Corona-Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche: Wissenschaftler fordern ad-hoc-Kommission mit jungen Menschen

Dienstag, 29. September 2020 um 13:07 Uhr

Der Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ hatte im Mai 2020 die beiden bundesweiten Studien JuCo („Wie erleben Jugendliche die Corona-Krise?“) und KiCo („Wie ist der Familienalltag in Zeiten der Coronavirus-Pandemie?“) veröffentlicht. Basierend auf den Ergebnissen dieser Studien publiziert der Forschungsverbund nun seine politischen Handlungsempfehlungen und seine Forderung nach einem Nachteilsausgleich für Kinder, Jugendliche und Familien.

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Der Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ besteht aus Forscher_innen der Universität Hildesheim und der Universität Frankfurt in Kooperation mit der Universität Bielefeld. Ergebnisse der JuCo- und KiCo-Studie sind veröffentlicht unter t1p.de/studien-corona.

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene erlebten und erleben erhebliche Einschränkungen durch die Pandemie und darauf bezogene Maßnahmen. Sie waren in ihren Rechten auf Schutz, Beteiligung und Förderung zeitweise eingeschränkt worden und fühlten sich in der Öffentlichkeit und bei Entscheidungsträger_innen nicht wahrgenommen, beziehungsweise auf die Rolle als „Homeschooler_innen“ oder „Regelbrecher_innen“ reduziert. Ihre Ängste,
Unsicherheiten und Zukunftssorgen, Ihre Einschränkungen im sozialen Bereich und die massiven Änderungen im Bildungsbereich, denen sie mit großer Flexibilität begegnen mussten, fanden in ihren Augen wenig Beachtung.

„Ein Jahr im Alltag von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat starkes Gewicht“

„Im Vergleich zu älteren Erwachsenen hat ein Jahr im Alltag von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen stärkeres Gewicht in Hinblick auf die soziale, qualifikatorische, körperliche und persönliche Entwicklung“, sagt Anna Lips, Forscherin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. „Deshalb sind junge Menschen von den Maßnahmen zum Pandemieschutz und deren Folgen besonders betroffen.“

Um die Nachteile abzufedern, die die Pandemie und ihre Schutzmaßnahmen der jungen Generation beschert haben und weiterhin bescheren, und um den unterschiedlichen Problemen der sehr heterogenen Situationen in den Familien zu begegnen, empfehlen die Forscher_innen die Einrichtung einer ad-hoc-Sachverständigen-Kommission
unter Beteiligung von jungen Menschen, eingesetzt von der Bundesregierung.

Diese soll noch in diesem Jahr einen Maßnahmenkatalog für den Nachteilsausgleich in Bezug auf Kindheit, Jugend und das junge Erwachsenenalter erarbeiten und im Zuge einer Bedarfserhebung einen Bericht zu den Folgen der Pandemie für junge Menschen erstellen. Die Kommission sollte durch das Bundesjugendkuratorium beraten und von einer Forschungseinrichtung unterstützt werden.

Wohlwissend, dass die Lebenskonstellationen, Ressourcen und familiären Situationen hochgradig unterschiedlich sind, definieren die Forscher_innen folgende Kernbereiche, in denen sie kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen für notwendig halten, um die Situation für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu verbessern:

-    Umsetzung der Schutz-, Beteiligungs- und Förderrechte von jungen Menschen auch in Zeiten einer Pandemie (Prüfung, wie krisenfest die aktuellen Formate sind)

-    Weiterentwicklung der Digitalisierung und der Infrastrukturen, um die Teilhabe von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zu verbessern

-    Verbesserung der Absicherung von jungen Menschen in prekären Lebenslagen (Sicherstellen, dass beispielsweise junge Wohnungslose, junge Menschen in Einrichtungen stationärer Erziehungshilfen, Ein-Eltern-Familien und junge Geflüchtete durch die Pandemie nicht weiter sozial benachteiligt werden)

-    Beratung und soziale sowie materielle Unterstützung junger Menschen (beispielsweise technische Geräte, finanzielle Unterstützung)

-    Nachhaltige Bildungsplanung und -förderung (Unterstützung beim Nachholen von Qualifikationen, Auslandserfahrungen, Praktika oder dem Übergang ins Arbeitsleben)

-    Sicherstellung von Information und Beratung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und Abbau bürokratischer Hürden

-    Sicherstellung des professionellen sozialen Kontakts zu Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor Ort

-    Sicherstellung, dass Hygiene- und Quarantäne-Maßnahmen mit Kinderschutz korrespondieren

 

Link zum Papier der Forscher_innen

Das komplette Papier ist zu finden unter https://doi.org/10.18442/151


„Insgesamt ist davon auszugehen, dass die nachhaltige Bearbeitung der Folgen der Pandemie in Kindheit, Jugend und dem jungen Erwachsenenalter erst noch beginnen muss und dafür eine Struktur geschaffen werden muss, die auch über die Krise hinaus die Folgen sozial ausgleicht“, sagt Tanja Rusack vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim.

Der Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“

Der Forschungsverbund setzt sich zusammen aus dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim und dem Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Frankfurt in Kooperation mit der Universität Bielefeld. Zum Forscher_innen-Team gehören aktuell Sabine Andresen, Anna Lips, Renate Möller, Tanja Rusack, Wolfgang Schröer, Severine Thomas, Johanna Wilmes.

Kontakt zum Forscher_innen-Team der Universität Hildesheim

Dr. Tanja Rusack, E-Mail: tanja.rusack@uni-hildesheim.de
Dr. Severine Thomas, E-Mail: severine.thomas@uni-hildesheim.de 


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