Archiv des Freien Theaters entsteht

Mittwoch, 17. Februar 2016 um 13:50 Uhr

Bundesweiter Aufruf: Welche Orte des Freien Theaters existieren? Wo wird gesammelt – und was? Eine Arbeitsgruppe aus Hildesheim und Berlin bewegt sich mit einer Studie auf den Spuren des Freien Theaters. Was bleibt, wenn die letzte Vorführung gespielt ist? Ob Videomitschnitte, Programmhefte, Requisiten oder Akten – das Team um Professor Wolfgang Schneider legt mit der bundesweiten Recherche den Grundstein für ein Theaterarchiv. Das Archiv könne eine Grundlage für weitere künstlerische Arbeiten bilden, sagt der Kulturpolitikforscher der Universität Hildesheim.

Was bleibt, wenn die letzte Vorstellung gespielt ist? Der Kulturforscher Henning Fülle, die Archivmitarbeiterin Christine Henniger und der Hildesheimer Professor Wolfgang Schneider wollen mit einer bundesweiten Studie den Grundstein für ein Archiv des Freien Theaters legen. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Mit einer bundesweiten Studie legen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Hildesheim und Berlin den Grundstein für ein Archiv des Freien Theaters. Die Studie – an der ein Team um Kulturpolitikprofessor Wolfgang Schneider von der Universität Hildesheim beteiligt ist – führt erstmals das Wissen über Materialien und Dokumente der freien Theaterszene in Deutschland zusammen. Mehrere Verbände und Institutionen der darstellenden Künste haben sich darauf verständigt, ein Archiv des Freien Theaters aufzubauen.

In einem ersten Schritt sammeln die Forscher seit Oktober 2015 Informationen über vorhandene Bestände – von Videomitschnitten über Akten und Programmhefte bis zu Requisiten. Der Hildesheimer Professor für Kulturpolitik Wolfgang Schneider, der Kulturforscher Henning Fülle und die Archivmitarbeiterin Christine Henniger bewegen sich auf den Spuren der Geschichte. Die Forschergruppe bittet Künstler, Institutionen und Festivals darum, „ihre Bestände zu beschreiben“, sagt Christine Henniger vom „Mime Centrum Berlin“, das zeitgenössischen Tanz und Theater dokumentiert und archiviert. So entsteht eine Landkarte. „Zunächst müssen wir überhaupt erst einmal die Standorte finden, an denen sich Materialien und Dokumente finden.“

In den 1960ern wurde Videotechnik verfügbar und bezahlbar –  die künstlerische Arbeit des Freien Theaters wurde umfangreich dokumentiert, das war eine Art „Nebeneffekt“ dieser technologischen Entwicklung, sagt Christine Henniger. Neben schriftlichen Dokumenten und Akten werden die Forscher daher vermutlich auf eine Fülle an Videobeständen stoßen – analoge und später digitale audiovisuelle „Aufschreibesysteme“.

Welche Anstrengungen leisten sich Theater in Deutschland, um Theatergeschichte zu dokumentieren? Viele Stadt- und Staatstheater verfügen über Sammlungen, die die künstlerische Arbeit dokumentieren. Daneben gibt es einige Museen, beispielsweise in München, Düsseldorf, Köln und Hannover, die den Darstellenden Künsten gewidmet sind.

Ansonsten werden Materialien und Dokumente aus Stadt- und Staatstheatern in Stadt- und Landesarchiven nach archivrechtlichen Regularien und in den Häusern selbst erfasst. „Im Bereich des Freien Theaters ist das anders, es existieren keine Institutionen, die sich der Aufgabe der Sammlung, Bewahrung und Präsentation von Dokumenten und Materialien widmen“, sagt Henning Fülle. Zwar bewahren Spielstätten und Produktionshäuser, Künstlergruppen und private Sammler Materialien in begrenztem Umfang. „Doch der Erhalt, die Sicherung und vor allem die Zugänglichkeit dieser Bestände sind in keiner Weise gesichert.“

Die Spuren des Freien Theaters befinden sich damit verstreut in verschiedenen Institutionen und privaten Sammlungen. „Theater hat Geschichte“, sagt der Kulturforscher Henning Fülle, der gerade seine Dissertation über die Geschichte des Freien Theaters am Institut für Kulturpolitik der Uni Hildesheim abgeschlossen hat. „Anders als in den Bildenden Künsten, in der Literatur, in der Bau- und Technikgeschichte ist die Bewahrung des kulturellen Erbes der Theaterkunst in Deutschland eher schwach entwickelt“, so Fülle. Den „zeitbasierten flüchtigen Charakter“ zu bewahren, sei eine Herausforderung.

„Wir wollen keinen Akten- und Videofriedhof aufbauen. Es soll ein lebendiges Archiv entstehen“, sagt Professor Wolfgang Schneider. Das Archiv könne historische Materialien bewahren und verfügbar machen sowie eine Grundlage für künstlerische Arbeiten bilden. So hat zum Beispiel die kanadische Choreographin Laurie Young das Archiv zweier Berliner Zuschauer im Stück „Korinna und Jörg“ verarbeitet. Das Paar hatte beinahe jede Tanzpremiere in Berlin der letzten 25 Jahre gesehen und Notizen zu den Stücken aufgezeichnet. Die Erinnerungen der beiden Zuschauer bilden die Grundlage für eine neue Produktion. „Im Tanz besteht die Tendenz schon länger, sich mit dem Gedächtnis, der Erinnerung an Bewegung und Inszenierung, intensiv auseinanderzusetzen“, sagt Christine Henniger.

Gesucht: Melden Sie Dokumente, Materialien, Sammlungen

Zugang zum Archiv: Wer sammelt was und wer hat darauf Zugriff? Foto: MWittenbecher

Wer über entsprechende Materialien und Dokumente verfügt, wird gebeten, sich mit Christine Henniger oder Henning Fülle möglichst per E-Mail (info@theaterarchiv.org) in Verbindung zu setzen.

Die Forschergruppe sammelt in einem ersten Schritt möglichst umfassende Informationen über vorhandene Bestände des Freien Theaters in Deutschland. Wer sich an der Studie beteiligen möchte, kann einen Fragebogen auch online ausfüllen. Man kann hier Informationen über vorhandene Sammlungen von audiovisuellen Medien (Videos, DVDs), Akten, Publikationen, Programmheften (Abendzettel), Förderanträgen, Protokollen oder Manuskripten mitteilen. Die Forscher tragen die Erkenntnisse in einer Datenbank zusammen.

Über die Studie: Archiv des freien Theaters

Das Archivprojekt möchte die Leistung und die Ästhetik der Freien Theater sichtbar machen und dazu beitragen, dass Theaterschaffende die eigene Geschichte reflektieren können. Das Archiv soll performancebasierte Produktionsweisen genauso einschließen wie dokumentarische Praxis, textbasiertes Spielen und Bildertheater. Theater ist beweglich und ebenso beweglich soll das Archiv sein, so der Anspruch des Dokumentationsprojekts. Das Archiv soll ein Ort sein, „der Baustelle bleibt, immer im Entstehen“ und ist ein „Ort des kollektiven Gedächtnisses“ sowie ein „digitaler Speicher im Internet, der Verbindungen zeigt“.

Das Forschungsprojekt „Performing the Archive – Studie zur Entwicklung eines Archivs des Freien Theaters" wird von einem Arbeitskreis getragen, in dem der Bundesverband Freie Darstellende Künste, das Internationale Theaterinstitut Deutschland (ITI Germany) mit dem Mime Centrum Berlin, der Dachverband Tanz Deutschland, das NRW Kultursekretariat mit dem Impulse Theater Festival sowie das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim zusammenwirken. Gemeinsam arbeiten sie an einem Bestandsüberblick über die Sammlungen und Materialien des Freien Theaters. Die Studie wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Bundesländern Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Sachsen und der Stiftung Niedersachsen.

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)