Ausflug in die Zukunft oder neue Gegenwart: Digitale Aussichten für Studium und Lehre

Freitag, 22. Oktober 2021 um 15:30 Uhr

Die Umstellung auf digitale Formate geschah in der Corona-Zeit schneller als erwartet und brachte für Studium und Lehre einen gewaltigen Umbruch mit sich. Inzwischen kristallisieren sich die Vor- und Nachteile etwas deutlicher heraus. Birgit Oelker, Geschäftsführerin des Zentrums für Digitalen Wandel, und Prof. Dr. Jürgen Sander, Vizepräsident für Studium, Lehre, studentische Belange und Digitalisierung der Universität Hildesheim blicken zurück – und nach vorn.

Das Projekt „Digital C@MPUS-le@rning“ hätte es vielleicht sowieso gegeben, sagt Birgit Oelker, Geschäftsführerin des Zentrums für Digitalen Wandel an der Universität Hildesheim und Koordinatorin eben jenes Projekts. „Doch die Corona-Zeit hat dafür eine ganz andere Dringlichkeit mit sich gebracht.“ Die aus Gründen des Infektionsschutzes notwendig gewordenen Konzepte, Ideen und technischen Lösungen für die Onlinelehre und das Onlinelernen erfuhren eine oft etwas überstürzte Praxis-Einführung. Sie nun noch einmal etwas intensiver auszuwerten und bewährte Modelle auf andere Bereiche übertragbar zu machen, ist der Grundansatz des Projekts. „Technische Unterstützung gibt es für viele Themen bereits, unser Fokus liegt aber vor allem auf der Weiterführung und dem Transfer der didaktischen Konzepte“, sagt Oelker.

Die „Stiftung Innovation in der Hochschullehre“ fördert die Universität Hildesheim im Programm „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“ und hat für das Projekt „Digital C@MPUS-le@rning: Implementierung und Transfer digital unterstützter Lehrformate für selbstgesteuertes, virtuellräumliches und kokreativ-kollaboratives Lernen“, so der vollständige Titel, Bundesmittel in Höhe von gut drei Millionen Euro bewilligt. Aktuell wirken 25 Personen in dem Projekt mit. Finanziell flankiert wird das Projekt durch ein ebenfalls bewilligtes Verbundprojekt niedersächsischer Hochschulen inkl. Hildesheim zur selben Ausschreibung sowie zusätzliche Fördermittel des MWK.

„Mehr als 20 Projektideen sind bei uns eingegangen, die wir untergliedert haben in die drei thematischen Säulen Self-le@rning, Virtual-le@rning und Social-le@rning“, berichtet Projektkoordinatorin Oelker. Darin spiegelt sich die komplette Bandbreite von digitalen Selbstlern-Konzepten über virtuelle Räumlichkeiten, bis hin zu Social Reading, Social Writing und dem für den fächerübergreifenden Austausch von Lernmaterialien genutzten Social Intranet.

Prof. Dr. Jürgen Sander, Vizepräsident für Studium, Lehre, studentische Belange und Digitalisierung der Universität Hildesheim ist Leiter des Projekts, und hat in der Corona-Zeit selbst Erfahrung mit der digitalen Lehre gesammelt. „Wir waren gezwungen, uns mit technischen Lösungen auseinanderzusetzen, die wir unter anderen Umständen vielleicht nicht – oder jedenfalls nicht jetzt - angegangen wären.“ Sein Zwischenfazit nach drei digitalen Semestern fällt differenziert aus. „Es gibt viele Studierende, die auf zeitlich und räumlich flexibles Lernen angewiesen sind, das betrifft zum Beispiel Studierende mit Kindern“, sagt er. Sander hält es sogar für möglich, dass eine dauerhafte Implementierung von asynchronen Formaten die Studien-Abbrecherquoten in einigen Bereichen reduzieren könnte. Aus Sicht der Dozierenden sei der Vorbereitungsaufwand für hybride Lehrveranstaltungen jedoch zumindest in der Aufbauphase für solche Formate ungleich größer als für „klassische“ Formate. „Das wird im Umfang des Lehrdeputats bisher überhaupt nicht berücksichtigt.“ Ein weiterer nicht unwesentlicher Zeitfresser: technische Probleme und Unzulänglichkeiten, die ein freies Spiel mit den vorhandenen Möglichkeiten erschweren.

„Auf hybrid umzuschalten, das geht nicht einfach nebenbei“, bestätigt auch Birgit Oelker. „Eine gute Videoaufzeichnung einer Lehrveranstaltung anzufertigen, die nicht nur live übertragen wird, sondern auch langfristig nutzbar und abrufbar sein soll, ist weder technisch noch didaktisch trivial.“ Andererseits hätten sich manche aus der Not geborenen Digital-Lösungen in der Umsetzung sogar als vorteilhaft erwiesen gegenüber reinen Präsenzformaten. Der sogenannte „flipped classroom“ beispielsweise bedeutet eine Umkehrung der Lern-Reihenfolge: Statt zunächst einem Seminar oder einer Vorlesung in Präsenz zu folgen und später zuhause die Unterlagen durchzusehen, machen es digitale Formate möglich, sich aufgezeichnete Inhalte zu einem beliebigen Zeitpunkt anzueignen, und anschließend die Präsenzzeiten für Interaktion und Austausch zu nutzen.

In seiner Vorlesung zur Zahlentheorie hat Mathematikprofessor Sander damit durchaus gute Erfahrungen gemacht: „Ab dem zweiten Corona-Jahr habe ich den Studierenden das vorbereitete Lehrmaterial vorab digital zur Verfügung gestellt, so dass die eigentlichen Vorlesungstermine für Fragen genutzt werden konnten.“ Diejenigen seiner Studierenden, die sich – begleitet von Tutorien - auf diese Selbstlernformate eingelassen haben, konnten nach Sanders Einschätzung sehr davon profitieren: „Es gab zum Teil eine richtig gute fachliche Auseinandersetzung mit dem Stoff.“ Allerdings, schränkt Sander ein, setze diese Art des Arbeitens auch eine erhöhte Selbstdisziplin voraus, die nicht jeder oder jedem liege. „Das Gefühl, alle Inhalte stehen jederzeit zur Verfügung, verleitet einige Personen dazu, sich diese erst sehr kurzfristig beispielsweise vor einer Prüfung anzusehen – und das geht in der Regel schief.“

Inwieweit die Corona-Zeit ein Ausflug in die Hochschulwelt der Zukunft war (und ist) und an welchen Stellen sich altbewährte Lehr- und Lernformate mit der Rückkehr zur Präsenz wieder durchsetzen werden, wird sich erst noch zeigen.  „Auf Dauer werden wir uns aber Gedanken darüber machen müssen, wie stark digital oder hybrid wir unsere Studiengänge künftig ausrichten wollen“, sagt Birgit Oelker.

Bis dahin aber gelte es, die bisherigen Erfahrungen durch Umfragen und Statistiken noch weiter auszuwerten, und mit etwas Abstand auf die Fakten zu blicken, sagt Vizepräsident Sander. „Wir müssen erstmal herauskommen aus der Situation, in der wir uns alle nur getrieben fühlen.“


Prof. Dr. Jürgen Sander, Vizepräsident für Studium, Lehre, studentische Belange und Digitalisierung der Universität Hildesheim, ist Leiter des Projekts „Digital C@MPUS-le@rning“. Foto: Isa Lange

Birgit Oelker ist Geschäftsführerin des Zentrums für Digitalen Wandel an der Universität Hildesheim und Koordinatorin des Projekts. Foto: Dörte Gerlach

Die „Stiftung Innovation in der Hochschullehre“ fördert die Universität Hildesheim im Programm „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“.

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