Den Weg ins Studium erleichtern: Care Leaver an Hochschulen

Sonntag, 04. April 2021 um 07:58 Uhr

Care Leaver sind junge Menschen, die zum Beispiel in Pflegefamilien, Wohngruppen oder in der Heimerziehung aufgewachsen sind. Sie sind bislang unter den Studierenden in Deutschland seltener vertreten. Zudem haben diejenigen Care Leaver, die ein Studium aufgenommen haben, häufig eine schlechtere Ausgangsposition, da die Hochschulen und Universitäten private und familiale Unterstützungsstrukturen voraussetzen, die diese jungen Menschen häufig nicht haben. Ein Team der Sozial- und Organisationspädagogik forscht seit etwa zehn Jahren zu diesem Thema. In einem aktuellen Projekt wurde außerdem eine Online-Peerberatung aufgebaut.

Ziel ist ist, die Akteure unter anderem aus Hochschule, Jugendhilfe und Stiftungen besser zu vernetzen. „Nur so können wir die Gruppe der jungen Menschen mit  Jugendhilfelerfahrung besser in in den Fokus der Hochschulen und auch der Bildungspolitik rücken“, so Dorothee Kochskämper, Mitarbeiterin in den Projekt „CareHOPe – Care Leaver an die Hochschulen in Niedersachsen“, das seit 2018 bis 2021 läuft.

Während eines digitalen Workshops im Rahmen des Projekts kamen verschiedene Akteure aus dem Bereich „Care Leaver und Hochschulbildung“ zusammen. Teilgenommen haben unter anderem Care Leaver selbst, Mitarbeiter*innen der Studienberatung und Kinder- und Jugendhilfe sowie Wissenschaftler*innen unter anderem aus Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen.

Fehlender emotionaler Rückhalt: Übergang von der Schule ins Studium ist eine herausfordernde Situation

Die Kinder- und Jugendhilfe erwartet von Care Leavern häufig, dass sie mit etwa 18 Jahren auf eigenen Beinen stehen. „Während andere junge Erwachsene häufig erst später von Zuhause ausziehen, müssen Care Leaver oft mit Erreichen der Volljährigkeit die Jugendhilfeeinrichtung oder Pflegefamilie, in welcher sie gelebt haben, verlassen“, erläutert Dorothee Kochskämper weiter. Die Wissenschaftlerin arbeitet in dem Projekt CareHOPe. „Nicht alle haben bis dahin überhaupt ihren Schulabschluss erreicht.“

„Der Übergang aus der Schule in eine Ausbildung oder ein Studium sei daher herausfordernd, insbesondere auch, weil die Unterstützungsnetzwerke fehlen“, so Kochskämper. Die Entscheidung für ein Studium findet in einer anspruchsvollen Situation des Übergangs aus der Jugendhilfe statt. Eine Wohnung und einen Nebenjob zu finden, sich im Studium zu orientieren und einen BAföG-Antrag zu stellen sei ohne familiäre Unterstützungsstrukturen eine besondere Leistung. „Finanzielle Herausforderungen und fehlender emotionaler Rückhalt erschweren diesen Prozess“, sagt Dorothee Kochskämper.

Bildungschancen erhöhen: Studierende unterstützen Care Leaver in der Online-Peer-Beratung

Das Hildesheimer Forschungsteam entwickelt in dem Projekt „CareHOPe“ Strukturen, um junge Menschen aus der stationären Jugendhilfe auf die Möglichkeiten eines Studiums aufmerksam zu machen und sie zu motivieren und zu unterstützen.

„Hierbei ist die Online-Peerberatung von zentraler Bedeutung. Es geht darum, Berufswahlmöglichkeiten zu erweitern und Bildungschancen zu erhöhen“, sagt Dorothee Kochskämper. In der anonymen Peerberatung unterstützen Studierende, die selbst die biografische Erfahrung als Care Leaver mitbringen, bei Fragen rund um das Studium: Wo kann ich studieren? Wie finanziere ich mein Studium? Wer kann mich unterstützen?

Care Leaver haben häufig auch das Gefühl, „dass an der Hochschule niemand versteht, was es bedeutet, in der Jugendhilfe aufgewachsen zu sein“, so Kochskämper. „Wir wollen mehr Sichtbarkeit von Care Leavern an Hochschulen erreichen.“ Hierzu hat das Projektteam auch die Podcast-Reihe „Studieren nach der Jugendhilfe“ gestartet.

Internationale Studien und Projekte zeigen, dass es möglich ist, die Zahl der Care Leaver an Hochschulen deutlich zu erhöhen sowie ihre Studienbedingungen spürbar zu verbessern.

Im Projekt „CareHOPe – Care Leaver an die Hochschulen in Niedersachsen“ bietet das Hildesheimer Forschungsteam seit 2018 eine Online-Peer-Beratung an. Das Projekt wird vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms „Wege ins Studium öffnen – Chancengerechtigkeit bei der Studienaufnahme erhöhen“ gefördert. Das Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim kooperiert in dem Projekt mit Hochschulen in Hildesheim, Holzminden, Emden, Leer, Vechta, Oldenburg, Braunschweig und Darmstadt sowie mit dem Verein Careleaver.

Hier hören Sie einen Podcast zum Thema


Während eines digitalen Workshops kamen verschiedene Akteure aus dem Bereich „Care Leaver und Hochschulbildung“ zusammen, darunter Studierende, Mitarbeiter*innen der Studienberatung und Kinder- und Jugendhilfe sowie Wissenschaftler*innen aus mehreren Bundesländern. Foto: Projekt CareHOpe