Geoarchäologische Studie: Karlsgraben blieb unvollendet

Montag, 08. Januar 2018  / Alter: 258 Tage

Vor über 1.000 Jahren wollte Kaiser Karl der Große einen durchgehenden Schifffahrtsweg vom Rhein zur Donau schaffen. Das ambitionierte Projekt ist mit modernen Großprojekten wie dem Panama-Kanal oder dem Berliner Flughafen vergleichbar. Und wie bei diesen Projekten gab es auch damals Verzögerungen und technische Probleme wie aktuelle Forschungen eines Teams aus Leipzig, Hildesheim, Jena, Kiel, Berlin und München belegen.

Eine neue geoarchäologische Studie zum Kanal Karls des Großen belegt: Der mittelalterliche Schifffahrtsweg wurde nie vollendet. Das Bild zeigt den zentralen Bereich des Karlsgrabens in der Ortschaft Graben. Im Hintergrund sind die bewaldeten Aushubwälle des Kanals zu sehen (Foto: Friedrich-Schiller-Universität Jena/Seminar Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie, Lukas Werther). Der Geograph André Kirchner hat mit Forschungskollegen aus Leipzig, Hildesheim, Jena, Kiel, Berlin und München die Studie erarbeitet. Der Hildesheimer Juniorprofessor untersucht in seiner Forschung, wie Siedlungs- und Nutzungstätigkeiten in der Vergangenheit die Umwelt beeinflusst haben (Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim).

Vor über 1.000 Jahren wollte Kaiser Karl der Große einen durchgehenden Schifffahrtsweg vom Rhein zur Donau schaffen. 792/793 n. Chr. wurde das Verkehrsprojekt, das als eines der bedeutsamsten des Frühmittelalters in Zentraleuropa gilt in Angriff genommen. Der sogenannte Karlsgraben liegt am Fuß der Südlichen Frankenalb in Mittelfranken. Das ambitionierte Projekt ist in seinen Dimensionen mit modernen Großprojekten wie dem Panama-Kanal oder dem Berliner Flughafen vergleichbar. Und wie bei diesen Projekten gab es auch damals Verzögerungen und technische Probleme. Aktuelle Forschungen eines Teams aus Leipzig, Hildesheim, Jena, Kiel, Berlin und München belegen nun, dass das Vorhaben Karls des Großen gescheitert ist und verschiedene Teile des Kanals nicht vollendet wurden.

Seit Jahrzehnten wurde die Frage kontrovers diskutiert, ob der südliche Anschluss des Karls­grabens an die Altmühl und damit an das Donaueinzugsgebiet fertiggestellt war. Nur mit diesem Anschluss wäre eine Befahrung des Kanals möglich gewesen. Durch modernste geophysikalische, archäologische und physisch-geographische Untersuchungen ist es dem Forscherteam gelungen, mit neuen Erkenntnissen diese und weitere Fragen zu beantworten. Die im renommierten Fachmagazin „Quaternary International“ publizierten Forschungen belegen, dass sich der Flussverlauf der Altmühl seit der Karolingerzeit nur geringfügig verändert hat. Auf einer Strecke von mindestens 700 Metern zwischen den nachweisbaren Resten des Kanals im Ort Graben und der Altmühl gibt es jedoch keinerlei Spuren eines schiffbaren Kanals. Das Autorenteam um Prof. Dr. André Kirchner (Universität Hildesheim), Prof. Dr. Christoph Zielhofer (Universität Leipzig) und Dr. Lukas Werther (Friedrich-Schiller-Universität Jena) kommt daher zu dem Ergebnis, dass der Bau in diesem Bereich unvollendet blieb.

Nichtsdestotrotz ist der Karlsgraben eine der bemerkenswertesten Ingenieursleistungen des Frühmittelalters. Die seit 2012 laufenden Forschungen im Rahmen eines Schwerpunktpro­gramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) haben gezeigt, dass Teile des Bau­werks weitgehend fertiggestellt und vermutlich funktionsfähig waren. Andere Abschnitte, wie der Kanalanschluss an die Altmühl, wurden dagegen nicht zu Ende gebaut, so dass der Kanal nie als Ganzes befahrbar war. Erst mehr als 1000 Jahre später gelang es im 19. Jahr­hundert mit dem Ludwig-Donau-Main-Kanal, die Idee Karls des Großen erfolgreich zu Ende zu bringen. 

Die Forschungen am Karlsgraben werden auch 2018 fortgesetzt, um noch offene Fragen an das außergewöhnliche Bauwerk zu beantworten.

„Die Erforschung des mittelalterlichen Bauwerks ist nur möglich, da unterschiedliche Fachdisziplinen eng kooperieren“, sagt Professor André Kirchner, der vor allem die Sedimente in der Altmühlaue untersucht. Seit 2016 arbeitet Kirchner als Juniorprofessor für Angewandte Geoökologie an der Universität in Hildesheim. In seiner Forschung untersucht der Physische Geograph und Geoarchäologe unter anderem, wie Siedlungs- und Nutzungstätigkeiten in der Vergangenheit die Umwelt beeinflusst haben.

Original-Publikation: A multidisciplinary approach in wetland geoarchaeology

Kirchner, A., Zielhofer, C., Werther, L., Schneider, M., Linzen, S., Wilken, D., Wunderlich, T., Rabbel, W., Meyer, C., Schmidt, J., Schneider, B., Berg-Hobohm, S., Ettel, P. (2017): A multidisciplinary approach in wetland geoarchaeology: Survey of the missing southern canal connection of the Fossa Carolina (SW Germany). – Quaternary International, doi.org/10.1016/j.quaint.2017.12.021

Team

Hinter der Studie steckt ein Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mehrerer Universitäten in Deutschland. Kontakt zu den Forscherinnen und Forschern:

Prof. Dr. André Kirchner
Universität Hildesheim/ Institut für Geographie
Universitätsplatz 1, 31141 Hildesheim
E-Mail: andre.kirchner@uni-hildesheim.de
Tel: 05121 883 40922

Prof. Dr. Christoph Zielhofer
Universität Leipzig/ Physische Geographie
Johannisallee 19a, 04103 Leipzig
E-Mail: zielhofer@uni-leipzig.de
Tel: 0341 97 32965

Dr. Lukas Werther
Friedrich-Schiller-Universität Jena/ Seminar Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie
Löbdergraben 24a, 07743 Jena
E-Mail: lukas.werther@uni-jena.de
Tel: 03641 944 889

Dr. Stefanie Berg
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
Hofgraben 4, 80539 München
E-Mail: Stefanie.Berg-Hobohm@blfd.bayern.de
Tel: 089 2114 392

An der Studie waren des Weiteren beteiligt:

  • Michael Schneider, Dr. Sven Linzen
    (Leibniz-Institut für Photonische Technologien, Jena)
  • Dr. Dennis Wilken, Dr. Tina Wunderlich, Prof. Dr. Wolfgang Rabbel (CAU Kiel)
  • Dr. Cornelius Meyer (Eastern Atlas, Berlin)
  • Johannes Schmidt, Dr. Birgit Schneider (Universität Leipzig)
  • Prof. Dr. Peter Ettel (Friedrich-Schiller-Universität Jena)

Medienberichte

Die Studie fand auch in der deutschen Medienlandschaft große Beachtung und wurde u.a. bei „welt online“, ,„mdr online“ oder dem „Hamburger Abendblatt“ erwähnt. Radiobeiträge wurden im „Deutschlandfunk“ (18.01.2018 „Im Mittelalter mit dem Schiff vom Main zur Donau / Interview mit Prof. André Kirchner, Universität Hildesheim“, 8 Min, MP3) und bei „Radio Tonkuhle“ gesendet.

Medienkontakt: Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121 883 90100)

Von: Institut für Geographie, Pressestelle [erstveröffentlicht 08.01.2018]

Eine neue geoarchäologische Studie zum Kanal Karls des Großen belegt: Der mittelalterliche Schifffahrtsweg wurde nie vollendet. Das Bild zeigt den zentralen Bereich des Karlsgrabens in der Ortschaft Graben. Im Hintergrund sind die bewaldeten Aushubwälle des Kanals zu sehen (Foto: Friedrich-Schiller-Universität Jena/Seminar Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie, Lukas Werther). Der Geograph André Kirchner hat mit Forschungskollegen aus Leipzig, Hildesheim, Jena, Kiel, Berlin und München die Studie erarbeitet. Der Hildesheimer Juniorprofessor untersucht in seiner Forschung, wie Siedlungs- und Nutzungstätigkeiten in der Vergangenheit die Umwelt beeinflusst haben (Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim).