Die Rolle der Künste in politischen Umbrüchen

Montag, 28. November 2016 um 15:40 Uhr

Ein Team um Kulturpolitikprofessor Wolfgang Schneider spricht gemeinsam mit Kollegen aus Marokko und Tunesien über die Rolle von Künstlerinnen und Künstlern in gesellschaftlichen Umbrüchen. Sie spüren Aufbruchstimmung – machen sich aber auch Sorgen: „Wir erfahren von den Kolleginnen und Kollegen, wie die Freiheit der Kunst, der Wissenschaft und der Meinung gefährdet ist, wo die Kontrolle über das World Wide Web sehr ausgeprägt ist", sagt Schneider im Interview.

Eine Woche lang tagen mehr als 50 Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Kulturakteure aus Marokko, Tunesien und Deutschland in Tunis. Sie beschäftigen sich mit der Rolle von Kunst und Kultur in gesellschaftlichen Umbrüchen. Die insgesamt zwei Dutzend Studierenden kommen mit Künstlerinnen und Künstler zusammen.

„Ein Staat muss mittels Kulturpolitik Kunst ermöglichen. Die kulturelle Freiheit zu gestalten, ist aber Aufgabe aller“, sagt Professor Mohamed Zinelabidine, tunesischer Kulturminister. Zinelabidine sprach zum Auftakt des Forschungsateliers des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim im Institut Supérieur de Musique de Tunis (Tunesien). An dem vom Hildesheimer UNESCO-Lehrstuhl mitorganisierten englischsprachigen Forschungsatelier nehmen auch Promovierende und Studierende aus Hildesheim teil. Die einwöchige Tagung im November 2016 in Tunesien steht unter dem Titel: „The role of arts in transitional Tunisia – Rethinking cultural policy & international cultural relations“.

Nachgefragt bei Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim

Was machen Sie derzeit in Tunis?

Wir erörtern die Rolle von Kunst und Kultur nach der arabischen Revolution – gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen der Universitäten in Tunis und Casablanca sowie Künstlerinnen und Künstlern vor Ort fragen wir, unter welchen Bedingungen Künstler leben und arbeiten und wer Zugang zu den Künsten hat. Unser trinationales Forschungsatelier ist Teil eines Programms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes mit dem Titel „Transformationspartnerschaften“.

Literatur, Theater, Medien, Film, Musik – die Künste sind mehr als bloße Unterhaltung und kurzweilige Freude?

Kunst und Kultur verstehen wir als Faktor von Demokratie. Wir forschen ja darüber, inwieweit die Künste dazu beitragen, die Gesellschaft lebenswerter zu machen. Wer hat Zugang zu den Künsten? Kunst war vor der Revolution in 2011 den Eliten vorenthalten, Kultur hat sich in Immobilien manifestiert – das Museum, das Kino, das Theaterhaus. Heute denken wir über Teilhabe nach. In Tunesien ist derzeit immer noch eine Aufbruchsstimmung festzustellen; wenn auch mit viel Kritik und tiefer Enttäuschung dem neuen System gegenüber.

Wo sind Orte für die Künste?

Kunst und Kultur ist nicht nur eine Angelegenheit von Hauptstädten, sondern findet auch auf dem Lande statt – das wird in der Masterarbeit von Meike Lettau deutlich. In Tunesien sind Künstler herausgegangen aus der Stadt, haben mit der ländlichen Bevölkerung Traditionen aufgegriffen, es geht um das Zusammenleben in Gemeinschaft, um das gemeinsame Feiern und Musizieren. Drei Dörfer haben etwa gemeinsam eine Kunstausstellung auf die Beine gestellt, und Begegnungen zwischen Stadt und Land gefördert, unterstützt vom Goethe-Institut.

Wir beobachten, dass heute viele Künstler rausgehen aus den klassischen Kulturzentren – sie nehmen wahr, was in der Peripherie der Städte und im ländlichen Raum passiert. Wem gehört dieses Kulturerbe und wer nutzt es? In Tunesien war das bisher Sache der Tourismusindustrie und Künstler konnten sich mit Postkarten etwas Brot dazu verdienen.

Wir fragen uns: Was kann denn ein Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland machen, wenn ein Land in politischen Umbrüchen ist? Unter welchen Bedingungen Kooperation gelingen kann, das zeigt die Dissertation von Annika Hampel. Kooperation gelingt, wenn sie auf Augenhöhe entsteht, es geht darum, sich zu verständigen und eine gemeinsame Sprache zu finden.

Welche Rolle spielen die Künste im Alltag von Kindern und Jugendlichen?

Für Kinder und Jugendliche, das erfahren wir etwa über unseren tunesischen Partner vom Observatoire Culturel Tunisien, gibt es zunehmend Angebote in Kultureller Bildung, in Galerien und Kulturzentren, eher noch nicht in den Curricula der Schulen. Junge Akteure gibt es viele – aber sie sind in der offiziellen Kulturlandschaft meist außen vor. Graffiti, Hip-Hop – sie schaffen sich selbst Raum für die Künste, auf der Straße, im privaten Raum. Wo ist der künstlerische Nachwuchs? Wo werden diese Menschen ausgebildet? Es gibt noch keinen Lehrstuhl für Kulturpolitik in Tunesien, wir kooperieren hier mit einer starken Musik-Fakultät und mit der Zivilgesellschaft, die zum Beispiel Kulturvermittlung zu ihrer eigenen machen.

Parallel zu Ihrem mehrtägigen Forschungsatelier in Tunis läuft ein großes Theaterfestival. Zur Rolle der Künstlerinnen und Künstler in gesellschaftlichen Umbrüchen – was brauchen die Festivalmacher, wie sind die Arbeitsbedingungen für Musikerinnen, für Schriftsteller, für Filmemacher?

Künstlerinnen und Künstler waren bedeutsame politische Akteure des arabischen Frühlings in Tunesien. Wir arbeiten mit der „Arab Cultural Policy Group“ zusammen, die sich schon vor der Revolution formiert hat. Die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen haben in den meisten Ländern Nordafrikas dazu geführt, dass auch über kulturpolitische Rahmenbedingungen und die Freiheit der Künste neu nachgedacht wird.

Aber das vor allem konzeptionelle Engagement, das wir begleiten durften in den arabischen Ländern, ist schwer erschüttert worden. In Ägypten werden mittlerweile Künstler verfolgt. Die Situation in der Türkei macht uns große Sorge.

Wir erfahren von den Kolleginnen und Kollegen, wie die Freiheit der Kunst, der Wissenschaft und der Meinung gefährdet ist, wo die Kontrolle über das World Wide Web und digitale Kanäle sehr ausgeprägt ist. Künstlerinnen und Künstler sind im Fokus der Geheimdienste – sie werden als Gefahr eingestuft in Ländern, die gerade versucht haben, sich von dieser Last der Zensur und Kontrolle zu befreien.

Ist der Raum für Austausch und Debatte gerade in diesen Zeiten wichtig?

Wir möchten mit den Forschungsateliers renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Studierenden und Kulturschaffenden und kulturpolitisch Verantwortlichen zusammenbringen. Die Treffen finden nicht in Hildesheim statt, wir möchten die Kulturakteure vor Ort begleiten. In Südafrika etwa war das im Frühjahr diesen Jahres ein Forschungsatelier zum Theater in Transformationsprozessen, ein Impuls, um Plattformen für Diskurs, Kritik und Dialog  ins Leben zu rufen.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Kurz erklärt: Kulturpolitische Forschung in Hildesheim

In Hildesheim ist ein Zentrum für kulturpolitische Forschung in Deutschland entstanden: Hier lehrt und forscht der erste und bisher einzige Universitätsprofessor für Kulturpolitik. Die UNESCO hat 2012 die Arbeit von Professor Wolfgang Schneider mit einem UNESCO-Lehrstuhl „Cultural Policy for the Arts in Development“ (Kulturpolitik für die Künste innerhalb gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse) ausgezeichnet. Die Wissenschaftler untersuchen mit Partnern aus dem Mittelmeerraum, afrikanischen und arabischen Ländern die Rolle von Künstlern in politischen Umbrüchen. In internationalen Forschungsateliers, etwa in Tunis, in Pretoria oder im Marseille kommen sie zum Austausch zusammen.

Die Hildesheimer Forscher arbeiten mit Kulturschaffenden, Künstlernetzwerken (etwa dem „ARTerial Network“) und Hochschulen in Tansania), Marokko und Ghana sowie Akteuren im arabischen Raum und im Mittelmeerraum zusammen. Zum Beispiel mit der „Arab Cultural Policy Group“, die sich 2009 formiert hat. Künstler aus mehreren Ländern Nordafrikas machen sich Gedanken, wie Gesellschaft aussehen kann und unter welchen Rahmenbedingungen Künstler arbeiten. Sie kommen unter anderem aus Algerien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Palästina, Marokko, Syrien und Tunesien. Die Kulturschaffenden arbeiten an Konzepten, wie Infrastruktur für die Künste aufgebaut, wie Künstler unterstützt und wie die Teilhabe an Künsten gemanagt werden kann. Kulturpolitikforscher der Universität Hildesheim begleiten sie dabei. Als einziger europäischer Partner ist das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim derzeit am Aufbau eines Masterstudiengangs „Kulturpolitik und Kulturmanagement in der arabischen Welt" in an der Universität Hassan II in Casablanca beteiligt.

In einem deutsch-französischen Promotionskolleg „Kulturvermittlung/Médiation Culturelle de l’Art“ forschen derzeit 12 Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler in Hildesheim und recherchieren mit einer Mobilitätsbeihilfe bis zu 18 Monate im Ausland, etwa in Mali, Palästina und Tunesien.

Wer sich für die Arbeit der Kulturpolitikforscher interessiert, kann Kontakt aufnehmen zu Dr. Daniel Gad, Geschäftsführer des UNESCO-Lehrstuhls  (E-Mail gad@uni-hildesheim.de), und Meike Lettau, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Kulturpolitik (E-Mail lettau@uni-hildesheim.de).

Medienkontakt: Pressestelle der Universität Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


Kulturakteure, Studierende und Promovierende aus Tunis, Casablanca und Hildesheim während des Forschungsateliers im November 2016 in Tunis. Treffen im Theater: Anlässlich der Feier zum Abschluss des Festivals „Les Journées théâtrales de Carthage" in Tunis kam es auch zum Austausch über die Rolle der Dramatischen Künste in der arabischen Revolution. Mit dabei der tunesische Kulturminister Mohamed Zine el Abidine, Wolfgang Schneider von der Universität Hildesheim und der Künstlerische Direktor Lassaad Jamoussi (von rechts nach links). Fotos: Michèle Brand/Meike Lettau/Marie Urban/UNESCO-Chair Hildesheim