Forschungscluster untersucht internationale Wissenschaftskarrieren

Donnerstag, 03. Mai 2018  / Alter: 106 Tage

Hildesheimer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befassen sich im Forschungscluster „Hochschule und Bildung“ mit internationaler Mobilität im Wissenschaftssystem. „Die großen Themen, die uns heute umtreiben, kann keiner mehr alleine lösen“, sagt Dorothea Rüland, Generalsekretärin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler während der Tagung „Hildesheimer Dialoge“ auf dem Bühler-Campus der Universität Hildesheim: Dorothea Rüland, Marion Kamphans, Carola Bauschke-Urban, Mark Bajohrs, Maresi Nerad, Nicolai Netz, Meike Sophia Baader und Svea Korff. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Das Forschungscluster „Hochschule und Bildung“ analysiert den Bildungsraum „Hochschule“ und entwickelt empirisch angelegte Studien. Derzeit befassen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Erziehungswissenschaft sowie Sozial- und Organisationspädagogik mit internationalen Wissenschaftskarrieren. Im Frühjahr 2018 kamen im Rahmen der Tagung „Hildesheimer Dialoge“ Expertinnen und Experten in Hildesheim zusammen. Gemeinsam mit der Generalsekretärin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Dorothea Rüland, diskutierten sie über internationale Mobilität im Wissenschaftssystem.

Die promovierte Hildesheimer Wissenschaftlerin Marion Kamphans skizzierte anhand ihrer eigenen Biografie, was das „Forschen im Ausland“ bewirken kann. Mit einem Stipendium, dem Hildesheimer „Didrik-Pining-Fellowship“, konnte Kamphans mehrere Monate in den USA forschen. Zurück in Hildesheim sagt sie heute: „Man braucht eine gute Idee, um sich für das Fellowship zu bewerben. Ich habe sehr positive Erfahrungen gesammelt, das beginnt bei der Wohnungssuche im Ausland. Fremde Leute, die über das Uni-Netzwerk von meiner Suche erfahren haben, haben sich bei mir gemeldet und Wohnraum angeboten. Mit der Zeit entstand das Gefühl: Ich hab es geschafft, ich bin angekommen. Nach und nach wurden mir der fremde Ort, die fremde Universität mit ihrer ‚anderen‘ Struktur und Kultur und die fremde Sprache vertraut. Vor Ort an der University of Washington wurden meine Ideen buchstäblich vermehrt, forschen in einer anderen Universitätsstruktur kann die Arbeit beflügeln, da man das bisherige Vorgehen hinterfragt und neue Perspektiven einnimmt.“

In den USA führte Marion Kamphans Interviews mit internationalen Doktorandinnen und Doktoranden. Ein Ergebnis: Durch den Forschungsaufenthalt im Ausland gewannen die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler an Selbstvertrauen und bauen ihr wissenschaftliches Netzwerk aus.   

„Ein Forschungsaufenthalt bedeutet nicht nur, dass man ein Experiment im Labor umsetzt. Man wächst persönlich und baut Netzwerke aus“

Marion Kamphans hat ihren Forschungsaufenthalt bei Professorin Maresi Nerad, Direktorin des „Center for Innovation and Research in Graduate Education“ an der University of Washington in Seattle verbracht. Nerad war nun zum Gegenbesuch an der Universität Hildesheim. Während der Hildesheimer Tagung gab sie Einblicke in ihre Analysen zur Bedeutung von internationalen Forschungsaufenthalten für Doktorandinnen und Doktoranden und „Post-docs“, womit die Phase nach der Promotion bezeichnet wird.

Welche Möglichkeiten ergeben sich für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Ausland – und wie stellen sich Universitäten auf internationale Gäste ein? Fellowships wie das Hildesheimer Didrik-Pining-Programm seien eine „wichtige Unterstützung“, die die Universitäten für den wissenschaftlichen Nachwuchs einrichten können, so Professorin Nerad. „Ein Forschungsaufenthalt bedeutet nicht nur, dass man ein Experiment im Labor umsetzt, sondern persönlich wächst, das Netzwerk ausbaut und das Land erlebt – das braucht Zeit, 6 Monate sollten es mindestens sein.“

Leider wagen vor allem nur jene den Schritt ins Ausland, die in der Familie bereits internationale Erfahrungen etwa durch Reisen gesammelt haben oder die aus einem Elternhaus kommen, in dem das Vorhaben unterstützt wird. „Mobilität befördert weitere Mobilität“, so Nerad. Deshalb sollten Universitäten gerade diejenigen Wissenschaflerinnen und Wissenschaftler unterstützen, die noch nicht diesen Schritt gewagt haben. Denn, wer einmal ins Ausland geht, dem fällt auch der nächste Schritt leichter. Zudem sollten „Universitäten  honorieren, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in verschiedenen Ländern forschen und lehren, etwa durch Preise. Internationle Stipendien sollten formal ausgeschrieben werden, damit jeder die Chance hat, sich zu bewerben. Internationale Studierende, die an der Hochschule lernen, können angefragt werden, ob sie ihren Kolleginnen und Kollegen, denen ein Auslandsaufenthalt bevorsteht, Ratschläge für den Aufenthalt in China oder Spanien geben können. Zudem sollten Hochschulen Raum schaffen, um sich über internationale Erfahrungen auszutauschen“, so die Empfehlungen der Professorin.

Internationale Mobilität während und nach der Promotion untersucht

Professorin Meike Baader und Svea Korff haben sich in ihrer Forschung auf die Promotions-Phase und die Postdoc-Phase im deutschen Wissenschaftssystem spezialisiert. Im Forschungsprojekt „Chancengleichheit in der strukturierten Promotionsförderung an deutschen Hochschulen“ haben sie die Lebenslagen von Doktorandinnen und Doktoranden untersucht. In einem weiteren Forschungsprojekt hat sich das Hildesheimer Forschungsteam mit dem Thema „Chancengleichheit in der Postdoc-Phase in Deutschland“ befasst. Die Ergebnisse geben Einblicke in die Beschäftigungssituation, die beruflichen Perspektiven und die Arbeitsbedingungen von Promovierten an Hochschulen – eine bislang wenig erforschte Thematik. Ein Ergebnis: Die Phase nach der Promotion (Postdoc-Phase) ist gegenwärtig unsicher und prekär, Frauen scheiden in den wesentlichen Übergangsphasen von einer Qualifikationsstufe zur nächsten häufiger aus als Männer, sagt die promovierte Sozialwissenschaftlerin Svea Korff.

Dabei analysierten die Forscherinnen auch die internationale Mobilität. „Verlaufen die Wege von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern international, über Ländergrenzen hinweg, so fehlt es häufig an Informationen über das spezifische Funktionieren in den jeweiligen Wissenschaftskulturen, der Beratungsbedarf ist da“, so Meike Baader.

Viele befragte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisieren: Die Bewältigung der internationalen Mobilität bleibt oft auf der subjektiven Ebene, jeder hilft sich selbst irgendwie weiter. Für viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beginnt das Problem, wenn sie versuchen Fuß zu fassen, sagt Svea Korff. „Sie hangeln von einer Universität zur nächsten und fangen immer wieder neu an.“

DAAD-Wissenschaftsmanagerin: „Die großen Themen, die uns heute umtreiben, kann keiner mehr alleine lösen“

Über transnationale Bildung und die zukünftige Rolle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) sprach Dorothea Rüland. Die promovierte Wissenschaftsmanagerin arbeitet seit 1991 beim DAAD, seit 2010 ist sie Generalsekretärin und damit verantwortlich für die weltweit größte Förderorganisation für den internationalen Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern.

Mobilität sei für das Individuum enorm bereichernd, so Rüland. Auslandsaufenthalte können dazu beitragen, dass junge Menschen ihre Persönlichkeit weiterentwickeln, Kommunikationsfähigkeit üben und Fremdsprachenkenntnisse erweitern. 2014 waren weltweit etwa 4,5 Millionen Studentinnen und Studenten unterwegs und haben außerhalb ihres Herkunftslandes studiert. Warum die Internationalisierung an Universitäten weltweit so stark an Bedeutung gewonnen hat, beantwortet Rüland: „Die großen Themen, die uns heute umtreiben, kann keiner mehr alleine lösen – wir brauchen internationale Netzwerke. Und wir müssen unseren akademischen Nachwuchs auf eine globale Welt vorbereiten, die in Wirtschaft, Kultur und Politik vernetzt ist.“ Die meisten Länder haben Internationalisierungsstrategien aufgelegt, etwa die Universitäten in China. Der Inselstaat Mauritius spezialisiert sich auf Informationstechnologie, Botswana entwickelt sich zum „Education-Hub“.

Hochschulen müssen sich entscheiden, so Rüland: Wer sind meine kongenialen Partner, mit welchen 5 bis 15 Partnern in der Welt arbeitet die Hochschule intensiv auf allen Ebenen zusammen? Entscheidend sei, dass die Partner auf Augenhöhe zusammenarbeiten und ihre Kontakte pflegen.

Kurz erklärt: Forschungscluster „Hochschule und Bildung“

Das Forschungscluster „Hochschule und Bildung“ wurde 2009 von Prof. Dr. Meike Sophia Baader und Prof. Dr. Wolfgang Schröer als eigenständige, unabhängige Einheit zwischen dem Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft, und dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim gegründet. Als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen unterstützen Dr. Svea Korff, ebenfalls Gründungsmitglied und seit 2015 Sprecherin des Forschungsclusters, und Dr. Marion Kamphans das Team.

Forschungscluster „Hochschule und Bildung“

Tipp: Didrik-Pining-Fellowship

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität Hildesheim, die neue Kontakte zu ausländischen Kolleginnen und Kollegen und Hochschulen aufbauen oder bestehende Kontakte intensivieren möchten, können sich um das Reisestipendium „Didrik-Pining-Fellowship“ bewerben.

Von: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 03.05.2018]

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler während der Tagung „Hildesheimer Dialoge“ auf dem Bühler-Campus der Universität Hildesheim: Dorothea Rüland, Marion Kamphans, Carola Bauschke-Urban, Mark Bajohrs, Maresi Nerad, Nicolai Netz, Meike Sophia Baader und Svea Korff. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim