„Ein Drittel aller Patient*innen mit psychischen Erkrankungen erhält keine effektive Behandlung.“
Montag, 18. August 2025 – 14:26 Uhr
Prof. Dr. Jan Richter, Professor für Experimentelle Psychopathologie an der Universität Hildesheim, forscht zu Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen. Was das bedeutet und warum sich in der Diagnostik der Patient*innen etwas ändern sollte, erzählt er im Gespräch.
Wie werden psychische Erkrankungen diagnostiziert?
„Dazu muss zunächst gesagt werden, dass schon Wissen über psychische Erkrankungen durch die Forschung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte umfassend vorhanden ist. Damit einhergehend gibt es viele gute Behandlungsmöglichkeiten, die im Gesundheitssystem verankert sind. Zur Diagnostik wird zumeist ein Klassifikationssystem genutzt, eine Art Kriterienkatalog, in dem psychische Erkrankungen und entsprechende Symptome beschrieben sind. Über diese Merkmale lässt sich dann festlegen, welche Erkrankung vorliegt. Im deutschen Gesundheitssystem gilt das internationale Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation.“
Was ist die Problematik dabei?
„Dass das Klassifikationssystem vor allem Symptome in den Blick nimmt, die durch Betroffene selbst berichtet werden. Es lässt sich aber eher selten allein auf Basis der Symptome mit Sicherheit auf die dahinterliegende Erkrankung schließen. Das hängt damit zusammen, dass verschiedene Krankheiten gleiche Symptome hervorrufen können. Je nach Ursache wäre aber eine andere Behandlung erforderlich. Sie können sich das am Beispiel Knieschmerzen vorstellen. Die Schmerzen sind ähnlich, unabhängig davon ob es sich um eine Meniskusverletzung oder eine Entzündung handelt. Die Behandlungsmethoden sollten jedoch unterschiedlich sein, um die gewünschte Linderung der Beschwerden zu erzielen. So kommt es, dass bei der Behandlung psychischer Erkrankungen rund ein Drittel der Patient*innen keinen Effekt spürt und bei einem weiteren Drittel lediglich ein eingeschränkter oder kein langfristiger Effekt vorhanden ist. Hinzu kommt die sogenannte Komorbidität, das gleichzeitige Auftreten mehrerer psychischer Erkrankungen bei einer Person. Dies bilden das Klassifizierungssystem und die gängigen Behandlungsstrategien ebenfalls nicht ausreichend ab.“
Wie könnte ein alternativer Ansatz aussehen?
„Die Experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie nimmt kausale Zusammenhänge in den Blick. Was ist eigentlich eine psychische Erkrankung im Kern und wie entsteht sie genau? Haben Patient*innen beispielsweise eine genetische Disposition? Im Fokus steht nicht das Symptom, sondern die Ursache. Damit geht ein anderes Verständnis von Symptomen einher, nämlich dass diese die Konsequenz von zwar dysfunktional geprägten, aber grundlegenden psychischen Prozessen sind. Ein Beispiel: Wenn eine Person Angst vor Spinnen hat, wird sie in Gegenwart einer Spinne möglicherweise anfangen zu zittern. Es ist nun aber nicht hilfreich, der Person ein Mittel gegen Zittern zu verabreichen. Die körperliche Reaktion ist eine natürliche Folge aus der Angst – und damit vollkommen nachvollziehbar. Was behandelt werden muss wäre vielmehr die irrationale Angst, die dann die belastende Reaktion auslöst, häufig gefolgt von stark einschränkender Vermeidung. Um hier anzusetzen und uns vom Klassifikationssystem zu lösen, müssen wir die Hintergründe und Ursachen dieser Prozesse verstehen. Dazu nutzen wir experimentelle Untersuchungen im Labor und messen unterschiedliche Ebenen des Erlebens, neben den subjektiv wahrgenommenen Symptomen auch objektive biologische Veränderungen, im Gehirn oder dem Körper. Wir versuchen also eher zu verstehen, welcher psychologische Prozess den Symptomen zugrunde liegt.“
Was sind die nächsten Schritte?
„Die Perspektive ist nicht gänzlich neu, es wird seit den 1960er-Jahren in Teilbereichen der psychologischen Forschung in diese Richtung gedacht. Um dem Thema aber mehr Raum zu geben, haben wir ein Forschungsnetzwerk gegründet. Mit dabei sind zwanzig von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Mitglieder, vor allem Wissenschaftler*innen in einer frühen Karrierephase. Weil es ein hohes Interesse gab, dürfen wir uns außerdem über viele weitere assoziierte Mitglieder (ohne Förderung) freuen, zumeist bereits sehr erfahrene Wissenschaftler*innen mit einer eigenen Arbeitsgruppe. Mit dem Forschungsnetzwerk besteht zum ersten Mal eine Plattform für die gesamtdeutsche Expertise zum Thema. Die Mitglieder werden sich zweimal pro Jahr zu einem Austausch treffen, um gemeinsame Erkenntnisse zu teilen und Synergien zu nutzen. Damit soll die Expertise gebündelt und nach außen zur Verfügung gestellt werden, auch über die wissenschaftliche Community hinaus. Es sollen Workshops und Vortragsreihen angeboten werden, sodass das Thema langfristig und kontinuierlich etabliert wird. Es werden verschiedene internationale Übersichtsarbeiten entstehen, in denen wir aber auch kritische Fragen und Forschungsbarrieren sowie mögliche Lösungsansätze diskutieren. Eine weitere Idee ist ein Buch, das die aktuelle Forschung einmal sammelt und von A-Z zur Verfügung stellt – eine Art Grundlagenwerk. Neben der Aufmerksamkeit für das Thema erhoffen wir uns gemeinsame Erkenntnisse, die bei der Diagnostik der Patient*innen helfen und die Chance auf effektive Behandlungen erhöhen. “