Bunte Elefanten-Nashörner, explodierende Farbtupfer, Bleistift-Gesichter: Im Bilddidaktischen Forschungsstudio entdecken Grundschulkinder ihre ästhetische Praxis
Montag, 16. Februar 2026 – 08:03 Uhr
Konzentrierte Stille herrscht im oberen Stockwerk der sogenannten Steinscheune am Kulturcampus – ganz anders, als man es sonst von Kindern im Alter zwischen fünf und elf Jahren gewohnt ist. Aber im Bilddidaktischen Forschungsstudio (kurz Bilderstudio) geht es nicht ums Rennen, Rufen und Raufen: Hier wird Kunst gemacht – und die Kinder sind mit Feuereifer dabei.
„Wir begegnen der Welt immer stärker über Bilder – analog wie digital,“ erklärt Prof. Dr. Bettina Uhlig, Professorin für Kunstpädagogik und Didaktik der Bildenden Kunst und Leiterin des Bilderstudios. „Damit wächst nicht nur die Bilderflut in den Lebenswelten (besonders bei Kindern), sondern auch die Aufgabe, Bilder verstehen, einordnen und selbst gestalten zu lernen.“ Seit 2010 kommt hier das Bilderstudio ins Spiel: Im Rahmen von wöchentlichen Treffen können die Kinder künstlerisch arbeiten – mit kleinen Anleitungen und Impulsen, vor allem aber anhand ihrer eigenen Vorstellungen und Ideen.
Die Gruppe startet im Kreis mit einer gemeinsamen Zeichenübung. Auf einem weißen Blatt Papier sind lediglich ein paar Bleistiftstriche und -ecken. Was könnte daraus entstehen und wie? Zunächst zeichnen die Kinder die von Uhlig vorgeschlagenen Striche nach, doch schon bald kommen eigene Ideen dazu: „Sieht aus wie ein Elefant“, „Da muss Farbe dazu“, heißt es aus der Gruppe. Elefanten-Nashorn-Mischwesen entstehen, mal dicker, mal dünner, mal pastellfarben, mal knallig-bunt. Anschließend werden die Tiere ausgeschnitten und gemeinsam angeschaut. Dabei entstehen Geschichten, die über das reine Zeichnen und Malen hinausgehen. Wie könnte das Tier heißen und wo wohnt es? Was sind seine Träume und isst es wohl gerne Schokoladeneis? „Wir wollen die Imagination der Kinder anregen,“ betont Uhlig. Dazu wechseln die Kinder nach dem gemeinsamen Beginn an ihren Platz am großen Zeichentisch und arbeiten mit einem Material und einer Idee ihrer Wahl weiter. „Vielleicht kann ich einfach ein großes Blatt nehmen und mit der Farbe und mit Wasser ganz viele Explosionen machen,“ „Was passiert, wenn ich mit einem Bleistift auf die Farbe male?“, die Gruppe steckt voller Vorschläge. Die Kinder tauschen sich untereinander aus oder arbeiten für sich – leise und mit Zeit. „Viele Kinder haben heutzutage gar nicht das Bedürfnis nach noch mehr Action, sondern eher nach Ruhe und Raum, sich wirklich einer Sache zu widmen,“ erläutert Uhlig. „Im Bilderstudio können sie sich in ihre Bildpraxis vertiefen und schauen, was sie wirklich interessiert.“
Und das kommt an: Viele Kinder sind ab der ersten Grundschulklasse bis zum Wechsel in die weiterführende Schule jede Woche in der Vorlesungszeit im Bilderstudio dabei. Uhlig und ihr Team sind Lehrer*innen und Betreuer*innen, aber auch Forschende: „Wir beobachten die Art und Weise, wie die Kinder über Kunst sprechen und in die Entwicklung ihrer eigenen Bilder einsteigen,“ sagt Uhlig. „Das liefert uns Erkenntnisse über den Blick der Kinder auf Kunst und welche didaktischen Elemente zielführend sind, um ihnen Kunst nahezubringen.“ Über den langen Zeitraum kann das Team erkennen, wie sich die Kinder weiterentwickeln, eigene Interesse und eigenen Stil entdecken. Oft schauen sich die Kinder ihre Bilder aus vergangenen Jahren an, reflektieren und vergleichen. Ein Ergebnis: „Schon früh entwickeln Kinder eigene bildnerische Konzepte – sie haben Interessen, Strategien beim Betrachten, Vorlieben in der Auswahl von Bildern und ein oft unausgesprochenes Wissen darüber, wie Zeichnen und Gestalten funktioniert,“ betont Uhlig. „Außerdem zeigt die Forschung, wie sehr andere Kinder, positive Resonanzen und offene, vielfältige Bildkulturen das Lernen mit und durch Bilder stärken.“ Und das nachhaltig: Uhlig hält den Kontakt zu ehemaligen Bilderstudio-Kindern, die erzählen, dass die Erfahrungen im Sehen und Gestalten von Bildern sie gestärkt haben und auch weiterhin eine große Rolle in ihrem Alltag spielt.
Nun ist erstmal Pause im Bilddidaktischen Forschungsstudio – bis zum Start des Sommersemesters. Die Werke der Kinder bleiben im Studio, die Begleitforschung ruft. Die bunten Elefanten-Nashörner werden den Eltern übergeben, die zum Abholen vorbeischauen, sie dürfen direkt mit in ihr neues Zuhause.
Weitere Informationen zum Bilderstudio gibt es hier.