Die Kultmaus ist zurück – darum ist Nostalgie gerade so erfolgreich

Montag, 3. August 2026 - 14:30 Uhr

Seit Ende Juli gibt es sie wieder im Handel: Diddl, die Cartoon-Springmaus des Zeichners Thomas Goletz mit den charakteristischen übergroßen Ohren und Füßen. Duftende Papierblöcke, Freundebücher, Mäppchen, Rucksäcke im Diddl-Design und Plüschmäuse in knalligen Hosenanzügen feiern ihr Comeback. Warum Teile der Popkultur aus den 1990ern und frühen 2000ern erneut so erfolgreich sind, erklärt Prof. Dr. Stefan Krankenhagen, Professor für Populäre Kunst an der Universität Hildesheim.

Pünktlich zum Diddl-Comeback sichert sich eine Modemarke Lizenzrechte für die Diddl Fashion Line, ein WhatsApp-Channel wird eingerichtet und der Comeback-Song „Diddl is Back“ landet in verschiedenen Sprachen und Versionen auf Spotify. Wer heute zwischen 20 und 40 Jahren alt ist, kann sich vermutlich noch an den Hype der Kultmaus Ende der 1990er und frühen 2000er erinnern. Auf Schulhöfen wurde fleißig getauscht – je seltener die Blätter in der eigenen Mappe, desto höher schien ihr Wert und nicht selten auch der eigene soziale Status. Manch eine*r mag sich noch an den ganz spezifischen Duft der Blöcke erinnern. 

An der Forschungsstelle Konsumkultur der Universität Hildesheim untersuchen Wissenschaftler*innen die kulturellen Aspekte des Konsums, seine Geschichte, Theorie und Ästhetik. Die zurzeit beliebte 90er und Y2K (2000er) Ästhetik interpretieren die Wissenschaftler*innen als Ausdruck eines kulturellen Krisenphänomens. In Zeiten gesellschaftlicher Verwerfungen diene die Erinnerung an das vordigitale Jahrzehnt als Projektionsfläche. Die Flucht aus der Gegenwart in eine alte Ästhetik soll Kontrolle und Überschaubarkeit zurückbringen. Dazu lässt sich auch der Trend zu alten Digicams, analogen Kameras und sogenannten Dumbphones zählen - Handys, die sich auf Funktionen wie Telefonieren, Fotografieren und Musikhören beschränken.

Gleichzeitig beobachten Konsumforscher*innen einen strukturellen Wandel von gemeinschaftsstiftenden zu fragmentierenden Medienpraktiken. „Während Konsum in den 90er-Jahren im analogen, öffentlichen Raum soziale Bindung erzeugte, vollzieht er sich heute zunehmend isoliert und algorithmisch vermittelt“, erklärt Dr. Vera Klocke, Leiterin der Forschungsstelle. Die Sehnsucht nach einer vermeintlich kohärenten Konsumwelt sei damit auch eine Reaktion darauf, dass Konsum derzeit losgelöst von sozialen Kontexten geschieht. Da scheint es nicht verwunderlich, dass die Schulhofromantik des Diddl-Tausches die mittlerweile erwachsenen, berufstätigen Fans in Nostalgie versetzt. 

„Hier zeigt sich auch die Funktionsweise des Populären“, erklärt Prof. Dr. Stefan Krankenhagen. Populäre Kultur greift Bekanntes auf und variiert es. Neues entsteht durch die teilweise erwartbare, teilweise überraschende Interpretation bereits etablierter Motive. Diddl, das viele Millennials und Angehörige der Gen Z aus Kindheit und Jugend kennen, begegnet ihnen nun als jungen Erwachsenen wieder, manchen inzwischen selbst als Eltern. „Nostalgie ist vielleicht genau das“, erklärt Krankenhagen, „man erlebt Vergangenes ganz gegenwärtig“.

Dieses Phänomen lasse sich an verschiedenen Phänomenen nachvollziehen, behauptet Krankenhagen. Ein aktuelles Beispiel sei der Film „Deliver Me From Nowhere“, über den er momentan mit Kolleg*innen aus drei Fachbereichen eine gemeinsame Veröffentlichung plant. Die Figur Bruce Springsteen wird von Jeremy Allen White, der Hauptfigur aus der Netflix-Erfolgsserie „The Bear“ für ein Publikum aufbereitet, das entweder den Sänger aus den 1970ern oder den Schauspieler aus den 2020er Jahren kennt. Gerade im Vergleich zwischen ‚damals‘ und ‚heute‘, zwischen ‚Original‘ und ‚Kopie‘, nutzt der Film vorhandenes popkulturelles Wissen, bildet Reflexionsfähigkeit und schafft so Vergnügen.

Das Comeback von alten Trends und Hypes lässt sich als gezielt orchestriertes Phänomen beschreiben. „Die Strategien sind eben altbekannt und erprobt, sodass sie bei extrem vielen Marken und Phänomenen versucht werden“, erklärt Krankenhagen. Als Konsument*innen sähen wir aber immer nur die Beispiele, bei denen die Strategie bis zum Endverbraucher aufgegangen sei: „Die meisten, eben gescheiterten Hypes, sehen wir ja gar nicht“.

Für die Diddl-Fans von früher mag das Comeback warme Gefühle auslösen. Während sie als Kinder auf dem Schulhof getauscht haben, können sie sich die nostalgischen Gegenstände nun selbst, oder sogar ihren Kindern, kaufen. Und diejenigen, die selbst nie getauscht haben sehnen sich vielleicht auch nach der Idee, die das Comeback in die Gegenwart transportiert. 

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