Denken, Fühlen, Handeln: Wie wir funktionieren

Samstag, 07. März 2015 um 12:05 Uhr

Wie funktioniert der Mensch und sein Denken, Fühlen und Handeln im Normalfall? Die Allgemeinpsychologie betrachtet gewissermaßen den „Standard-Durchschnittsmenschen“. Emotionen geben uns zum Beispiel eine gute Anleitung dafür, was in einer Situation zu tun ist. Wenn jemand traurig ist, erwartet die Person häufig Zuwendung. Dagegen ist Wut ein Signal für den Beobachter, wie er sich gleich am besten verhalten sollte. Wegrennen? Was Allgemeinpsychologen über den Menschen herausfinden möchten – nachgefragt bei Prof. Dr. Christina Bermeitinger von der Universität Hildesheim.

In diesen Tagen kommen auf der „TeaP" etwa 600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 15 Ländern an der Universität Hildesheim zusammen. Sie organisieren mit Ihren Professorenkollegen Andreas Mojzisch und Werner Greve die 57. „Tagung experimentell arbeitender Psychologen". Was ist diesmal anders als bisher?

Christina Bermeitinger: Wir haben erstmals drei „No-data-Sessions“, mein Kollege Andreas Mojzisch regte dieses Format an. Nachwuchswissenschaftler, die noch keine Experimente durchgeführt oder Daten erhoben haben, können hier ihre Ideen vorstellen. Das Format richtet sich vor allem an Doktorandinnen und Doktoranden, die gerne eine Forschungsidee, eine Hypothese oder auch ein konkretes experimentelles Design vorstellen und diskutieren möchten.

Auf der Tagung befassen sich die Teilnehmer größtenteils mit allgemeinpsychologischen oder sozialpsychologischen Fragen. Was möchten denn Allgemeinpsychologen über den Menschen herausfinden?

Mit „allgemeinpsychologisch" ist gemeint: Wie funktioniert der Mensch und sein Denken, Fühlen und Handeln im Normalfall? Es geht um Grundlagenforschung und Prozesse, die grundsätzlich bei allen Menschen in vergleichbarer Weise ablaufen. Wir betrachten gewissermaßen den „Standard-Durchschnittsmenschen“. Es geht um ganz basale Prozesse und Mechanismen, die etwa bei Aufmerksamkeit oder Gedächtnis beteiligt sind. Welche Mechanismen sind beispielsweise involviert, damit wir das eine Objekt bewusst wahrnehmen und anderes dabei ausklammern? Grundsätzlich nimmt man hierfür zwei Mechanismen an, einen verstärkenden – zur Aktivierung der Reize, die gerade von Bedeutung sind – und einen hemmenden – zur Unterdrückung der Reize, die gerade weniger relevant sind. Allgemeinpsychologen betrachten auch numerische Kognition, also wie Menschen mit Zahlen umgehen. Es gibt zum Beispiel das Phänomen, dass wir mit der linken Hand schneller auf kleinere Zahlen reagieren, Zahl und Raum stehen in Beziehung. Wir repräsentieren in unserer Kultur entsprechend Zahlen von links nach rechts.

Die allgemeine Psychologie befasst sich auch mit der Frage, wie eine Emotion funktioniert und was beispielsweise Wut von Trauer von Freude unterscheidet. Was unterscheidet denn diese Emotionen voneinander?

Emotionen sind grundsätzlich als Verhaltensrezepte für bestimmte Situationen zu sehen. Sie geben uns eine gute Anleitung dafür, was in einer Situation zu tun ist. Sie haben auch eine große soziale Funktion und können das Miteinander sehr erleichtern, indem sie zum Beispiel Hilfestellung dafür sind, was eine Person von einer anderen Person erwartet. Wenn jemand beispielsweise traurig ist, erwartet er/sie häufig Zuwendung. Dagegen erwartet jemand, der wütend ist, etwas ganz anderes und seine Wut ist wiederum ein gutes Signal für mich als Beobachter, wie ich mich gleich am besten verhalten sollte (wegrennen?!?). Emotionen unterscheiden sich zunächst darin, ob wir sie positiv oder negativ finden, wie intensiv wir sie erleben und wie viel Erregung mit ihnen einhergeht. Darüber hinaus sind auch die typischen Gedanken, die man in der einen vs. anderen emotionalen Lage hat, natürlich sehr unterschiedlich. Auch die körperlichen Reaktionen (Puls, Schwitzen, Gänsehaut etc.) und die Reaktionen (Flucht vs. Angriff vs. vor Freude jemandem um den Hals fallen) sind je nach Emotion sehr verschieden.

Blicken Sie auch auf bestimmte Szenarien im Alltag, etwa wie Menschen in Ausnahmesituation irgendwie doch funktionieren? Zum Beispiel, wenn im Stadtverkehr ein Unfall passiert oder wenn unerwartet ein Stau entsteht ...

…ja, das ist der angewandte Blick. In Hildesheim werden Forscher beispielsweise auch Erkenntnisse aus der Verkehrspsychologie vorstellen. Zum Beispiel wie Autofahrer während frustrierender Verkehrssituationen reagieren, oder auch aus der Arbeitspsychologie, zum Beispiel geht es um Jobzufriedenheit. Die Grundlagenforschung bietet ungeheuer viele Anknüpfungspunkte für angewandte Fragen, auch aus dem klinischen Bereich: Was bedeutet Aufmerksamkeit bei depressiven Menschen? Bei negativen Reizen laufen hier manche Prozesse beispielsweise zeitlich anders ab als üblich. Depressive Menschen lenken ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf negative Reize und sie können sie auch schwerer davon wieder abziehen.

Dann kommen wir zurück zu den Grundlagen. Mit welcher Frage befassen Sie sich in der Forschung zurzeit? Auf der Konferenz sind Sie Koautorin eines Beitrags zum Thema „The moving influence of eyes“ („Der bewegende Einfluss der Augen“). Können Sie einen Einblick in Ihre Forschungserkenntnisse geben?

Wir befassen uns in einem Forschungsschwerpunkt mit der Bewegungsverarbeitung und untersuchen, inwiefern wahrgenommene Bewegungen einerseits die Aufmerksamkeit in die Richtung der Bewegung lenken und andererseits eigene Handlungen vorbereiten. Was passiert, wenn sich Reize bewegen? Wenn sich zum Beispiel ein Punkt bewegt oder eine Person die Augen bewegt oder sie von links nach rechts geht und ich das beobachte? Wenn sich Reize bewegen, dann zeigt sich nach unseren Daten, dass schnell, stark und robust eigene motorische Reaktionen vorbereitet werden. Bei künstlichen Bewegungen (wie etwa Punktebewegungen auf dem Bildschirm) wird zunächst die motorische Reaktion in dieselbe Richtung wie die Bewegungsrichtung angeregt. Kurze Zeit später jedoch wird die Reaktion in die andere Richtung (also hin zum Ursprung der Bewegung) ausgelöst. Dies ist anders, wenn wir einen Menschen oder seine Augen beobachten, der/die sich in die eine oder andere Richtung bewegt/en – hier finden wir diese Umkehrung nicht. Man könnte hieraus schlussfolgern, dass menschliche Bewegungen für uns so wichtig sind, dass wir unsere Reaktionen stets in die Richtung der wahrgenommenen Bewegung vorbereiten.

Dann habe ich ein Poster mit dem Titel „Rotation: Preferred own and perceived motion and their relation“ (Rotation: Bevorzugte eigene und wahrgenommene Bewegung und deren Zusammenhang) entdeckt. Was stellen Sie hier gemeinsam mit Sportwissenschaftlern, unter anderem Professor Thomas Heinen von der Hildesheimer Universität, vor?

Grundsätzlich hat jeder Mensch eine bevorzugte Drehrichtung (entweder im oder gegen den Uhrzeigersinn). Dies fällt im Alltag weniger auf, es ist besonders im Sportbereich evident, wenn bei bestimmten Sportarten Drehbewegungen gefordert sind – beispielsweise beim Turnen, beim Tanzen, aber auch beim Wasserball etc. Es ist bisher unklar, wie diese Präferenz zustande kommt und womit sie zusammenhängt. Wir haben uns nun gefragt, inwiefern diese eigene Drehpräferenz mit der Wahrnehmung von Drehungen zusammenhängt. Es handelt sich also um ein Projekt, bei dem es um die Beziehung von Wahrnehmung und eigener Handlungspräferenz geht.

Können Sie ein Beispiel aus der Allgemeinpsychologie nennen, womit man sich bisher vielleicht noch nicht stark befasst hat, was aber immer mehr ins Forschungsinteresse rückt?

Es gibt in jeder Disziplin Moden und Phasen sowie Themen, die immer wiederkehren und dann wieder eine Zeitlang weniger behandelt werden. Meiner Einschätzung nach wird es in nächster Zeit (wieder) verstärkt darum gehen, die Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsgebieten zusammenzubringen und die momentan teilweise recht getrennt behandelten „Bereiche“ (zum Beispiel Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Handlung, Wahrnehmung) wieder stärker integriert zu betrachten und zu verstehen.

Die Fragen stellt Isa Lange.

Auf der Konferenz kommen 600 Forscherinnen und Forscher zusammen. Foto: Chris Gossmann

Worum geht’s? Informationen zur Konferenz:

Die 57. Tagung experimentell arbeitender Psychologen (die „TeaP") findet vom 8. bis 11. März 2015 an der Universität Hildesheim statt. Auf der größten Tagung dieser Art im deutschsprachigen Raum stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Ergebnisse aus der Grundlagenforschung vor und diskutieren Forschungsmethoden. Die Forscher tauschen sich zum Beispiel über Methoden und Technik aus, etwa im Programmpunkt „Modeling and diffusion models“ oder auch in Workshops und Arbeitskreisen zu Eye-Tracking.

Die Abteilungen Allgemeine Psychologie (Prof. Christina Bermeitinger), Entwicklungspsychologie (Prof. Werner Greve) und Sozialpsychologie (Prof. Andreas Mojzisch) vom Institut für Psychologie der Universität Hildesheim organisieren die TeaP 2015. Marlene Gertz hat die Leitung des Tagungsbüros übernommen und Thomas Gerle ist für die informationstechnischen Belange rund um die Tagung verantwortlich. Für die Forscher ist die Konferenz – im Sinne des Bistumsjahres – ein „heiliges Experiment“, sagt Bermeitinger. Hildesheim war bisher nicht auf der Landkarte dieser Großkonferenz vertreten und richtet sie nun erstmals aus. In 2015 zählt die Konferenz drei Keynote-Sprecher, 25 Symposien, zwei Postersessions, 33 Talk sessions und etwa 375 mündliche Präsentationen. Etwa 600 Teilnehmer aus über 15 Ländern werden erwartet. Die Konferenzsprache ist Englisch. Die Konferenz richtet sich an Fachpublikum und ist nicht öffentlich.

Medienkontakt: Universität Hildesheim (Pressestelle, Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


Auf der TeaP stellen Psychologen Forschungsergebnisse aus der Grundlagenforschung vor. Die größte Konferenz dieser Art im deutschsprachigen Raum mit etwa 600 Teilnehmern findet erstmals an der Universität in Hildesheim statt. Erstmals wird auch der neue Hörsaal im Forum in Betrieb genommen. Fotos: Clemens Heidrich (Hörsaal, Blick in das neue Atrium)