Frieden wahren: Friedenspreis der Stadt für Jugendprojekt „FuNah“

Donnerstag, 22. März 2018 um 15:31 Uhr

Das studentische Team des Projekts „FuNah“ wird in diesem Jahr mit dem Friedenspreis der Stadt Hildesheim ausgezeichnet. Seit 2014 begleiten Studentinnen und Studenten der Universität Hildesheim Kinder und Jugendlichen auf ihren Bildungswegen, erst im Klassenzimmer, dann geht es auf den Sportplatz. Dabei entdecken die Kinder, dass sie manche Ziele nur als Mannschaft erreichen können und ein Team auf gegenseitigem Respekt aufbaut.

Am 22. März 1945 wurde Hildesheim Opfer verheerender Luftangriffe, die weite Teile der Stadt in Schutt und Asche legten. Über 1.000 Bürgerinnen und Bürger verloren an diesem Tag ihr Leben. Am 73. Jahrestag gedenkt die Stadt dieser folgenschweren Zerstörung der Stadt.

Im Wissen um die Geschichte, aber auch als Zeichen gegen aktuelle friedensfeindliche Gesinnungen widmet sich der „Hildesheimer Friedenstag“ neben der Erinnerung auch der Wahrung des Friedens in Gegenwart und Zukunft. Im Rahmen der Erinnerungsfeier wurde in dieser Woche der Friedenspreis an eine Einrichtung vergeben, die sich für ein tolerantes und respektvolles Zusammenleben einsetzt. 2018 wird das Kinder- und Jugendprojekt „FuNah“ ausgezeichnet.

„Frieden ist nicht nur die große Politik, Frieden fängt doch schon bei Dritt- und Viertklässlern an. Frieden heißt, gut miteinander umzugehen. Das ist der erste Schritt. Danke und Bitte sagen. Anderen wertschätzend zu begegnen. Zu loben“, sagt Omar Fahmy, Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaft der Universität Hildesheim und Mitgründer von „FuNah“.

Frieden heißt, gut miteinander umzugehen

Das Bildungsprojekt „FuNah“ entstand 2014 aus einer studentischen Initiative heraus. In einer Realschule in Peine und in Grundschulen und einer Gesamtschule in Hildesheim kommen Studentinnen und Studenten einmal in der Woche mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Zunächst lernen sie im Klassenzimmer, dann geht es raus auf den Sportplatz. Die Mädchen und Jungen erkennen ihre Stärken und Schwächen, arbeiten in einer Mannschaft gemeinsam auf ein Ziel hin, entdecken den Wert von Bildung und setzen sich für Respekt untereinander ein, darauf weist die Sportwissenschaftlerin Professorin Vera Volkmann hin, die das Projekt wissenschaftlich begleitet.

Die Studentinnen und Studenten sind für viele der Kinder und Jugendlichen Vorbilder. „Mittlerweile sind nicht nur Studierende aus dem Sportinstitut dabei, vielmehr hat sich eine Verknüpfung verschiedener Fachbereiche und Studiengänge – von Psychologie über Umweltsicherung bis Lehramt – entwickelt. Diese vielfältigen Ressourcen sind wichtig und geben uns bei der stärkenorientierten Herangehensweise verschiedene Möglichkeiten des Zugangs zu den Kindern“, sagt Omar Fahmy. Die Zahl der Coaches steigt an, mehrfach konnten erfolgreich Praktika für Schülerinnen und Schüler und im vergangenen Jahr bereits der erste Ausbildungsplatz vermittelt werden.

Die Coaches rund um Omar Fahmy, die an diesem Erfolg den größten Anteil haben und mit dem Friedenspreis ausgezeichnet werden, sind:

Morten Görlitz, Dominik Feer, Hawa Abdul, Nina Köhler, Lia Röttger, Saskia Schmidt, Sameh Keller, Madita Zahn, Ayla Schaub, Berlin Polat, Bessin Osso, Matteo Isermann, Fidan Tuldari, Chiara Garbari (Erasmus), Felix Ehlers, Franziska Schlenker, Hagen Stelzer, Moana Lenger, Nina Bartel, Siyar Daoud, Georg Bauer, Sarah Hammer, Richard Leithäuser, Laura Simon, Foaz Alo, Leona Lüntzel, Kerim Trabelsi, Roberta Rippa (Erasmus), Atilla Ceylan, Aysun Erkan, Claudia Rybicki.

Um stark auf die Kinder und Eltern einzugehen sucht das „FuNah“-Projekt Studentinnen und Studenten, die als Coaches an weiteren Schulen ein qualitativ wirksames Angebot schaffen. „Die größte Motivation für mich liegt darin, die Entwicklung der Kinder in ihrer Persönlichkeit zu beobachten und zu begleiten. Durch den geringen Betreuungsschlüssel (1:3) gelingt es uns ein positives Selbstkonzept bei den Kindern herzustellen, welches oftmals von Lehrkräften und Eltern zurückgemeldet wird“, sagt Fahmy.

„Entwicklung der Kinder in ihrer Persönlichkeit begleiten“

Die Studentinnen und Studenten seien „die tragenden Kräfte von FuNah“ und bringen „enorme und in großen Teilen ehrenamtliches Engagement  auf“, so Professorin Vera Volkmann in ihrer Laudatio. „Aus dem kleinen studentischen Nachhilfeprojekt 2014 ist durch das enorme Engagement von Omar Fahmy, Dominik Feer und vielen anderen eine fest etablierte und sehr facettenreiche Initiative in Hildesheim geworden, die bald an der vierten Schule hier in Hildesheim angeboten wird. Regelmäßig gibt es ein Interkulturelles Fußballturnier, ein Sommercamp, Besuche der Stadtbibliothek, Schwimmkurse und Angebote im kreativen Bereiche, die allesamt von unseren Studierenden getragen werden. Die Studierenden wollen größtenteils Lehrer werden. Sie lernen bei FuNah  frühzeitig die Perspektive der Schülerinnen und Schüler kennen, denen es unser Bildungssystem nicht immer leicht macht, ihre Potenziale auszuschöpfen. Sie lernen, diese Schülerinnen und Schüler besser zu verstehen, um ihnen später Wege ebnen zu können und nicht – wie es heute leider noch oftmals ist – Wege zu versperren. Dafür geben sie viel Zeit und Herzblut, was ihnen die Kinder durch tolle Fortschritte danken. Nur auf diese Weise kann unsere Gesellschaft langfristig zu einer bildungsgerechten Gesellschaft werden. FuNah leistet dazu in Hildesheim einen wirklich großartigen Beitrag.“

Aktuell wird „FuNah“ noch durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert. Dieser Zeitraum ist aber begrenzt und aktuell ist noch unklar, wie das Projekt weiter finanziert werden kann. Das Team sucht daher Unterstützung, um „FuNah“ als festen Baustein im Fundament der Bildungsintegration in Hildesheim etablieren zu können.

Wissenschaftliche Begleitforschung zeigt: Kinder erfahren Anerkennung

Die Ergebnisse der Begleitforschung zeigen, was das Besondere an „FuNah“ ist. In wissenschaftlichen Interviews begründen die Kinder, warum sie sogar freiwillig in den Ferien zu „FuNah“ und somit zum Lernen in die Schule kommen: „Wir bekommen da Anerkennung, so wie wir sind. Wir können denen vertrauen und sie zeigen uns auch, wie man sich richtig verhält und wie man richtig lernt; also wenn einer andere ausgrenzt oder lacht, weil man das Tor nicht getroffen oder etwas beim Lernen immer noch nicht verstanden hat, dann sagen sie, das geht so nicht. Und der nicht getroffen hat, dem wird gesagt, beim nächsten Mal schaffst Du das! Du kannst das! Es tut unheimlich gut, dass da welche sind, die an uns glauben!“

Die Hildesheimer Friedensrede hielt am Abend die Schriftstellerin Shida Bazyar, die an der Universität in Hildesheim Kreatives Schreiben studiert hat. Ihre Rede zeigte Wege zu einer gerechteren und toleranteren Welt auf. Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ und mit zahlreichen anderen Publikationen tritt Bazyar für eine offene und tolerante Gesellschaft ein. Shida Bazyar sagte in ihrer Friedensrede: „Denn was wir nicht dürfen, was wir niemals, niemals dürfen, ist, unsere Meinung nach dem zu bilden, was den Rechten vermeintlich in die Hände spielen würde. Damit, und genau damit nämlich spielen wir den Rechten in die Hände. Wir lassen keine Geflüchteten mehr zuziehen, damit die Rechten nicht stärker werden? Damit haben wir den Rechten im gleichen Moment die Macht über das, was passiert, gegeben."

Mit dem „Hildesheimer Friedenstag“ möchte die Stadt Hildesheim an die Erinnerung an die Zerstörung der Stadt den Aufruf zu einem friedlicheren Zusammenleben knüpfen. Der Friedenspreisträger wurde ebenso wie die Friedensrednerin von Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche, der Stiftung Universität Hildesheim und der Stadt ausgewählt: von Superintendent Mirko Peisert, Dechant Wolfgang Voges, Uni-Vizepräsident Professor Martin Schreiner und Oberbürgermeister Ingo Meyer.

Hildesheimer Friedenspreis: Warum wird das Projekt „FuNah“ ausgezeichnet?

Der studentischen Initiative um Omar Fahmy gelingt es, Kinder und Jugendliche mit Migrationserfahrung auf intelligente und spielerische Weise zu unterstützen. Im gemeinsamen Spiel werden wichtige Werte wie Vertrauen und Respekt gefördert. Damit leistet „FuNah“ einen wichtigen Beitrag zur Integration und kombiniert sehr erfolgreich Fußball und Coaching, so die Begründung der Jury.

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 22.03.2018, aktualisiert 23.03.2018]

Setzen sich für die Wahrung des Friedens ein: Die Stadt Hildesheim zeichnet das „FuNah“-Team um Omar Fahmy mit dem Friedenspreis 2018 aus. „Die Studentinnen und Studenten geben viel Zeit und Herzblut, was ihnen die Kinder durch tolle Fortschritte danken“, sagt Sportprofessorin Vera Volkmann. Die Schriftstellerin Shida Bazyar, die in Hildesheim „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ studiert hat, hält die Friedenspreisrede. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim, Foto Shida Bazyar: Julia Sandforth