Entscheidungsprozesse in politischen Gremien

Donnerstag, 31. Oktober 2013 um 11:09 Uhr

Nach der Wahl, die Würfel sind gefallen. Koalitionen und politische Gremien gruppieren sich, neue Abgeordnete starten in den Politikbetrieb. Wie entstehen Fehlentscheidungen in politischen Gremien, wie lassen sie sich verhindern? Andreas Mojzisch, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hildesheim, und sein Mitarbeiter, Dr. Jan Häusser, forschen über Entscheidungsprozesse in Gruppen.

Wenn „das Wir" entscheidet. Wichtige politische Entscheidungen werden häufig in Gruppen getroffen. Davon verspricht man sich bessere Entschlüsse, getreu dem Motto „vier Augen sehen mehr als zwei". Die Forschung zeigt jedoch, dass Gruppen diesen Vorteil häufig nicht nutzen und teils eklatante Fehlentscheidungen treffen. Hildesheimer Psychologen gehen der Frage nach, wie der Informationsaustausch und Entscheidungsprozesse in der politischen Praxis verbessert werden können.

„Wichtige Entscheidungen können bei einer Gruppe starken Stress hervorrufen, Zweifel werden unterdrückt. Das Streben nach Einmütigkeit, das bekannte 'Schließen der Reihen', ist ein Mittel, um Stress abzubauen. Es verstellt den Blick für eine kritische Analyse der Sachlage und kann zu kritikloser Anerkennung der Gruppenmeinung führen", sagt Prof. Dr. Andreas Mojzisch. Auch engstirniges Vorgehen und die Tendenz zur Selbstüberschätzung kann vorschnell in vermeintlich „alternativlose" Entscheidungen münden. Viele Untersuchungen der vergangenen 30 Jahre zeigen, dass meinungshomogene Gruppen, also jene, deren Mitglieder die gleiche Alternative favorisieren, stärker nach meinungsbestätigenden Informationen suchen als heterogene Gruppen – was einer unvoreingenommenen Herangehensweise an ein Problem im Wege steht.

Im Vergleich zu Einzelpersonen haben Gruppen den Vorteil, unterschiedliche Einschätzungen in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Andreas Mojzisch schildet das Problem von vielen Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und anderen Lebensbereichen: „Diskussionen beginnen oft damit, dass die Mitglieder ihre Entscheidungspräferenzen austauschen. Dann heißt es: 'Ich bin für Projekt B'. Häufig verhandeln Mitglieder die Entscheidung unmittelbar auf Grundlage ihrer Präferenzen – anstatt zunächst Sachargumente auszutauschen. Sind alle in der Runde zu Beginn der gleichen Meinung, wird häufig überhaupt kein Bedarf für eine vertiefende Diskussion gesehen."

Wenn Gruppen unter Schlafmangel und Stress entscheiden

In der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie an der Universität Hildesheim leitet Dr. Jan Häusser ein DFG-Projekt zum Thema Gruppenentscheidungen, forscht über Schlafmangel bei Entscheidungen und geht sozialen Aspekten beim Stresserleben nach. Er ergänzt: „Gruppen sprechen mehr über geteilte und meinungsbestätigende Argumente als über konträre Meinungen. Plakativ formuliert: Die Gruppe spricht vor allem über das, was ohnehin schon alle wissen. Die ungeteilten Informationen, also das Spezialwissen einzelner Mitglieder, bleibt dagegen auf der Strecke. Geteilte Informationen werden außerdem tendenziell als wichtiger bewertet als ungeteilte Informationen.“

Die Lösung klingt simpel: Gruppen sollten ihre Diskussion in zwei Phasen aufteilen, sagt Mojzisch. „In der ersten Phase werden alle vorhandenen Informationen zusammengetragen, ohne auf Entscheidungspräferenzen einzugehen. Erst nach dem vollständigen Informationsaustausch sollen sich die Gruppenmitglieder über die Entscheidung Gedanken machen." In einer Studie, bei der die Gruppe ein schwieriges Entscheidungsproblem zu lösen hatten,  konnte so die Lösungsrate von 7% auf 40% gesteigert werden (Mojzisch/Schulz-Hardt 2010, Journal of Personality and Social Psychology).

Abweichler und Querdenker – Gruppen können von Störenfrieden profitieren

Die Untersuchungen zeigen auch, dass Gruppen meist bessere Entscheidungen treffen, wenn ihre Mitglieder zu Beginn unterschiedliche Entscheidungsalternativen favorisieren. Abweichler, Neinsager, Querdenker, Außenseiter – profitieren politische Gremien also von diesen „Störenfrieden", die sich nicht der Mehrheitsmeinung anpassen? „In der Regel ja", sagt Jan Häusser. Gremien, die mehr oder weniger einer Meinung sind, können auf den „Advocatus Diaboli" sogar „künstlich" zurückgreifen. „Sie erzeugen Meinungsdissens, in dem ein Gruppenmitglied die Rolle des 'Teufelsanwalts' übernimmt und konsequent die Gegenmeinung vertritt. So werden die Argumente einer kritischen Probe unterzogen und Alternativen nicht aus den Augen verloren", sagt Andreas Mojzisch.

Doch Meinungsvielfalt bringt wenig, wenn die Gruppenmitglieder sich nicht trauen, abweichende Meinungen zu äußern, sagt Mojzisch. „Damit sich die Mitglieder diese Freiheit nehmen, ist Vertrauen nötig. Kritik sollte innerhalb der Gruppe konstruktiv, wertschätzend und sachbezogenen erfolgen."

Lesetipps

„Wenn das Wir entscheidet: Wie politische Gremien ihre Meinungen bilden. Von Thomas Klug", Deutschlandradio Kultur, Sendung „Zeitfragen. Das politische Feature", 24.03.2014

„Fehlentscheidungen in politischen Gremien: Wie sie entstehen und wie sie sich verhindern lassen" (Andreas Mojzisch/Jan Häuser, Spezialausgabe Politische Psychologie der Online-Zeitschrift „The Inquisitive Mind")

„Gruppen entscheiden meistens schlecht", ZEIT ONLINE, 24.10.2013

„Regierungsbildung: Die Tücken nächtlicher Verhandlungsmarathons", ZEIT ONLINE,13.10.2013

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Mojzisch hat an der LMU München Psychologie und Philosophie studiert und dort 2003 promoviert. Danach hat er als Post-Doc an der TU Dresden und der Georg-August-Universität Göttingen gearbeitet. Seit 2011 ist er Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hildesheim. Schwerpunkte seiner aktuellen Forschung sind Informationsverarbeitung und Entscheidungsprozesse in Gruppen, neuro-kognitive Grundlagen sozialer Konformität sowie soziale Identität, Stress und Gesundheit. Mojzisch untersucht in Laborexperimenten und Feldstudien, wie sich die Qualität von Gruppenentscheidungen verbessern lässt. Gruppen haben das Potential gute Entscheidungen zu treffen: Durch die gemeinsame Diskussion können individuelle Fehlannahmen korrigiert und neue Perspektiven eingebracht werden. Die Forschung zeigt jedoch, dass Gruppen dieses Potential häufig nicht nutzen und nicht selten Fehlentscheidungen treffen. Deswegen untersucht der Psychologe, mit welchen Maßnahmen man den Austausch und die Verarbeitung von Informationen bei Gruppenentscheidungen optimieren kann.

Dr. Jan Häusser hat an der Universität Göttingen studiert und 2010 zum Thema Fehlbeanspruchungen bei der Arbeit promoviert. Seit 2011 arbeitet er als Post-Doc in der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie an der Universität Hildesheim. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen neben der Analyse von Gruppenentscheidungen, soziale Aspekte beim Stresserleben, Effekte von Verantwortlichkeit, experimentelle Arbeitspsychologie sowie die Untersuchung von Belastungsfaktoren bei der Arbeit.