„Freiheit ist ein Ewigkeitsthema“ - Prof. Dr. Jakub Sirovátka zum Krieg in der Ukraine

Dienstag, 20. Januar 2026 – 09:15 Uhr
Universität Hildesheim Pressemeldungen

Der Andrang von Besucher*innen ist groß bei der Wippermann-Lecture – so groß, dass die Stühle zunächst nicht ausreichen. Zum mittlerweile elften Mal ermöglichen Jutta und Prof. Dr. Burkhard Wippermann, dass mit dem Wippermann-Fellowship hochkarätige internationale Wissenschaftler*innen gefördert werden und ihre Forschung der Universitäts- und Stadtgesellschaft Hildesheims zugänglich machen.

Diesjähriger Wippermann-Fellow ist Prof. Dr. Jakub Sirovátka, Dozent für Philosophie an der Südböhmischen Universität in Budweis, Tschechien. Sirovátka beschäftigt sich unter anderem intensiv mit dem philosophischen Blick auf Konflikte, darunter dem Krieg in der Ukraine. Bei der Wippermann-Lecture spricht er zum Thema Krieg und Frieden – Was lehrt uns der Krieg in der Ukraine? 


Prof. Dr. René Dausner vom Institut der Katholischen Theologie plädiert in seiner Vorrede für die Moral des Wesentlichen – und zwar, die Menschlichkeit nicht zu verlieren.


Am Tag darauf treffen wir Herrn Sirovátka zum Interview.

 

Herr Sirovátka, wie beschreiben Sie die aktuelle Lage in Europa im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine?

 

Einerseits herrschte in Europa lange Realitätsblindheit. Gegenüber Russland handelten die Europäer sehr freundlich, während sie die Ukraine als eigenständigen Staat nicht wirklich ernst nahmen. Das ist die geopolitische Komponente. Zum anderen kam dann aus meinem Blickwinkel als Philosoph die Einsicht dazu, dass der Mensch nicht nur gut ist. Mehr als das: Er ist zum Bösen fähig. Das gehört zur menschlichen Natur, so bedauerlich das auch ist. Dem müssen wir in unseren Entscheidungen und auch unseren politischen Entscheidungen Rechnung tragen.
Darüber hinaus ist es mir sehr wichtig, die ukrainische Perspektive zur Geltung zu bringen. In den letzten Jahren sind viele Bücher und Aufsätze von ukrainischen Philosophen und Philosophinnen erschienen, die den Krieg in die eigene Reflexion einbinden. Für uns, die wir nicht direkt vom Krieg betroffen sind, ist es wichtig, diese Perspektiven mit einzubinden. Wir müssen uns fragen: Wofür stehen wir? Welche Werte vertreten wir? Wir müssen die Ukraine mit allen möglichen Mitteln unterstützen, und dazu gehören auch militärische. Klar ist: Wenn die warme Stube das einzig wichtige für uns ist, wird das mit Europa nichts.

 

Als Philosoph beschäftigen Sie sich intensiv mit den Themen Krieg und Frieden. Wie steht es gerade um die Freiheit in Europa und der Welt?

 

Aus philosophischer Sicht ist die Freiheit ein Ewigkeitsthema. Die Reflexion der Freiheit an sich ändert sich eigentlich nie bedeutend, doch es ändern sich die Bedingungen, unter denen wir Freiheit reflektieren. Wir können unterscheiden: Einerseits gibt es die negative Freiheit von etwas, das bedeutet, dass wir uns von Dingen wie beispielsweise unseren Bedürfnissen distanzieren können, auch wenn wir durch Faktoren wie unsere Erziehung und unsere Sozialisation determiniert sind. Neben der negativen Freiheit gibt es die positive Freiheit, die uns ermächtigt, zu fragen, wofür wir diese Freiheit als freiheitliche autonome Wesen überhaupt einsetzen können. Nun kommt es ja aber vor, dass wir in verschiedenen Staatsformen leben, darunter auch totalitären Systemen. Aus meiner Sicht sind die die Freiheit betreffenden Fragen aber die gleichen: Wie können wir unsere Freiheit leben? Hier geht es auch um eine innere Freiheit. Auch in einem totalitären System oder einer Diktatur kann ich versuchen, innerlich frei zu sein, auch wenn ich es äußerlich nicht bin.

 

Am Beispiel der Ukraine festgemacht: Können die Ukrainer*innen auch frei sein, obwohl sie so direkt unter der russischen Aggression stehen?

 

Auf jeden Fall! Ich denke, dass uns das viele in der Ukraine auch bezeugen. Dass sie versuchen, sich eine innere Freiheit zu erkämpfen und trotz des täglichen Terrors und der Gewalt versuchen, sich frei zu entscheiden und im besten Falle auch etwas gegen die Aggression tun. Wir sehen, dass die ukrainische Kultur regelrecht aufgeblüht ist, in Musik, Literatur und vielen Bereichen mehr. Für mich ist das ein sehr starker Ausdruck der eigenen Freiheit, dass man auch unter diesen Bedingungen die eigene Kultur und die eigene Sprache zur Geltung bringen möchte. Die existentielle Dringlichkeit der ukrainischen Situation stellt diese Fragen noch radikaler und macht das Leben intensiver.

 

Der Krieg in der Ukraine nahm nicht erst 2022 seinen Anfang. Schon seit 2014 wird im Donbass gekämpft, Russland hat die Krim annektiert. Doch erst seit 2022 erhält der Krieg weitreichende Aufmerksamkeit. Wie bewerten Sie diese Verschiebung der Prioritäten?

 

Niemand wollte diese Kämpfe zur Kenntnis nehmen, weil man sich die Energiegeschäfte mit Russland nicht verderben wollte. Also hat man alle Bedenken schnell zur Seite gewischt. Inzwischen ist Europa aufgewacht, meiner Meinung nach aber immer noch zu wenig. 
Am weitesten im Umgang mit dem Krieg sind die skandinavischen Länder, das Baltikum und Polen. Die versuchen, einen Mentalitätswandel durchzuführen und dabei die ganze Gesellschaft mitzunehmen. Dazu gehört auch, dass zum Beispiel Finnland wegen der gemeinsamen Grenze mit Russland eine lange Historie hat und sich gegen Stalin im Szenario David gegen Goliath behaupten konnte. Ich sehe es als unsere Aufgabe an, die Ukraine einerseits zu unterstützen, und andererseits auch im eigenen Land Vorbereitungen für Krisenzeiten zu treffen. Wir müssen unsere Mentalität ändern und uns klarmachen, dass schwierige Zeiten auf uns zukommen. Wir müssen ernstnehmen, dass wir Wohlstand verlieren werden. Gleichzeitig müssen wir versuchen, diese Kraft positiv einzusetzen und Werte wie die Solidarität zu stärken.

 

Was können wir als Individuen tun, was lernen wir als Gesellschaft für den Umgang mit Krieg und Wohlstandsverlust? Auch im Hinblick darauf, dass sich das Böse durchaus im Individuum zeigt, wie Sie eingangs beschrieben haben.

 

Ich ziehe Parallelen zwischen dem Heute und der Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Ich bin hinter dem Eisernen Vorhang großgeworden und habe, bis ich 18 war, in der kommunistischen Tschechoslowakei gelebt. Meine Eltern waren stark antikommunistisch eingestellt und haben sich in Dissidentenkreisen engagiert, in der Untergrundkirche und dem Samisdat (Anm. d. Red.: der illegalen Verbreitung verbotener und zensierter, systemkritischer Literatur im Ostblock). Ich glaube, wir müssen diese Haltung wiedergewinnen: Hoffnung gegen alle Hoffnung zu haben. Ich mag das Zitat von Václav Havel, der sagt: „Hoffnung ist nicht Optimismus. Es ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“
Und ich glaube, dass wir diese Haltung wieder lernen müssen, dass wir sagen, wir wissen, was zu tun ist. Wir sollen unserem Gewissen und unseren Überzeugungen folgen. Ich glaube, auch wenn wir unscheinbare Dinge tun, haben wir das Gefühl, Akteur des eigenen Lebens zu sein, und nicht Opfer der Umstände. Ich halte es aus psychologischer Sicht für entscheidend, nicht das zu Gefühl haben, ich erreiche als Einzelner nichts und alles stürzt über mir zusammen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir die moralische Kraft des Individuums unterschätzen.

Erstellt von: Felix Krumme

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