Entschlossen gegen Antisemitismus an Universitäten und in der Lehrkräfteausbildung
Montag, 6. Juli 2026 - 08:04 Uhr
Antisemitismusprävention und Antisemitismuskritik beginnen nicht erst im Klassenzimmer: Sie sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Prof. Dr. René W. Dausner, Professor für Katholische Theologie und Antisemitismusbeauftragter der Universität Hildesheim, engagiert sich für den Schutz jüdischen Lebens und die Prävention von Antisemitismus. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Sensibilisierung angehender Lehrkräfte.
Der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der bis heute anhaltende Krieg im Nahen Osten sowie der deutliche Anstieg antisemitischer Vorfälle in Deutschland beschäftigen die Öffentlichkeit. Die darum geführten öffentlichen Diskurse verdeutlichen einmal mehr die Relevanz von Antisemitismuskritik und -prävention. Umso wichtiger ist es, diese Themen nachhaltig in Bildung und Gesellschaft zu verankern. Dies beginnt bereits in der Lehrkräfteausbildung. Zugleich kommt auch den Universitäten selbst eine wichtige Rolle zu. „Mir ist es als Beauftragter für den Schutz jüdischen Lebens und gegen Antisemitismus hier an der Universität Hildesheim ein zentrales Anliegen, dass wir Sensibilität schaffen und eine antisemitismuskritische Haltung bereits im Studium verankern.“
Dausner benennt zugleich auch Schwierigkeiten, denen er in seiner Rolle als Antisemitismusbeauftragter begegnet: „Meine Sorge ist, dass die Diskursräume sich verengen und die Extreme zunehmen. Die Universität sollte ein Ort sein, an dem Diskurse geöffnet werden und wir gemeinsam diskutieren, wie ein gesellschaftlicher Zusammenhalt gefördert werden kann.“ Auch die Tatsache, dass viele jüdische Studierende Angst haben, öffentlich an Universitäten in Erscheinung zu treten, weil sie um ihre Sicherheit fürchten, bereitet dem Professor Sorge.
Gleichzeitig beobachtet er aber auch ein großes Engagement gerade im Bereich der antisemitismuskritischen Bildung an deutschen Universitäten. Im Vergleich zum europäischen Ausland nehme er zudem eine große Offenheit und Dialogsensibilität wahr. „Das brauchen wir, um einer solchen verheerenden wie fatalen Entwicklung innerhalb unserer Gesellschaft wie dem Aufkommen und Wiedererstarken des Antisemitismus entgegen wirken zu können.“
Als Multiplikator*innen gestalten Lehrkräfte nicht nur die Schule von heute, sondern auch die Gesellschaft von Morgen. Schulen sind zentrale Orte gesellschaftlicher Sozialisation und stehen deshalb in einer besonderen Verantwortung. „Als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen sind Schulen ein entscheidender Ort für Prävention, Aufklärung und Haltung“, betont Dausner. Letzteres bedeute, Position beziehen zu können und befähigt zu sein, auch in schwierigen gesellschaftlichen Fragen Rede und Antwort stehen zu können. Mit diesem Haltungsbegriff beschäftigt sich der katholische Theologe auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit.
Der findet sich auch in einem der wichtigsten Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils. In der Konzilserklärung Nostra Aetate (In unserer Zeit) lässt sich der Begriff Habitudo mit Haltung oder Verhältnis den nichtchristlichen Religionen gegenüber übersetzen. Dausner interpretiert das so: „Dieser Begriff beinhaltet damit auch eine eminent politische Bedeutung, weil es um die Frage des Zusammenlebens geht.“ Diesen Gedanken vertieft Dausner in seinen Lehrveranstaltungen, etwa im Rahmen des ZABIN-Zertifikats. Der Haltungsbegriff helfe Studierenden dabei, sich der Bedeutung des Religiösen und des interreligiösen Dialogs für ein friedliches Zusammenleben bewusst zu werden.
Antisemitismuskritische Bildung ist damit eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die Schulen ebenso wie Universitäten betrifft. Projekte wie ZABIN und ein anstehender Fachtag zur Antisemitismusprävention sollen dazu beitragen, angehende Lehrkräfte für diese Aufgabe zu sensibilisieren und ihnen Handlungssicherheit im Umgang mit Antisemitismus zu vermitteln.
Weitere Informationen
Seit dem Wintersemester 2025/2026 läuft das landesweite außercurriculare Zertifikatsprojekt ZABIN für Lehramtsstudierende in Niedersachsen. Universitätsübergreifend besuchen derzeit 80 bis 90 Studierende interdisziplinär angebotene Veranstaltungen und Seminare rund um die Antisemitismusprävention an Schulen. Mehr Informationen hier.
Außerdem findet von Mittwoch, dem 02. September, bis Donnerstag, 03. September 2026, der zweite Fachtag zu Antisemitismusprävention statt – organisiert in Kooperation der Universität Hildesheim mit dem Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ). Diese Fortbildungsveranstaltung richtet sich an Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und alle, die Schule aktiv mitgestalten. Die Teilnehmenden sollen befähigt werden, Antisemitismus in seinen Erscheinungsformen zu erkennen, einzuordnen und wirksam dagegen vorzugehen. Mehr Informationen gibt es hier.