„Für die Kinder sind die Studentinnen und Studenten Vorbilder“

Montag, 03. April 2017  / Alter: 23 Tage

Kraft des Sports: In Schulen in Hildesheim und Peine kommen Studentinnen und Studenten einmal in der Woche mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Weitere Lehramtsstudierende können bei „funah“ mitwirken. Professorin Vera Volkmann begleitet das sportpädagogische Projekt wissenschaftlich und untersucht, welche Rolle Sport im Lebenslauf von Jugendlichen spielt.

Aus einer studentischen Initiative entstand 2014 das Interventionsprojekt „funah“, hier sind die Studenten Omar Fahmy und Dominik Feer mit Jugendlichen auf dem Sportplatz. In einer wissenschaftlichen Begleitforschung untersucht Professorin Vera Volkmann, wie die Kinder und Jugendlichen das Angebot wahrnehmen, ob es wirksam ist und auf welche Weise genau es ihnen hilft. Welche Rolle spielt der Sport im Lebenslauf der Jugendlichen? Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Mitwirken im „funah“-Projekt: Infoveranstaltung für Studierende am 5. April

Fußball ist mehr als Tore schießen, laufen und gewinnen. Sport kann Menschen verbinden – auf die Kraft des Mannschaftssports setzt ein Team des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Hildesheim. „Bei uns nimmt der Fußball eine Brückenfunktion zwischen schulischem Lernen und Sport ein, um gemeinsam zu lernen“, sagt Vera Volkmann. An der Universität in Hildesheim bildet die Professorin Lehrerinnen und Lehrer im Fach Sport aus und unterstützt Lehramtsstudierende bei der Entwicklung von sportpädagogischen Projekten.

Aus einer studentischen Initiative entstand 2014 das Interventionsprojekt „funah“. In einer Realschule in Peine, mittlerweile auch in der Oskar-Schindler-Gesamtschule in Hildesheim und der Grundschule in Drispenstedt, kommen Studentinnen und Studenten einmal in der Woche mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Zunächst lernen sie im Klassenzimmer, dann geht es raus auf den Sportplatz. „Durch die Kombination von individueller Lernförderung und Fußball sollen die Kinder und Jugendlichen bessere Chancen auf einen erfolgreicheren Bildungsprozess bekommen, sie erkennen eigene Stärken und Schwächen, entdecken den Wert von Bildung und setzen sich für Respekt untereinander ein“, sagt Vera Volkmann. Mittlerweile wird das funah-Konzept durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert und soll auf Landesebene ausgebaut werden.

„Sport nimmt im politischen und im allgemein gesellschaftlichen Diskurs um Integration, Inklusion und Völkerverständigung eine zentrale Position ein, die sich auch in den Medien widerspiegelt“, sagt Vera Volkmann. „Im Sport kann man sich jenseits sprachlicher Barrieren auf eine sehr direkte Weise begegnen. Sport ist emotional hoch besetzt und bietet ein großes Identifikationspotenzial. Man arbeitet in einer Mannschaft gemeinsam auf ein Ziel hin und kann dies in der Regel auch nur gemeinsam erreichen.“

Sport kann Menschen verbinden, man kann das Selbstwertgefühl steigern und erfahren, dass man im Team aufeinander Rücksicht nimmt und füreinander da ist. „Ich bin überzeugt davon, dass der Sport dies leisten kann“, sagt Vera Volkmann. „Aber dies ist sehr stark davon abhängig, wie die Gruppen geleitet und somit der Sport vermittelt wird. Gerade im Sport können auch Ausgrenzungsprozesse und Konflikte einen großen Raum einnehmen. Vermeintlich lustige Sprüche, die aber doch im Kern herabwürdigend sind, haben im Sport nichts verloren. Die Anleitenden müssen das, was sie im und durch den Sport vermitteln wollen, auch vorleben und somit authentisch vertreten.“ Die Studentinnen und Studenten zeigen im funah-Projekt „ein außergewöhnlich hohes Engagement und das spüren die Kinder natürlich“. „Ich bin daher sehr froh, dass wir nun Gelegenheit haben, funah curricular an der Uni zu verankern und die Leistung der Studierenden anzuerkennen.“ Ab dem Sommersemester können Lehramtsstudierende aller Fächer in dem funah-Projekt mitwirken und dabei einen Projektschein erwerben oder die Tätigkeit als außerschulisches Praktikum anrechnen lassen.

In einer wissenschaftlichen Begleitforschung untersucht Professorin Vera Volkmann, wie die Kinder und Jugendlichen das Angebot wahrnehmen, ob es wirksam ist und auf welche Weise genau es ihnen hilft. Welche Rolle spielt der Sport im Lebenslauf der Jugendlichen? Dabei untersucht Vera Volkmann auch, wie der Sport beim Ankommen in Deutschland helfen kann. Einige der Mädchen und Jungen in den Hildesheimer Schulen leben erst seit wenigen Wochen in Deutschland, haben Krieg und Flucht erlebt und lernen nun die deutsche Sprache – auch auf dem Sportplatz.

„Mich interessiert besonders die Sicht der Kinder und Jugendlichen, da sie meist nicht zu Wort kommen, aber doch die Einzigen sind, die tatsächlich Auskunft geben können. Und es ist auch kein Geheimnis, dass in der bundesdeutschen Integrationspolitik genau dieser Aspekt der Zusammenarbeit und Perspektivenübernahme der Betroffenen stark vernachlässigt wurde“, sagt Professorin Volkmann.

Das Angebot werde von den Kindern und Jugendlichen sehr gut angenommen und es zeigen sich an den bisherigen Standorten individuelle Verhaltens- und Lernfortschritte, so Volkmann. Erste Forschungsergebnisse zeigen, wie stark die beteiligten Kinder und Jugendlichen die Arbeit mit den Studentinnen und Studenten wertschätzen. „Sie sehen für sich einen hohen Wert darin, kommen sogar freiwillig in den Schulferien zu funah und betonen immer wieder, dass sie hier eine Anerkennung und Verständnis erfahren, was sich stark von ihren Unterrichtserfahrungen unterscheidet“, sagt Vera Volkmann. „Auch die Schulnoten haben sich bei vielen beteiligten Kindern verbessert.“

In den Interviews mit Jugendlichen einer Realschule in Peine wird deutlich, dass das Verhältnis zu den Studierenden sehr vertrauensvoll ist. „Die Jugendlichen haben das Gefühl, mit ihren Stärken und Schwächen angenommen zu werden und erfahren Bestärkung“, sagt Professorin Vera Volkmann. Ein Mädchen äußert sich über die Studenten so: „Sie meckern uns nicht an, wenn wir mal einen Fehler machen. Sogar wenn wir beim Fußball nicht gut ins Tor schießen – dann sagen sie: 'Ja, nächstes Mal schaffst du das!' und zeigen uns immer ein paar Tricks. Und die sind auch richtig nett zu uns.“

Die Studentinnen und Studenten sind für die Kinder auch Vorbilder. Eine Schülerin beschreibt dies so: „Sie sind für uns richtige Vorbilder. Sie zeigen uns auch, wie man mit anderen Menschen, die nicht so sind, wie wir, umgehen soll. Zum Beispiel: Wenn wir jetzt jemanden irgendwie ein bisschen anders behandeln – aber das machen wir nicht, das ist nur ein Beispiel – dann würden sie uns auch sagen, dass man so etwas nicht macht und dass man jemanden nicht ausgrenzen darf. Sie erklären uns alles so super gut. Wir verstehen das sofort, als wenn es uns Freunde erklären.“

Die Sportwissenschaftlerin befragt auch die beteiligten Studentinnen und Studenten, um nachzuzeichnen, was sie durch die Zusammenarbeit mit den Kindern um im Team lernen. „Sie sollen durch das Projekt für die Tätigkeit als Lehrkraft in einer multikulturellen Gesellschaft sensibilisiert werden und später als wichtige Gatekeeper im Bildungsprozess adäquat handeln können – und nicht durch unzutreffende und unreflektierte Vorannahmen Türen verschließen.“ Es sei „extrem wichtig, zukünftige Lehrerinnen und Lehrer ganz direkt für zentrale Themen ihres Arbeitsfeldes zu sensibilisieren und ihnen entsprechende Kompetenzen – zum Beispiel anerkennende Kommunikation – zu vermitteln. Auch hier wollen wir durch die Begleitforschung erfassen, ob wir dieses Ziel auch erreichen.“

Projekt „funah“: Gemeinsames Lernen und Fußballspielen / Infoveranstaltung für Studierende

Wer Lehramt im Bachelor studiert, kann einen Projektschein oder das außerschulische Praktikum über das funah-Projekt anrechnen lassen. Auch Studierende, die nicht Sport studieren, können das Projektseminar belegen. Wie man bei funah mitwirken kann, erfahren Studierende während einer Informationsveranstaltung am Mittwoch, 5. April 2017 um 17:00 Uhr (Uni-Hauptcampus, Raum I 010). Interessierte Studierende sind dazu eingeladen, Teil des Projekts zu werden und sich mit ihren individuellen Fähigkeiten einzubringen. Wer Fragen zum Projekt hat, kann sich an Professorin Dr. Vera Volkmann und Sameh Keller (E-Mail: kelle002(at)uni-hildesheim.de) wenden.

[Hier lesen Sie in Kürze auch ein Interview zum Thema]

Von: Pressestelle/Isa Lange

Aus einer studentischen Initiative entstand 2014 das Interventionsprojekt „funah“, hier sind die Studenten Omar Fahmy und Dominik Feer mit Jugendlichen auf dem Sportplatz. In einer wissenschaftlichen Begleitforschung untersucht Professorin Vera Volkmann, wie die Kinder und Jugendlichen das Angebot wahrnehmen, ob es wirksam ist und auf welche Weise genau es ihnen hilft. Welche Rolle spielt der Sport im Lebenslauf der Jugendlichen? Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim