Bildungswege nach der Flucht – Jahreskonferenz am Zentrum für Bildungsintegration

Dienstag, 19. April 2016 um 18:10 Uhr

Auf der Jahreskonferenz des Zentrums für Bildungsintegration der Uni Hildesheim befassen sich Fachleute mit Bildungswegen von geflüchteten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Professorin Viola B. Georgi kritisiert die unzureichende Datenlage, die aber für eine vernünftige Bildungsplanung dringend notwendig sei. „Wir wissen zum Beispiel gar nicht, was die Willkommensklassen wirklich leisten.“

Die Flüchtlingsbewegung hält Europa in Atem. Mehr als eine Million Menschen suchen derzeit in Deutschland Schutz vor Krieg, Armut und Verfolgung. Schätzungen gehen davon aus, dass knapp die Hälfte der Menschen, die derzeit nach Deutschland zuwandern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind. Sie müssen nicht nur untergebracht und versorgt werden, ihnen ist auch eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Dabei spielt die Frage der Integration durch Bildung eine Schlüsselrolle.

Die Integration der jungen Geflüchteten entsprechend ihrer Altersgruppen, Bildungsetappen und Bildungsvoraussetzungen in die jeweiligen Bildungsinstitutionen verläuft noch nicht zufriedenstellend. Bemängelt werden unter anderem begrenzte schulische Ressourcen, unterschiedliche Beschulungsmodelle für Neuzugewanderte in den Bundesländern, fehlende Konzepte und Bildungsmaterialien sowie akuter Lehrkräftemangel.

Kindertageseinrichtungen fordern zudem psychologische Beratung und Dolmetscherdienste. Hochschulen, die sich darum bemühen, Geflüchteten Zugänge zum Studium zu eröffnen, ringen mit bürokratischen Barrieren.

Die Konferenz „Nach der Flucht: Bildungspartizipation neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher“ (am 22. April 2016 an der Universität Hildesheim) führt bisherige Bedarfsanalysen, Strategien und Modelle zur Bildungspartizipation geflüchteter Kinder und Jugendlicher zusammen. Ausgangspunkt ist eine Bestandsaufnahme der Bildungssituation von der Kita bis zur Hochschule. Fachleute aus Wissenschaft, Praxis und Bildungspolitik diskutieren, welche nächsten Schritte erforderlich sind, um das Recht auf Bildung einzulösen.

Die Konferenz wird von der Bertelsmann Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration gefördert. Die Konferenz ist damit auch ein Beitrag zum Themenjahr „Teil haben, Teil sein: Partizipation in der Einwanderungsgesellschaft“ der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Staatsministerin Aydan Özoğuz: „Das Themenjahr soll weitere Impulse für eine bessere Teilhabe für alle Menschen, die in Deutschland leben, geben. Seit Monaten erleben wir eine überwältigende Hilfsbereitschaft für Menschen, die in unserem Land Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen. Nachdem in den letzten Monaten hauptsächlich Fragen der Unterbringung im Fokus standen, müssen wir jetzt noch viel mehr auf Integration setzen. Gerade bei der Einbindung neu-zugewanderter Kinder und Jugendliche in Kitas und Schulen dürfen wir keine Zeit verlieren. Hier zeigen sich in der Praxis je nach Bundesland große Unterschiede. Eines wird deutlich: Interkulturelle Vielfalt als gesellschaftliche Normalität funktioniert nur mit Personal, das für diese Aufgabe gut vorbereitet wurde. Ich freue mich, diese Konferenz zu unterstützen und hoffe auf wichtige Anregungen für alle Akteure im Bildungsbereich.“

Die Konferenz ist öffentlich. Um Anmeldung bis zum 8. April 2016 wird gebeten.

Mehr Infos: Jahreskonferenz: Programm und Anmeldung

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)

Nachgefragt bei Prof. Viola B. Georgi, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Hildesheim

Nach der Flucht: Etwa 340.000 Kinder und Jugendliche sind in den vergangenen Monaten in Deutschland angekommen. Was sind die ersten Schritte im deutschen Schulsystem?

Viola Georgi: Die Wege für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche sind sehr unterschiedlich: Es gibt Schulen, an denen die Kinder sofort in Regelklassen aufgenommen werden. Es gibt Schulen, wo die Kinder nur in ausgewählten Fächern, etwa Sport und Kunst, am Regelunterricht teilnehmen, sonst aber separaten Unterricht erhalten. Und es gibt Schulen, in denen die Kinder zunächst ganz separat unterrichtet werden. Die Bezeichnungen von gesonderter Beschulung variieren von Bundesland zu Bundesland. Während man in Nordrhein-Westfalen von Vorbereitungsklassen und in Hessen von Intensivklassen spricht, haben wir in Niedersachsen den Begriff der Sprachlernklassen. Er fasst m.E. am besten, worum es zunächst geht, nämlich den Erwerb und die Förderung der deutschen Sprache.  

Und danach – wie gelingt der Übergang in Regelklassen?

Georgi: Die Übergänge in die Regelklassen sind von vielfältigen Faktoren an der jeweiligen Schule abhängig: Hat die Schule überhaupt die Kapazität, neue Schüler aufnehmen? Wie gut sind die Deutschkenntnisse des jeweiligen Kindes? Gibt es in den Regelklassen Lehrkräfte, die die Sprachbildung der Kinder professionell begleiten können? Schulrechtlich betrachtet bewegen wir uns hier in einer Grauzone. Denn es gibt kaum Vorgaben für die Einrichtung von Sprachlernklassen, deren Schülerzahl, Unterrichtsinhalte und Lernziele und auch keine festen Regelungen für die maximale Verweildauer von Kindern in diesen Klassen. Deshalb gestaltet sich der  Übergang in Regelklassen von Schule zu Schule unterschiedlich. Die Schulen haben hier große Handlungsspielräume und viel Eigenverantwortung.  

Wo liegen die Schwerpunkte der Jahreskonferenz des Zentrums für Bildungsintegration?

Georgi: Es geht uns um eine dringend notwendige Bestandsaufnahme der Bildungsteilhabe neu zugewanderter Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland. Dabei diskutieren wir anhand von Fachvorträgen und in einzelnen Foren die Bildungssituation in Kita, Schule, Berufsschule und Hochschule, nehmen aber auch die Teilhabe Geflüchteter an kultureller Bildung in den Blick.
Die Bildungsintegration entlang der verschiedenen Bildungsetappen verläuft nicht nur in den einzelnen Bundesländern, sondern auch von Bildungseinrichtung zu Bildungseinrichtung höchst unterschiedlich. So hängt es derzeit vom Zufall ab, wieviel sprachliche und individuelle Förderung Geflüchtete erhalten und auf welche Unterstützungsstrukturen sie treffen. Wir müssen uns daher, etwa für das Feld Schule, über Mindeststandards verständigen: Wie viele Stunden Deutschförderung in der Woche sollten einem Kind zuteilwerden? Welche Inhalte sollten vermittelt werden? Wie lange sollten Kinder maximal in Willkommensklassen lernen? Welchen Prinzipien sollte die Gestaltung des Übergangs in Regelklassen folgen?

Wir werden auch über die völlig unzureichende Datenlage in Hinblick auf den Bildungsbedarf und die Bildungssituation geflüchteter Kinder und Jugendlicher sprechen, ohne die eine vernünftige Bildungsplanung schwierig ist. Wir wissen zum Beispiel gar nicht, was die Willkommensklassen tatsächlich leisten.

Und wir werden über die notwendigen bildungspolitischen Weichenstellungen sprechen. Die Bildungsintegration junger Geflüchteter ist eine gesamtgesellschaftliche, eine nationale Aufgabe. Denn es geht hier auch um die Bereitstellung von finanziellen Ressourcen. Bund und Länder müssen zusammenarbeiten. Das Kooperationsverbot erweist sich hier als großes Hindernis.

Ein Schulleiter einer Grundschule in Niedersachsen sagte mir neulich: „Wir sind in einer Experimentierphase, es gibt keine Patentrezepte im Augenblick. Wir gehen den bestmöglichen Weg." Die Bundesländer stellen gerade fast alle Lehrerinnen und Lehrer für Deutsch als Fremdsprache an, bieten Fortbildungen für Lehrer an. Welche Kompetenzen müssen diese Lehrer noch haben?

Georgi: Lehrkräfte spielen eine Schlüsselrolle für gelingende Bildungsintegration. Sie können ganz maßgeblich zum Wohlbefinden und zum Bildungserfolg der Lernenden beitragen. Voraussetzung dafür ist, dass sie die Potentiale, die die Heranwachsenden mitbringen, erkennen und weiterentwickeln können. Es ist daher wichtig, dass sich angehende Lehrkräfte bereits im Studium intensiv mit dem Phänomen Migration und den damit einhergehenden vielfältigen Lebenslagen, Sozialisationskontexten, Familienkulturen und Bildungsvoraussetzungen ihrer Schüler und Schülerinnen von morgen vertraut machen. Dazu gehören auch Kenntnisse über die Lebenssituationen von Heranwachsenden, die mit ihren Familien oder allein nach Deutschland geflüchtet sind. Die Einbindung von Studierenden in Bildungsprojekte für Geflüchtete ist hier eine echte interkulturelle Lerngelegenheit. An der Universität Hildesheim haben die Studierenden daher die Möglichkeit, ihr Sozialpraktikum in einer Flüchtlingsunterkunft zu absolvieren und ganz konkrete Erfahrungen im direkten Austausch mit den Menschen vor Ort zu sammeln.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Zur Person:

Wie gehen Kitas, Schulen und Hochschulen mit Vielfalt um? Prof. Dr. Viola B. Georgi ist Professorin für Diversity Education an der Universität Hildesheim und Gründungsdirektorin des „Zentrums für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften“. Zwischen 2006 und 2012 war sie Juniorprofessorin für Interkulturelle Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin. 2010 nahm sie eine Gastprofessur an der York University in Toronto (Kanada) wahr. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt und am Centrum für angewandte Politikforschung der Ludwig Maximilians Universität München tätig. Sie studierte Lehramt, Erziehungswissenschaft und Soziologie an der Goethe Universität Frankfurt, der University of Bristol (England) und der Harvard University (USA). Zu Ihren Arbeits‐ und Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem: Diversity Education, Interkulturelle Bildung, Diversity in Bildungsmedien, Holocaust Education und Demokratiepädagogik (Citizenship Education).

Worum geht’s? Kurz zusammengefasst:

Am Zentrum für Bildungsintegration arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Schwerpunkt „Bildungsteilhabe von Flüchtlingen“ zusammen. Auf der Jahreskonferenz des Forschungszentrums der Universität Hildesheim am 22. April 2016 befassen sich Fachleute mit Bildungswegen von geflüchteten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. „Wir müssen uns über Mindeststandards für Bildungsintegration verständigen", fordert die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin Prof. Viola B. Georgi. Wie viele Stunden Sprachförderung sollten Kinder mindestens erhalten? Wie lange sollten Kinder maximal in einer Willkommensklasse lernen? Georgi kritisiert die unzureichende Datenlage, die aber für eine vernünftige Bildungsplanung dringend notwendig sei. „Wir wissen zum Beispiel gar nicht, was die Willkommensklassen wirklich leisten.“


Wie gehen Kitas, Schulen und Hochschulen mit Vielfalt um? „Lehrerinnen und Lehrer spielen eine Schlüsselrolle für gelingende Bildungsintegration", sagt Professorin Viola Georgi vom „Zentrum für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften“ der Universität Hildesheim. Lehramtsstudierende begleiten seit Herbst 2015 Erwachsene und ihre Kinder, die erst seit wenigen Wochen in Deutschland leben, beim Erlernen der deutschen Sprache. Das Sozialpraktikum in einer Hildesheimer Erstaufnahmestelle ist Teil der Lehrerausbildung. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim