FAIRes Forschungsdatenmanagement - Etablierung an der Stiftung Universität Hildesheim

Freitag, 16. Oktober 2020 um 11:25 Uhr

FAIR = Findable, Accessible Interoperable und Re-Usable - Ein kurzer Praxisbericht von heute und morgen

(c) Patrick Hochstenbach

Forschungsdatenmanagement Uni Hildesheim (c) Patrick Hochstenbach

Forscherinnen und Forscher sind eigenverantwortlich für die Einhaltung der guten wissenschaftlichen Praxis. Die Universitätsbibliothek Hildesheim begegnet ihnen im Forschungsdatenmanagement. Für die fortlaufende Unterstützung und Information zum Forschungsdatenmanagement (FDM) sind seit Beginn der Covid-19 Pandemie einfach vorhandene Formate für den digitalen Raum neu geformt worden. Der Support zum Datenmanagement wird vom Homeoffice aus geleistet. Es findet ständig Kontakt und Austausch mit den Forschenden statt, online mehr als früher vor Ort. Die Services sind geprägt durch Unterstützung bei der Erstellung von Datenmanagementplänen (RDMO). Forschungsnahe Services beschäftigen sich mit der Datenvielfalt, mit Karten, Texten, audiovisuellen Materialien, Fotosammlungen und Forschungssoftware, um nur einige Beispiele zu nennen. Hinzugekommen sind Beratungen im Bereich der Metadaten und fachspezifischen Metadatenschemata. Fragen sind immer auch, ob es rechtliche und ethische Hindernisse gibt, um Forschungsdaten zugänglich zu machen. Wie ist definiert, welche Daten aufbewahrt werden sollten und welche nicht.

Annette Strauch aus der Universitätsbibliothek gibt in diesem Beitrag einen kurzen Überblick darüber, was sich seit dem Sommer 2020 im Bereich ‘Datafication’ weiterhin entwickelt hat

Die Bewußtseinsbildung für ‘FAIRe Daten’ im Kontext einer Ermöglichung des Zugangs zu öffentlich finanzierter Forschung bestimmten Kulturwandel konnte weiterhin gestärkt werden. Mit der NFDI sollen isolierte Datenbestände miteinander vernetzt werden. Einhergehend mit dem digitalen Wandel sind in den vergangenen Jahren neue Dienste an der Stiftung Universität Hildesheim entstanden. Schadensvermeidung, Ethikkodex und Forschungsfreiheit waren im Sommer 2020 wichtige Themen, mit denen wir uns im FDM auseinandergesetzt haben.

Hochschulweite Dienste

Das FDM der UB Hildesheim betreut alle daten- und informationsinfrastrukturellen Aspekte der Stiftung Universität Hildesheim (SUH).

„Die Hochschulen in Deutschland leisten nicht nur auch in diesen Tagen beste Forschung, sondern sie organisieren auch weiterhin die akademische Ausbildung, bilden Wissensvorräte für die anwendungsorientierte Forschung und tragen selbst zu dieser bei.“ (DFG-Präsidentin Prof‘in Dr. Katja Becker, 01.07.2020: https://www.dfg.de/service/presse/pressemitteilungen/2020/pressemitteilung_nr_25/)

In diesem Zusammenhang ist das Forschungsdatenmanagement zu betrachten, welches für eine gute Forschung unerläßlich ist.

Strategie in einer heterogenen Forschungsdaten-Landschaft

Das FDM orientiert sich seit 2018 an den Profilschwerpunkten der SUH. Es hat intensive Ermittlungen der Bedarfe zum Forschungsdatenmanagement an den vier Fachbereichen und an den Instituten gegeben, und das FDM hat sich “bottom-up” entwickeln können. Fragen zu Datenmanagement, den rechtlichen Themen im FDM sowie zur langfristigen, qualitätsgerechten Forschungsdatenspeicherung in Forschungsdatenrepositorien tauchen dabei sehr häufig auf und sind weiterhin die meisten Themen, zu denen beraten wird. Ein Meilenstein für das lokale Forschungsdatenmanagement war Verabschiedung der Leitlinie zum Umgang mit Forschungsdaten an der SUH im Frühjahr 2020.

“Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der SUH sind verantwortlich für die Entscheidung, welche digitalen und nicht-digitalen Forschungsdaten archivierungs- und publikationswürdig sind, sowie für die Dokumentation, Bereitstellung und langfristige Sicherung der Forschungsdaten.”

Weitere Meilensteine

Gestartet war die Stelle zum FDM im März 2018, es folgten eine ‘Roundtable’ zum Forschungsdatenmanagement in der UB im Dezember 2018, die Installation des ‘Tools’ RDMO, das lokal durch die UB betreut wird. Workshops zum FDM und RDMO werden seit dem Frühjahr 2019 angeboten. RDMO ist ein Werkzeug zur strukturierten Planung und Umsetzung des Forschungsdatenmanagements in wisseschaftlichen Projekten, welches die Ausgabe eines Datenmanagementplans (DMP) ermöglicht. RDMO hilft Datenmanagementaufgaben zu verwalten. (https://rdmorganiser.github.io/)

Das Werkzeug begleitet Projekte während der gesamten Projektlaufzeit. Ausgehend von strukturierten Interviews und den betroffenen Datensätzen, organisiert RDMO das Datenmanagement anhand von Aufgaben. Es bindet alle Akteure wie beispielsweise Forschende, Datenmanager und die Bibliothek sowie IT ein. Die RDMO Arbeitsgemeinschaft hatte zum Beitritt aufgerufen und das FDM der UB Hildesheim beteiligt sich daran. Die Grundlage der Zusammenarbeit wird in einem Memorandum of Understanding (MoU) formuliert.

“Unterzeichnende dieses Memorandum of Understanding (MoU) werden Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft. Mitglieder können auf die weitere Entwicklung und den künftigen Umfang der Funktionalitäten durch die in diesem MoU beschriebenen Mechanismen Einfluss nehmen."

Außerdem sind 12 Coffee Lectures seit dem Sommersemester 2019/20 zu allen Aspekten des FDM durchgeführt worden, und 8 weitere Coffee Lectures sind bis in das Sommersemester 2021 hinein geplant. Wir haben uns an der UNEKE-Umfrage beteiligt und sind redaktionell mit Artikeln für forschungsdaten.info beschäftigt.

Empfehlungen und Perspektiven

Wenn es über die temporäre Sicherung von Arbeitsdateien hinausgeht, die während des Forschungsprozesses anfallen, und darum, die Forschungsdaten zu erhalten (Archivierung im Sinne der guten wissenschaftlichen Praxis, DFG-Kodex) und digitaler Langzeitarchivierung, werden in der Regel fachspezifische Repositorien oder Forschungsdatenzentren empfohlen und genutzt, weil sie besser von der Fach-Community wahrgenommen werden. Wir bedenken bei der Nachnutzung u.a. die Auffindbarkeit der Forschung (auch wenn das Objekt selbst nicht zugänglich ist), die Mehrsprachigkeit, offene Formate, Metadaten. Forschungsdaten, die einer wissenschaftlichen Publikation zugrunde liegen, müssen der guten wissenschaftlichen Praxis entsprechend, in der Regel für mindesten zehn Jahre lang aufbewahrt werden. Die Fach-Communities definieren welche Forschungsdaten relevant sind.

Mit Dataverse können Forscherinnen und Forscher ihre Forschungsdaten dauerhaft sichern, sie nachhaltig und qualitätsgerecht öffentlich im Open Access zur Verfügung stellen (publizieren). Die Forschungsdaten erhalten bei der Datenpublikation einen persistenten Identifikator. Mit Forschenden konnten in BBB-Gesprächen Kriterien für die Wahl eines Repositoriums geklärt werden, z.B.: offener Zugang, Schnittstellen, Maschinenlesbarkeit, Open Source und Kriterien im Bereich der Usability. Die Repositorienfrage wird uns in den kommenden Monaten, genau wie RDMO, praktisch weiter sehr beschäftigen, aber auch beim Umgang mit Forschungssoftware stellten sich verstärkt die wichtigen Fragen, wie Forschungsergebnisse nachvollzogen und reproduziert werden. Durch Zitation und Verfügbarmachung der genutzten Forschungssoftware erhöht sich auch die Sichtbarkeit der Software. Die Angabe der genauen Version bleibt gewährleistet.

Forschungssoftware

Die Beschäftigung mit Forschungssoftware ist somit weiter an der SUH in den Vordergrund gerückt, da sie auf Daten operiert und so Forschungsprozesse von den ersten Planungen eines Vorhabens bis hin zu Löschungen unterstützt werden. Forschungsdaten sind immer abhängig von Software, wobei die Formate eine wichtige Rolle spielen. Die DFG fasst unter den Begriff Forschungsdaten methodische Testverfahren wie Software, neben Fragebögen und Simulationen.

“Die im Projekt entwickelten Technologien, Werkzeuge, Verfahren, Organisationsformen oder Finanzierungsmodelle sollten potenziell nachnutzbar und auf andere Kontexte übertragbar sein. Alle durch die Vorhaben zustande gekommenen Ergebnisse sind in der Fachöffentlichkeit bekannt zu machen und kostenlos zur Nachnutzung auch durch Dritte zur Verfügung zu stellen.

(...) Sämtliche mit DFG-Förderung erstellte, über das Internet verfügbare Inhalte auch Softwareentwicklungen sind so aufzubereiten, zu indexieren und zu bewerben, dass eine maximale Auffindbarkeit gewährleistet ist. Entsprechende Metadaten müssen informationsfachliche Standards erfüllen und sich dazu eignen, auch in internationale fachspezifische und informationsfachliche Nachweissysteme integriert zu werden.

Materialien in der Forschung, die zusammengehören, sollten miteinander verknüpft werden, beispielsweise Forschungsdaten, auch Software, mit Publikationen. Forschungsdaten können so sichtbar wie möglich gemacht werden, d.h. mit einer permanenten Signatur.

Open Science

Weiterhin beschäftigen sich lokal, nach wie vor, erst wenige Forscherinnen und Forscher mit Metadaten (aber es gibt welche!), die aber für Open Science essentiell sind. Wenn gut aufbereitete Daten mit anderen geteilt werden, erhöht sich nicht nur die Sichtbarkeit der Autorinnen und Autoren und ihrer Forschungsarbeit, sondern der Einfluss auf den globalen wissenschaftlichen Diskurs wächst sowie das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Forschung. Für Forscherinnen und Forscher stellt Open Science je nach den Fachdisziplinen der SUH eine große Herausforderung dar, und für das FDM der UB Hildesheim ist es immer schwierig, einen allgemeingültigen Weg zu zeigen, denn gerade hinsichtlich der rechtlichen Themen bestehen viele Unsicherheiten.

Rechtliche Themen in Forschung und im Forschungsdatenmanagement

Muster Einwilligungen (wie ‘Informed Consent’) und FAQs zu den rechtlichen Fragen im FDM werden zukünftig auf der Webseite der Universität oder der UB zu finden sein. Diese liegen seit einiger Zeit vor und müssen nur bereitgestellt werden. Hier erfolgte während der Sommermonate Austausch mit dem Datenschutzbeauftragten, dem Justiziariat und Akteuren der Hochschulleitung. Konzepte werden weiterhin erarbeitet, sodass wir für die Forschenden gute Lösungen bereitstellen können und uns im Forschungssupport die Arbeit selbst vereinfachen.

Forschungsdatenmanagement in “allen” Netzwerken - die NFDI

Bund und alle Länder haben als Gründungsmitglieder am 12. Oktober 2020 in Hannover den Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) e.V. gegründet. Somit ist nach dem Abschluss der Bund-Länder-Vereinbarung zur NFDI,vom November 2018 ein weiterer wichtiger Meilenstein erreicht. Der Zweck des Vereins mit Sitz in Karlsruhe ist die Etablierung und Fortentwicklung des Forschungsdatenmanagements und somit die Effizienzsteigerung des deutschen Wissenschaftssystems. Die Struktur der Vereinsorgane und deren Kompetenzverteilung verfolgen einen wissenschaftsgeleiteten Ansatz. Die inhaltlich-strategische Steuerung der NFDI und die Umsetzung der inhaltlich-technischen Grundsätze obliegen somit Vereinsorganen, die überwiegend oder ausschließlich mit wissenschaftlichen Mitgliedern besetzt sind (Wissenschaftlicher Senat und Konsortialversammlung). Der Direktor der NFDI  wird im Sommersemester 2021 Gast der Coffee Lecture “Forschungsdatenmanagement: NFDI - Nationale Forschungsdateninfrastruktur: Daten, Kekse ... und mehr" sein.

Die lokale Stelle zum FDM engagiert sich im NFDI-Konsortium NFDI4Objects, das sich als interdisziplinäres NFDI-Konsortium versteht. Der Fokus ist insbesondere auf archäologische Objekte gerichtet. Er schließt die Umweltgeschichte ein und ist u.a. für die Forschenden im Bereich der Geographie der SUH interessant. Die Task Area 6 von NFDI4Objects for Commons and Qualification, an der Annette Strauch beteiligt ist, befasst sich mit den datenmanagementbezogenen Anforderungen an multdisziplinäre Datenauswerteprozesse, dem Aufbau und der Pflege von NFDI4Objects eigenen Commons und der Entwicklung passgenauer Qualifizierungsangebote. Forschungsdaten sollen fächerübergreifend ausgetauscht werden können. Es fallen bei NFDI4Objects sehr unterschiedliche Arten von Forschungsdaten an, z.B. historische Daten: Datenbanken, digitale Archive (Zeichnungen, Pläne, Fotografien) und Altdatenbestände sowie lokale Aufzeichnungen, Denkmalregister/Ortsakten, historische Karten und Archivdaten, die im Rahmen von Forschungsprozessen in eine digitale Infrastruktur überführt werden müssen. In der Task Area 6 von NFDI4Objects geht es um die datenmanagementbezogenen Anforderungen an multidisziplinäre Datenauswerteprozesse, dem Aufbau und der Pflege von NFDI4Objects eigenen Commons und der Entwicklung passgenauer Qualifizierungsangebote (bspw. RDMO-Fragenkatalog). Ein wichtiges Charakteristikum der Zielgruppe von NFDI4Objects ist die a priori bestehende, starke Tradition und Kompetenz im Bereich der Digitalisierungsmethoden und -technologien bei vielen ihrer Mitglieder sowie die unmittelbare digitale Erfassung der Daten, das auch lokal weiterführend ist.

Die UB Hildesheim stellt seit September 2020 ein neues Flugblatt zum FDM zur Verfügung. Den Link zum Download finden Sie hier: https://www.uni-hildesheim.de/media/ub/2020/Flyer_FDM_2020.pdf

 

Termin: ONLINE Veranstaltung – Coffee Lectures Forschungsdatenmanagement (DFG-Beitrag): "Forschungsdaten im digitalen Wandel. Aus der Arbeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft"

Literaturempfehlungen

Wilkinson, M., Dumontier, M., Aalbersberg, I. et al. The FAIR Guiding Principles for scientific data management and stewardship. Sci Data 3, 160018 (2016). https://doi.org/10.1038/sdata.2016.18

CODATA, Committee on Data of the International Science Council, CODATA International Data Policy Committee, CODATA and CODATA China High-level International Meeting on Open Research Data Policy and Practice, Hodson, Simon, Mons, Barend, Uhlir, Paul, & Zhang, Lili. (2019, November 25). The Beijing Declaration on Research Data. Zenodo. http://doi.org/10.5281/zenodo.3552330

Strauch, A. (2020). Universitätsbibliotheken heute. Partner im Forschungsdatenmanagement in der Praxis, ABI Technik, 40(2), 177-186. doi: https://doi.org/10.1515/abitech-2020-2008

Blogbeitrag Hochschulforum Digitalisierung: https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/gastblog/annette-strauch

 


Annette Strauch, Universität Hildesheim – Foto privat

Grafiken Patrick Hochstenbach