„Das Leben mit geringer Lese- und Schreibkompetenz ist eine erhebliche Einschränkung“

Mittwoch, 15. Mai 2019 um 10:52 Uhr

Professorin Carola Iller über Konsequenzen aus der LEO-Studie, in der die Lese- und Schreibkompetenzen der Deutsch sprechenden erwachsenen Bevölkerung (18 bis 64 Jahre) untersucht wurden.

Carola Iller forscht und lehrt als Professorin für Weiterbildung am Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim. Foto: Daniel Kunzfeld

In der Studie „LEO – Leben mit geringer Literalität“ hat ein Team um Professorin Anke Grotlüschen die Lese- und Schreibkompetenzen der Deutsch sprechenden erwachsenen Bevölkerung (18 bis 64 Jahre) erfasst. Etwa  6,2 Millionen Deutsche haben große Schwierigkeiten, einen zusammenhängenden Text in deutscher Sprache zu lesen und zu schreiben.

Geringe  Literalität  bedeutet,  dass  eine  Person allenfalls bis zur Ebene einfacher Sätze lesen und schreiben kann

Die Erziehungswissenschaftlerin Professorin Carolo Iller von der Universität Hildesheim gehört zum wissenschaftlichen Beirat der LEO-Studie. Sie befasst sich in der Forschung mit der Frage, wie Erwachsene mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen besser unterstützt und beraten werden können.

„Inklusive Bildung hat den Anspruch, allen Menschen – mit und ohne Einschränkungen – die Teilhabe an Bildung zu ermöglichen und das Leben mit geringer Lese- und Schreibkompetenz ist eine erhebliche Einschränkung. Vor allem ist damit auch der Zugang zu qualifizierter Arbeit, die Teilhabe am politischen Leben und eine eigenständiger Lebensweise eingeschränkt. Selbst zum Ausfüllen von Formularen und Anträgen, zum Unterschreiben von Kaufverträgen und zur Auswahl des richtigen Handy-Tarifs wird Hilfe benötigt“, so Carola Iller.

Die Hildesheimer Professorin für Weiterbildung hat sich auf Erwachsenenbildung spezialisiert. „Ich beschäftige mich mit den didaktischen Konzepten und den Möglichkeiten einer zielgruppengerechten Ansprache der Erwachsenen – zum Beispiel durch Beratung oder die Einbindung von Familienangehörigen.“

Eine Möglichkeit, sprachliche Barrieren abzubauen, sei zum Beispiel die Leichte Sprache. Die LEO-Studie hat gezeigt, dass etwa 30 % der Erwachsenen mit geringer Lesekompetenz den Schriftverkehr im Haushalt an andere delegieren und seltener ihren Kindern vorlesen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Wichtig seien vor allem verständliche Informationen zu Gesundheit, Familienleistungen, aber auch zur Teilhabe an Politik und Arbeit, sagt Carola Iller. Eine geringe Lesekompetenz könne von den Erwachsenen an ihre Kinder „sozial vererbt“ werden, wenn nicht Maßnahmen ergriffen werden, sagt Iller. Denn das Vorlesen im Kindesalter hat wiederum Einfluss auf das Lesen und Schreiben sowie den Schulerfolg der Kinder.

Menschen mit geringer Literalität benötigen Unterstützung im Alltag – zum Beispiel beim Ausfüllen von Fomularen oder beim Lesen eines Busfahrplans

Die Professorin schlägt vor, geringe Literalität bei Erwachsenen zu enttabuisieren und in der Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass Menschen mit geringer Literalität Unterstützung benötigen – zum Beispiel beim Ausfüllen von Fomularen oder beim Lesen eines Busfahrplans. Geringe  Literalität  bedeutet,  dass  eine  Person allenfalls bis zur Ebene einfacher Sätze lesen und schreiben kann.

„Die Lernberatung zum Erwerb von Lese- und Schreibkompetenz sollte ausgebaut werden und stärker mit anderen Beratungsangeboten wie Gesundheitsberatung, Erziehungsberatung und Schuldnerberatung verknüpft werden. Es braucht außerdem eine bessere vertikale Vernetzung zwischen den Bildungsbereichen: Wir gehen davon aus, dass Kindergarten, Schule und Hochschule jeweils zu abgeschlossenen Kompetenzen führen, das ist aber im richtigen Leben nicht so. Und deshalb brauchen wir immer wieder Gelegenheiten, das Gelernte aufzufrischen oder etwas nachzuholen, was vorher vielleicht nicht vermittelt wurde oder nicht gelernt werden konnte“, sagt Carola Iller.

Interviews mit Erwachsenen mit geringen Lese- und  Schreibkompetenzen 

Die Professorin hat Erwachsene mit geringen Lese- und  Schreibkompetenzen interviewt, die zum Beispiel während der Grundschulzeit aufgrund einer Erkrankung nicht regelmäßig am Unterricht teilgenommen haben und dann nie richtig Lesen und Schreiben gelernt haben. „Sie haben sich ihr weiteres Schulleben durchgehangelt und versucht, nicht aufzufallen und danach Gelegenheiten gemieden, in denen ihre geringe Lese- und Schreibkompetenz hätte auffallen können. Wenn es dann im Erwachsenenalter durch eine persönliche Krise oder ein anderen einschneidendes Erlebnis doch noch zu dem Wunsch kommt, von Grund auf Lesen und Schreiben zu lernen, ist das ein großer Aufwand.“

Die Wissenschaftlerin verweist auf ein Vorzeigeprojekt in Israel Dort können Erwachsene am Unterricht in Schulen teilnehmen. „Das hat bei allen Beteiligten – Kindern, Lehrerinnen und Lehrern sowie lernende Erwachsene – eine sehr positive Resonanz erhalten. Solche Projekte brauchen wir hier auch.“

Erstellt von Pressestelle, Isa Lange