Arbeiten mit Kind

Montag, 27. April 2015 um 15:18 Uhr

Das ist hier nach wie vor die Uni-Welt, sagt Felix Hahne. Auf dem Schreibtisch des Wissenschaftlers entdeckt man statt Familienfotos Ordner, Mappen und Computer. In der Lehre setzt er sich für eine familiengerechte Hochschule ein und nimmt auf Lebenslagen von studentischen Eltern und Alleinerziehenden Rücksicht, etwa als Praktikumsbeauftragter der IT-Studiengänge. Ein Einblicke in den Alltag des Wissenschaftlers und Familienvaters.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Wissenschaftler aus?

Ich habe heute einen Teil meiner Arbeitszeit dafür verwendet, mich auf die Vorlesung vorzubereiten, um 10:00 Uhr geht es um Online-Befragungen. Außerdem steht eine Übungsgruppe „Grundlagen der BWL“ an, hier stimme ich mich mit meinen studentischen Hilfskräften ab, bereite Folien vor. Dann gibt es „Verwaltungskrams“, organisatorische Dinge. Studierende fragen mich, wie sie sich zur Klausur anmelden können. Ich bereite das „Speed-Dating“ nach. Dabei kommen Unternehmen aus der Region und IT-Studierende zusammen, die einen Praktikumsplatz suchen. Die Unternehmen sind sehr unterschiedlich – vom Entwickler von Lernsoftware bis zum Großhändler für Elektronikbauteile, vom Energieversorger bis zum Informationssystemhersteller. Hier sind viele Abstimmungen mit den  Unternehmensvertretern aus Personal- und Fachabteilungen notwendig. Für unsere Studierenden ist das eine Chance, den passenden Praktikumsplatz zu finden, zum Beispiel um Studienkenntnisse rund um Programmierung und Software im Arbeitsalltag einmal anzuwenden.

In der Forschung befasse ich mich mit betriebswirtschaftlichen Informationssystemen, Marktforschung und Logistik, ich bin Mitglied der Arbeitsgruppe von Professor Klaus Ambrosi. Nehmen wir als Beispiel einmal die Befragungen: Ich untersuche, inwieweit man Online-Befragungen als Instrument der Marktforschung anwenden kann. Sie nehmen einen immer größeren Anteil unter den Befragungen an, mittlerweile etwa ein Drittel. Papierbefragungen kann man nicht eins zu eins in Online-Befragungen übertragen, man muss das mediengerecht gestalten. Die Verknüpfung von Technik und Betriebswirtschaft ist mein Gebiet.

Wie sieht denn ihr Arbeitsalltag als Familienvater aus?

Ich bin zweifacher Vater, meine Tochter ist fünf Jahre, mein Sohn eineinhalb. Dass ich Vater bin, hat sich auf mein Arbeitsleben, die Zeit, wo ich an der Universität im Büro oder Hörsaal bin, gar nicht so sehr ausgewirkt. Das ist hier nach wie vor die Uni-Welt, zu Hause ist die Zu-Hause-Welt. Manchmal sagt meine Lebensgefährtin: „Jetzt darfst du wieder zur Arbeit“. Sie beneidet mich manchmal schon um den Arbeitsalltag, sie ist derzeit komplett zu Hause. Der Unterschied ist: Zu Hause ist es viel weniger erholsam als früher, seitdem das zweite Kind da ist, bemerke ich die Belastung, in einigen Phasen bin ich weniger konzentriert – das ist der Schlafmangel bei einem kleinen Kind.

Aber ist es nicht auch sehr schön zu wissen: Da komme ich zurück, zur Familie?

Ja sicher, da freue ich mich, nicht nur ein großer, sondern auch zwei kleine Menschen begrüßen mich, wenn ich von der Arbeit komme.

Die Universität ist im audit familiengerechte Hochschule zertifiziert. Wie sieht das in Ihren Seminaren aus – achten Sie darauf, dass Kinder auch mit zur Studierendenwelt gehören?

Eindeutig – die Sensibilisierung für Problematiken und Begleitumstände, die eben kommen, wenn man Familienvater ist oder alleinerziehend ist, ist noch viel stärker da als früher. Ich bin relativ spät Familienvater geworden, mit 42 Jahren. Ich hoffe, dass ich früher nicht einmal einen blöden Spruch einem jungen Vater oder einer jungen Mutter gegenüber gemacht habe. Man kann den Alltag mit Kind erst nachvollziehen, wenn man das erlebt. Ich habe heute mehr ein offenes Ohr, höre genauer hin. Ich bin Praktikumsbeauftragter an der Universität für die IT-Studiengänge „Wirtschaftsinformatik“ und „Informationsmanagement und Informationstechnologie“. Ich habe hier einen Ermessungsspielraum, was Ausnahmegenehmigungen angeht. Normalerweise sollen all unsere Studentinnen und Studenten ihr Praktikum in einem der 30 regionalen Partnerunternehmen der Universität in Hildesheim machen. Sie erhalten in dieser Zeit wichtige Praxiseinblicke, häufig entstehen darauf aufbauend weitere Projekt- und Abschlussarbeiten oder studienbegleitend flexible Arbeitsverhältnisse. Das Praktikum umfasst zehn Wochen Vollzeit, fünf Tage die Woche in der vorlesungsfreien Zeit. Man kann hier splitten und weniger Tage pro Woche über einen längeren Zeitraum im Unternehmen verbringen. Ein Beispiel: Eine Mutter, die derzeit bei uns studiert, wohnt in Braunschweig und kann die Kinderbetreuung, das Abholen der Kinder u.ä. nicht organisieren, wenn sie das Praktikum nicht vor Ort in Braunschweig absolvieren kann. Wenn Studierende ein Vollzeitpraktikum in der Region Hildesheim nicht neben ihrem Erziehungspart schaffen, dann erhalten sie eine Ausnahmegenehmigung. Das kann ich als Vater nun deutlich besser nachvollziehen. Wir können nicht alle Studierenden mit dem gleichen Maß messen, wir haben Studierende aus dem Ausland, mit besonderer familiärer Situation oder Studierende, die die deutsche Sprache noch nicht so gut sprechen. Wir müssen Augenmaß bewahren und darauf Rücksicht nehmen, sie unterstützen in ihrem Studienweg.

Familiengerechte Hochschule ist ein großer Begriff, der im Alltag gelebt werden muss. Gremienzeiten liegen zum Beispiel in bestimmten familiengerechten Zeiträumen. An welchen Stellschrauben sollte die Universität aus Ihrer Sicht noch drehen?

Ich habe den großen Vorteil als Familienvater, ich habe einen Arbeitsplatz ohne Anwesenheitspflicht. Ich bin flexibel in meinen Randarbeitszeiten. Mein Kind ist krank, ein Sondertermin beim Kinderarzt – dann kann ich relativ einfach dies organisieren und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meiner Arbeitsgruppe am Institut zeigen Verständnis. Auch was die Urlaubszeiten angeht. Neulich hatten wir eine Gremiensitzung, die erst um 17:00 Uhr begann und sich in die Länge zog. Um 18:50 Uhr habe ich signalisiert, ich müsse nun nach Hause – alle Sitzungsteilnehmer haben Verständnis gezeigt. Weitere Bausteine der Uni – etwa den Familienraum – nutze ich nicht, aber es ist gut zu wissen, dass es diese Angebote gibt.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Familiengerechte Hochschule

Die Universität Hildesheim hat sich nach der erfolgreichen Auditierung seit 2008 erneut für das Zertifikat familiengerechte Hochschule beworben. Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Studium, Beruf, Pflege und Familie werden regelmäßig begutachtet und weiterentwickelt. So wurde zum Beispiel ein Familienraum am Hauptcampus für Beschäftigte und Studierende mit Kindern eingerichtet, zum Ruhen, Schlafen, Stillen, Essen und Arbeiten. Gemeinsam mit Studierenden hat das Gleichstellungsbüro den Raum mit Spielmöglichkeiten ausgestattet. Ein Schreibtisch mit Internetzugang, Fläschchenwärmer und Wickeltisch sind vorhanden. Das Sportinstitut bietet mit Lehramtsstudierenden ein Kindersportprogramm an.

Alle drei Jahre evaluieren externe Prüfer die Maßnahmen zur familiengerechten Hochschule. Eine Prüferin der Beruf und Familie GmbH führt im Februar an der Universität Interviews, um zu erfassen, inwieweit die familiengerechten Arbeits- und Studienbedingungen im Alltag angekommen sind, sagt die Projektmitarbeiterin Frauke Beuter. Hochschulmitglieder können sich an dem Re-Auditerungsprozess beteiligen und Ideen und Verbesserungsvorschläge einbringen (Termine wurden via Email verschickt). Informationen über das Audit familiengerechte Hochschule an der Universität Hildesheim und die aktuellen Ziele für die Jahre 2012 bis 2015 können Interessierte online auf der Seite des Gleichstellungsbüros einsehen. Bei Fragen ist Frauke Beuter gerne erreichbar (auditfgh[at]uni-hildesheim.de, 05121.883-92156).

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Recherche: Vor welchen Herausforderungen stehen Studierende, die Angehörige pflegen? Wie gehen sie mit dem Thema um, auf welche Unterstützung greifen sie zurück? Für einen Beitrag über Studium & Pflege sucht die Pressestelle derzeit eine Studentin/einen Studenten oder eine Wissenschaftlerin. Interessierte können sich unter 05121.883-90100 oder presse@uni-hildesheim.de melden.


Wir können nicht alle Studierenden mit dem gleichen Maß messen, wir haben Studierende aus dem Ausland, mit besonderer familiärer Situation oder Studierende, die die deutsche Sprache noch nicht so gut sprechen. Wir müssen Augenmaß bewahren und darauf Rücksicht nehmen, sie unterstützen in ihrem Studienweg, sagt Felix Hahne. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik an der Universität Hildesheim – und Familienvater. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim