Für das Sommersemester in Hildesheim: Kulturcampus heißt Prof. Dr. Antje Budde aus Toronto willkommen

Mittwoch, 13. Mai 2026 - 07:30 Uhr
Drei Personen stehen in der Sonne vor einem Gebäude

Das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim am UNESCO-Lehrstuhl für Kulturpolitik darf sich freuen: Das DAAD-Programm für Gastdozenturen unterstützt ein neues Projekt zu kreativer Praxis, künstlerischer Forschung und kollaborativem Lernen, das von Prof. Antje Budde (University of Toronto) geleitet wird – dazu wird Budde von März bis Juni 2026 auf dem Kulturcampus zu Gast sein.

Das Projekt wird sich um Künstlerische Intelligenz drehen (artistic intelligence / A/I) – ein Begriff zu dem Budde seit fast zehn Jahren praxisbasierte Forschung und Theoriebildung entwickelt. Gemeint ist damit Wissen und Können, das in künstlerischer Praxis entsteht – etwa durch Wahrnehmung, Körperarbeit, Experimentieren, Gestalten, gemeinsames Arbeiten und Performen. Es geht dabei weniger um klassische Künstliche Intelligenz (KI), auch wenn es Berührungspunkte geben kann. „Künstlerische Intelligenz oder A/I steckt den Kopf nicht in den Sand sondern sucht nach Wegen kreativer KoExistenz und Möglichkeiten solidarischer, kollektiver künstlerischer Praxis,“ erklärt Budde. „Die Grundannahme ist, dass Kreativität ein Grundmerkmal menschlicher Existenz ist und jeder Mensch reiche Potentiale an Entdeckungsfreude, Erfindungsgeist und Mut zum Alltag in sich trägt. Alan Turing, ein genialer queerer Mathematiker, hat schon 1950 die Intelligenz von Maschinen als ‚tötlich akurat‘ beschrieben. Was die Menschen ausmacht, ist ihre wunderbare Fähigkeit Fehler zu machen, dumm zu sein, darüber zu lachen, daraus zu lernen und es nochmal zu versuchen – gemeinsam mit anderen.“  In diesem Zusammenhang wird Budde gewohnte Kategorien und Normen – zum Beispiel zu Körper, Technik, Geschlecht, Wissen und Kultur – kritisch hinterfragen und nach neuen Perspektiven suchen – in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Julius Heinicke, Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim, dem Kulturforscher Dr. Daniel Gad und lokalen Kulturinstitutionen, darunter das Dommuseum Hildesheim, das Roemer- und Pelizaeus-Museum und das Stadtarchiv. Budde betont: „Technologien und unsere Beziehungen mit ihnen sind vertrackte Angelegenheiten. Wir müssen lernen, was Technologien, Medien und Maschinen sind, um diese Komplikationen wahrzunehmen. Diese Vertracktheit ist zentral beim kreativen Provozieren mit künstlerischer Intelligenz oder K/I. Es gibt keine Botschaften zu verteilen, nur ständiges, und oft vergnügtes Lernen und Wundern und Vorschläge machen.“

An der Universität Hildesheim sind zwei Blockseminare mit Budde geplant. Im Mittelpunkt des ersten steht die Frage, wie Menschen, Maschinen und Natur zusammenhängen und welche gesellschaftlichen Regeln, Machtverhältnisse und kulturpolitischen Entscheidungen diese Beziehungen prägen. Diese Fragen werden anhand von Beispielen aus Kunst, Theorie und Technikgeschichte diskutiert, unter anderem mit Bezug auf Werke und Ansätze queerer, feministischer und indigener Autor*innen und Künstler*innen. Das zweite Blockseminar beschäftgt sich mit dem Konzept der Anarcheologie (Wortspiel aus Anarchie und Archeologie des queeren Philosophen Michel Foucault) sowie Fragen des Wahrsprechens (truth-telling) und seiner Anwendbarkeit auf künstlerische Produktion, die kritische Machtfragen stellt - auch an sich selbst. Das geschieht anhand von Praxis-Beispielen und theoretischen Diskursen. 

Zusätzlich zu den Seminaren wird Budde eine Performance-Installation zu einem künstlerischen Forschungsprojekt leiten – eine partizipative, multi-linguale live Foto-Musik-Video-Perfomance mit deutsch-kanadischen Künstler*innen. Dabei handelt es sich um ein künstlerisches Interventionsspiel, das Community-Mitglieder spielerisch einlädt, sich mit Mediengeschichte, Kulturpolitik und öffentlicher Selbstdarstellung auseinanderzusetzen und kritisch zu prüfen, wie koloniale Perspektiven und Ungleichheiten bis heute in Bildern, Museen, Archiven und kulturellen Entscheidungen weiterwirken. Das Ergebnis soll als Performance-Installation und gemeinschaftliche Ausstellung erfahrbar werden. Auch die Teilnehmer*innen der Blockseminare sind eingeladen, an dem künstlerischen Forschungsprojekt mitzuwirken, um an den Themen der Kurse zu beschäftigen praktisch und kreativ mitzuwirken.

Antje Budde ist Associate Professor am Centre for Drama, Theatre and Performance Studies der University of Toronto. Sie arbeitet als queer-feministische Multimedia-Wissenschaftlerin und -Künstlerin, gründet kreative Kollektive und experimentelle Labs und veröffentlicht sowohl in wissenschaftlichen als auch in künstlerischen Formaten. Ihre Workshops und Performances zielen unter anderem auf Handlungsfähigkeit und übertragbare Kompetenzen durch künstlerische Praxis, auf multimodales und verkörpertes Lernen (also Lernen mit Körper, Raum, Material und Medien), auf kollektive künstlerische Produktion und soziale Zusammenarbeit sowie auf kritische Kreativität und das produktive Nachdenken über Scheitern. Ideen zur künstlerischen Intelligenz wurden exprimentell in ihren Digital Dramaturgy Labs seit 2016 entwickelt. Dazu gehört eine live online performance in Zusammenarbeit mit KollegInnen der Uni Hildesheim mit dem Titel „Collective/Collecting Intelligence“ (2021). 

Weitere Informationen zum UNESCO-Lehrstuhl für Kulturpolitik gibt es hier: UNESCO-Lehrstuhl - Universität Hildesheim