nominierung erfuhren, wie der Wahlkampf verlief. Erschreckt es Sie, dass kaum Frauen unter den Spitzenkandidaten sind?

Erfolgreiche Kanzlerkandidaten der Bundesrepublik waren durchweg Männer – Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Helmut Kohl. Auch die Gegenkandidaten waren männlich. Männer sind geübt darin, das Wort zu führen und auf generationsübergreifende Netzwerke und Seilschaften zurückzugreifen, die sie stützen.

Politik hat sich durch die Männerhand entwickelt. Bis in die 60er Jahre waren Frauen in politischen Positionen nicht üblich, sie mussten sich ihren Platz in Parlamenten erst erkämpfen. Im ersten Bundestag waren 410 Abgeordnete und davon nur 28 Frauen. Wie auch in den Medien – Marion Gräfin Dönhoff war eine journalistische Ausnahmeerscheinung. Männliche Erwerbstätige prägten die öffentliche Sphäre, Frauen führten den Haushalt und waren für die Kindererziehung zuständig. Die 68er, die Frauenbewegung in den 70er Jahren waren die Anfänge einer sukzessiven weiblichen politischen Bewegung. Erst seit 1977 darf die Frau ohne Zustimmung ihres Ehemannes erwerbstätig sein.

…heute regiert Angela Merkel. Als erste Frau ist sie seit beinahe acht Jahren Bundeskanzlerin. Eine Erfolgsgeschichte der Frauen in der Politik?

Sie ist eine Ausnahme.

Warum?

Zwar signalisiert Angela Merkel – und das ist ein wichtiges Zeichen – dass Frauen heute Spitzenpositionen einnehmen können. Dennoch ist die Bundeskanzlerin eine Ausnahmepolitikerin. Sie kam als Seiteneinsteigerin aus der Wissenschaft, war unter Helmut Kohl die Quotenfrau aus Ostdeutschland, hat keine Kinder.

Um dahin zu kommen, wo sie heute steht, hat sie den männlichen Führungsstil übernommen, ist machtpolitisch knallhart. Angela Merkel hat es geschafft, ein stabiles Netzwerk aufzubauen. Frauen wie die Büroleiterin Beate Baumann und die Medienberaterin Eva Christiansen sind unter den Vertrauten, ein loyales Umfeld stützt und festigt sie – denn als Einzelkämpfer ist man in der Politik handlungsunfähig. Heute gibt ihr das Amt eine starke Machtposition: Unabhängig ob Mann oder Frau – am Kabinettstisch ist die Bundeskanzlerin die uneingeschränkte Chefin, hier zählen Hierarchien und nicht das Geschlecht.

Wolfgang Schäuble, Norbert Röttgen, Christian Wulff, Friedrich Merz, Roland Koch. Die Liste der politischen Konkurrenten ist lang…

…und wird immer kürzer. Angela Merkel hat ihre männlichen Konkurrenten ausgestochen. Wolfgang Schäuble war zu sehr in die Spendenaffäre verwickelt, als dass er Angela Merkel hätte gefährlich werden können. Norbert Röttgen ist an seinem eigenen Ehrgeiz gescheitert, Christian Wulff an fehlendem politischen Feingespür – beide hat Angela Merkel allerdings ins Messer laufen lassen. Friedrich Merz nahm Angela Merkel den Fraktionsvorsitz ab, bevor er sich selbst aus der Politik zurückzog. Ähnlich wie Roland Koch, auch der Hessische Ministerpräsident beendete unter der Parteivorsitzenden Angela Merkel seine politische Karriere.

Sie sprechen von der Annahme des männlichen Führungsstils. Passen sich die Frauen in der Politik an? Was geht dabei verloren?

Viele Frauen ahmen die Männer nach, zeigen Strenge und Neutralität. Das sieht man schon an der Kleidung, dem dunklen Hosenanzug. Doch einige bringen neue – nicht nur farblich-modische – Akzente in die Politik: Sie leiten Sitzungen anders, sind inhaltlicher orientiert, weniger vom Aushandeln der Hierarchien geblendet. Männer irritiert der Führungsstil von Frauen!

Die Doppelspitze der Grünen kombiniert derzeit den sachlichen und emotional-betroffenen Politiker. Hier Cem Özdemir, dort Claudia Roth. Letztere spricht offen darüber, wenn sie emotional berührt ist; die taz beschrieb das Weinen als Markenzeichen der Grünen Chefin. Tränen und Leidenschaft gehören zu ihrem politischen Auftritt. Hans-Dietrich Genscher gab erst 40 Jahre nach den Geiselnahmen von München während der Olympischen Spiele 1972 und 20 Jahre nach der Wiedervereinigung zu, dass er emotional berührt und zu Tränen gerührt war.

Haben wir zu wenige Frauen in der Politik?

Noch ja. Auch wenn der Frauenanteil durch das konsequente Fordern von Frauenquoten gestiegen ist. Noch haben wir weniger Ministerinnen – sechs Frauen von 16 Kabinettsmitgliedern –, weniger Frauen als Bundestagsabgeordnete – derzeit gut 30 Prozent –, weniger beamtete Staatssekretärinnen – 24 Prozent –, und nur 16 Prozent Frauen als Abteilungsleiter. Die Unternehmensberatung Kienbaum stellte fest, dass immerhin von 1713 Referatsleitern in Ministerien, Kanzleramt und Bundespresseamt 30 Prozent Frauen sind.

Es kommen junge Frauen nach, die neue Karrierewege gehen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfordern, dadurch verändert sich das politische Klima. Familienministerin Kristina Schröder ist während ihrer Amtszeit Mutter geworden, Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen ist als siebenfache Mutter eine Vorzeigepolitikerin, die auf die Integration von Müttern in die Arbeitswelt pocht.

Im Familienministerium sind die meisten Frauen in Führungspositionen. In den politisch harten Bereichen, wie in der Außen-, Finanz- und Wirtschaftspolitik, geht es jedoch sehr langsam voran. Frauen sollten mehr mitspielen. Wir sollten ausprobieren, wie sich Gesellschaft verändert, wenn Frauen auch in Unternehmen entscheiden. Möglicherweise handeln sie weniger risikofreudig.

Welche Rolle spielen die Schulen, kann Schulunterricht das Interesse von Mädchen und Jungen an Politik wecken?

Die Bildung ist ganz entscheidend. Unsere Lehramtsstudierenden im Fach Politikwissenschaft lernen, wie sie das Fach Politik künftig breit unterrichten. Demokratiebildung findet in unseren Haupt- und Grundschulen viel zu wenig statt. Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur lernen, wie das demokratische System aufgebaut ist, sondern selbst Staatsbürger werden. Politische Bildung fordert von ihnen: Geht raus in die Gesellschaft, gestaltet sie mit! Schule muss den Einzelnen dazu bewegen, teilzuhaben. Es muss wieder „in“ werden, zur Wahl zu gehen und sich in Vereinen zu engagieren.

In Ihrem Habilitationsprojekt forschen Sie über die politische Teilhabe in sich wandelnden Gesellschaften. Was untersuchen Sie bis 2015?

Meine These ist: Nach Wirtschafts- und Finanzkrisen steigt die politische Partizipation. Ich untersuche die Krise der 70er Jahre und die Finanzkrise seit 2008. Wer bringt sich wie ein? In Spanien demonstrieren derzeit arbeitslose Jugendliche, weil sie keine Perspektive sehen. In Stuttgart waren die Proteste rund um den Bahnhof Ausdruck von Wohlstand. In drei Flughafenprojekten – Frankfurt, München, Berlin – fühlen sich Bürger derzeit übergangen. Ich will herausfinden, wie Bürger dauerhaft an der Gestaltung der Gesellschaft teilhaben, so dass es nicht zu ausbruchsartigen unerwarteten Demonstrationen kommt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Dr. Saskia Richter, geboren 1978, ist Politikwissenschaftlerin an der Universität Hildesheim. Über Frauen in der Politik und im Besonderen das Leben von Petra Kelly, Gründungsmitglied der Partei Die Grünen, hat sie in Deutschland und den USA geforscht. 2010 ist das Buch „Die Aktivistin. Das Leben der Petra Kelly“ bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen. Nach Stationen in Göttingen, Berlin und Friedrichshafen arbeitet sie am Institut für Sozialwissenschaften der Uni Hildesheim derzeit an ihrer Habilitation über politische Partizipation in sich wandelnden Gesellschaften.