Endlich fragt jemand: Wie geht es dir?

Donnerstag, 26. Februar 2015 um 09:19 Uhr

Wie geht es Studierenden? Psychologinnen der Universität Hildesheim haben vor Ort nachgefragt, denn Daten für einzelne Hochschulstandorte fehlen bisher. Ergebnisse der ersten Gesundheitsstudie zeigen: Drei Viertel der Befragten geht es gesundheitlich gut bis sehr gut, aber manche fühlen sich gestresst, so Professorin Renate Soellner. Derzeit läuft die nächste Erhebungsphase. Studierende können noch bis zum 14. März teilnehmen.

Endlich fragt einmal jemand konkret nach, wie Studierende den Alltag wahrnehmen – eine E-Mail mit diesem Wortlaut trifft bei Astrid Bräker mittlerweile häufig ein. Die Psychologin freut sich über diese Rückmeldung. Denn das ist das Anliegen des Hildesheimer Gesundheitsmonitorings „healthy@uni-hildesheim“: genau nachzufragen, um zu erfahren, wie es den Studentinnen und Studenten geht.

Wie achten Studierende auf ihre Gesundheit, wie entspannen sie, wie gehen sie mit Stress um, nehmen sie leistungssteigernde Mittel? Es gibt erstaunlich wenige Daten über Gesundheit im Studium. Verlässliche Zahlen für einen Standort fehlen. Daher hat ein Team um Psychologieprofessorin Renate Soellner an der Universität Hildesheim das Gesundheitsmonitoring gestartet (Pressemeldung zum Auftakt der Studie, Wie geht es dir?). Wie geht es Ihnen? – 1838 Studierende haben geantwortet. Nun liegen erste Ergebnisse vor. „Drei Viertel der Befragten geht es gesundheitlich gut bis sehr gut, sie äußern ein positives allgemeines Wohlbefinden. Aber sie zeigen einen höheren Wert bei der Stressausprägung. Der psychische Druck ist für manche Studierende immens. Konkurrenz, das Gefühl von Belastung und Prüfungsangst gehören für viele zum Studienalltag", sagt Professorin Renate Soellner. Während der Vorlesungszeit ist die Belastung tendenziell eher hoch. Einige studieren „sehr leistungsgetrieben“. Das Studium sei eine wichtige Lebensphase, „die man bewusst ausgestalten sollte, dazu gehören Freiräume“. In dieser Entwicklungsphase beginnen junge Leute, ihr eigenes Leben aufzubauen, verdeutlicht die Psychologin.

Mindestens einmal wöchentlich treiben drei Viertel der Befragten Sport (71%), im Durchschnitt 175 Minuten. 8,7% sind täglich etwa eine Stunde aktiv. Neben Joggen und Krafttraining stehen Rad fahren, Schwimmen und Ballsportarten in der Top Ten der beliebtesten Sportarten. Über 200 Studierende (19,9%) nehmen die Angebote des Hochschulsports wahr. Die Nicht-Nutzung (80% der Studierenden) wird mit zeitlichen Überschneidungen mit Seminaren, Zeitmangel, der Entfernung zwischen Wohnort und Uni oder dem geringen Kursangebot begründet. 21% ernähren sich vegetarisch. Zwei Drittel der befragten Studentinnen und Studenten haben keinen Hausarzt, den sie bei gesundheitlichen Problemen aufsuchen können. Im Schnitt waren sie an sechs Tagen in den letzten drei Monaten krank.

Die Forscherinnen haben auch erfasst, wie Studierende mit Alkohol, Drogen und leistungssteigernden Substanzen umgehen. „Studierende trinken nicht, um ihren Alltag zu bewältigen.“, so Soellner. die sich mit Suchtfragen befasst und in einer Forschergruppe den Alkoholkonsum von Jugendlichen in europäischen Ländern untersucht hat. Allerdings beobachtet sie einen vergleichsweise hohen Alkoholkonsum unter den Hildesheimer Studierenden. Auch episodischer exzessiver Konsum wurde berichtet. Empfehlenswert wäre es wenn mindestens zwei trinkfreie Tage in der Woche eingehalten würden.“ 48 der befragten Studienteilnehmer haben noch nie in ihrem Leben alkoholische Getränke zu sich genommen. „Hochschulen in Berlin haben ganz andere Probleme mit illegalen Substanzen und Drogenkonsum, das fällt hier nicht auf. Auch Hirndoping spielt bei uns keine Rolle“, so Soellner. Drei Viertel der befragten Studierenden in Hildesheim rauchen nicht, Soellner spricht von einer „rauchfreien Uni“. Über 60% haben noch nie in ihrem Leben geraucht, 14% haben aufgehört und nur 13,3% bzw. 11,6% geben an, gelegentlich bzw. regelmäßig zu rauchen. „Hier kommt eine Schülergeneration an die Universität, die von Präventionsmaßnahmen in Schulen begleitet wurde und sich gegen das Rauchen entschieden hat.“

Ein Viertel (1838 insgesamt, davon knapp 1500 weiblich) der 6592 Studierenden hat an der Studie teilgenommen, für Online-Befragungen ist das eine gute Rücklaufquote. „Das Thema stößt auf Resonanz. Wir erhalten E-Mails von Studierenden, die sie persönlich an uns richten und sich bedanken“, so Astrid Bräker. Im Durchschnitt sind die Studierenden 23,7 Jahre alt, der jüngste Teilnehmende ist 16, der älteste 62 Jahre. 95% der Befragten haben keine Kinder, wenn doch dann mehrheitlich ein oder zwei. Sie pflegen nur selten einen Angehörigen (5%). Zwei Drittel der Befragten wohnen in Hildesheim. 15% wohnen bei den Eltern. Die meisten finanzieren ihr Studium aus unterschiedlichen Quellen, die Eltern (66%) und der eigene Verdienst (49%) stehen an erster Stelle.

Die Studierenden konnten zudem angeben, ob sie mit ihrem Studium zufrieden sind. Die Mehrheit der Studierenden sind mit ihren Studienleistungen (55.6%) und ihrer Studiensituation insgesamt (43.4%) „sehr oder eher zufrieden“. Die Rahmenbedingungen ihres Studiums werden zu etwa gleichen Teilen als eher zufriedenstellend (36.4%), eher neutral (35.3%) oder als eher unzufriedenstellend (28%) beurteilt. Gleichzeitig erleben über 50% der Hildesheimer Studierenden ihr Leben zum Befragungszeitpunkt jedoch als „ziemlich“ oder „sehr“ stressig. Der Stressindex liegt auf einer Skala von 0 bis 100 bei 64.

Astrid Bräker spricht von einer „Datenflut“ und betrachtet mithilfe von Masterstudierenden des Fachs Psychologie die anonym erfassten Daten derzeit genauer, zum Beispiel im Rahmen von Abschlussarbeiten. So wollen die Forscherinnen und Psychologiestudierende in Einzelauswertungen tiefere Einblicke in die Gesundheit von Lehramtsstudierenden gewinnen. Eine weitere Untersuchung soll aufschlüsseln, inwiefern die Merkmale des Studienalltags mit dem Stressempfinden zusammenhängen. Die Daten aus dem Gesundheitsmonitoring sollen nicht für den Ordner oder die Regalablage produziert werden. „Wir besprechen die Ergebnisse mit der Hochschulleitung, im Arbeitskreis Gesundheitsmanagement und mit Studierendenvertretern“, so Astrid Bräker. Dann werde eine Prioritätenliste erstellt, welche Maßnahmen bereits vorhanden sind und was man noch verändern kann.

Das Gesundheitsmonitoring wird künftig regelmäßig, alle zwei Jahre durchgeführt. Derzeit läuft eine zweite Erhebungsphase. Studierende der Universität Hildesheim können noch bis zum 14. März 2015 an der Studie online mitwirken und einen Fragebogen ausfüllen (Dauer: etwa 25 Min., ein individueller Link zur Befragung wurde per E-Mail verschickt). Wer regelmäßig teilnimmt, trägt dazu bei, dass Entwicklungen über die Zeit nachvollzogen werden können. Alle Daten werden anonymisiert erfasst und ausgewertet. Wer Fragen hat kann sich an die Forscherinnen wenden (E-Mail: healthy@uni-hildesheim.de).

Hildesheim hat eine ziemlich „rauchfreie Uni“, so Professorin Renate Soellner. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Über das Forschungsprojekt zu riskantem Substanzkonsum

Hinter dem Gesundheitsmonitoring steckt ein Forschungsprojekt. 19 Hochschulen haben sich beim Bundesministerium für Gesundheit beworben – nur drei bundesweit wurden ausgewählt – darunter die Universität Hildesheim, die für das Vorhaben „Prävention von riskanten Substanzkonsum bei Studierenden“ rund 100.000 Euro erhält. Kooperationspartner ist die delphi-Gesellschaft für Forschung, Beratung und Projektentwicklung sowie die Hochschule Magdeburg-Stendal.

Ein Internetportal bündelt Informations- und Beratungsangebote zu sucht- und studienbedingten Problemen. Die Forscherinnen um Prof. Renate Soellner erfassen, welche Wege effektiver sind, um Studierende zum Nachdenken über ihre Gesundheit zu bewegen und dieses Portal zu nutzen. Hildesheim erhebt Daten im Rahmen eines Gesundheitsmonitoring und verweist auf das Präventionsportal, in Magdeburg und Stendal werden vor Ort Werbemaßnahmen durchgeführt, um auf die Webseite aufmerksam zu machen. Erste Auswertungen zeigen, dass Studierende das Angebot der Webseite gut und wichtig finden und Informationen und Unterstützungsangebote zum Thema studienbezogene Belastungen gerne annehmen.


Wie es Studierenden geht, wie sie mit Stress umgehen, ob sie leistungssteigernde Mittel nehmen – das untersucht Astrid Bräker an der Universität Hildesheim. Das Bundesgesundheitsministerium unterstützt das Forschungsprojekt. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim, frannyanne/123rf.com (Apfel)