Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Maike Gunsilius: „Theater für und mit Kindern und Jugendlichen. Künstlerische und demokratische Praxis"

Dienstag, 01. November 2022 um 16:55 Uhr

Prof. Dr. Maike Gunsilius ist seit Oktober 2020 Professorin für Ästhetik des Kinder- und Jugendtheaters am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur an der Universität Hildesheim. Am Mittwoch, 9. November 2022 ab 18 Uhr hält sie ihre Antrittsvorlesung in der Aula (Raum 50/302) auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg.

Maike Gunsilius befasst sich mit theatertheoretischen und -praktischen Fragen rund um das Theater für ein junges Publikum sowie der Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind experimentelle und performancebasierte zeitgenössische Formen des Kinder- und Jugendtheaters, relationale Dramaturgien sowie Theater als Forschung mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

In den letzten beiden Jahrzehnten sind im Kinder- und Jugendtheater zunehmend experimentelle Ansätze und Praktiken des intergenerationalen Forschens entwickelt worden. Die Wissenschaftlerin geht der Frage nach, wie Mittel, Verfahren und Formate des Theaters so eingesetzt werden, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene gemeinsam an gesellschaftlichen Fragestellungen forschen können. Ähnlich wie in Ansätzen der Aktionsforschung geht es darum, Settings und Prozesse zu entwickeln, in denen auch Menschen an Forschungsprozessen beteiligt sein können, die keinen akademischen Hintergrund haben. Am 19. und 20. November, dem Tag der Kinderrechte, veranstaltet das Netzwerk für Forschung im Theater für junges Publikum in Kooperation mit der Universität Hildesheim im Fundus Theater/Forschungstheater eine Tagung zur Frage: Welchen Beitrag kann Forschung im Theater für junges Publikum leisten und was braucht sie dafür?

„Hildesheim hat meinen beruflichen Weg geprägt“, sagt die Kulturwissenschaftlerin, Dramaturgin und Performancemacherin zurückblickend. Studiert hat sie Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Stiftung Universität Hildesheim und Theatre am Dartington College of Arts in England. Besonders die wechselseitige Bezugnahme zwischen Theorie und Praxis, die die kulturwissenschaftlichen Studiengänge in Hildesheim prägt, hat sie seit Studienzeiten immer begleitet.

„Nach dem Studium hatte ich zunächst den großen Wunsch, in die Praxis zu gehen“, erinnert sich Maike Gunsilius. Sie arbeitete zunächst als Dramaturgin an Stadttheatern und in freien Projekten. Dabei interessierte sie zunehmend eine „kollaborative Zusammenarbeit mit Menschen, die keine künstlerischen Berufe oder Erfahrungen haben, also mit Expert*innen des Alltags“. In solchen Formen der Zusammenarbeit, zum Beispiel in theatralen Stadtprojekten, zeige sich immer wieder, welche unwahrscheinlichen neuen Räume der Begegnung und Kommunikation Theater- und Performance macher*innen durch ihre Expertise in der Organisation partizipativer Prozesse eröffnen können. Zugleich werde dabei aber auch immer wieder deutlich, dass der Kulturbetrieb „ein exklusiver Raum mit hoher Zugangsbeschränkung“ sei, auch im Kinder- und Jugendtheater.

Deshalb ging sie wissenschaftlich der Frage nach: Wie kann es gelingen, dass Theaterarbeit sich weiter öffnet? Wie können Kinder und Jugendliche als junge Bürger*innen Theater als einen Raum und eine Praxis erleben, in der sie ihre Fragen und Wünsche künstlerisch bearbeiten können? Gemeinsam mit Mädchen und Frauen untersuchte sie in künstlerischen Forschungsprojekten, wie Mädchen und Frauen sich heute als Bürgerinnen in unsere postmigrantische Gesellschaft einschalten und wie sie Theater- und Performance dafür nutzen können und wollen. Dabei zeigte sich, dass etablierte Formen, die stark auf die frontale Performance und das öffentliche Sichtbarwerden des Subjekts setzen, nicht nur selbstermächtigendes Potenzial bieten, sondern auch in problematische Ordnungen eingebunden seien.

Eine Herausforderung der Theaterpraxis mit Kindern und Jugendlichen sei es, so die Kulturwissenschaftlerin, dass „Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit stark aufgefordert sind, zu performen – und zwar erfolgreich zu performen“, beispielsweise durch Self-Performances in sozialen Medien oder vor Erwachsenen in der Schule. „Theater(pädagogische) Arbeit hat den Anspruch, einen solchen gesellschaftlichen Imperativ zur erfolgreichen Performance des Subjektes kritisch zu bearbeiten. Zugleich befinde sie sich jedoch in dem Dilemma, ihn oft – unfreiwillig – zu bedienen und dabei auch noch gesellschaftliche Stigmatisierungen zu reproduzieren“, betont Maike Gunsilius. Sie hat in diesem Zusammenhang eine relationale dramaturgische Praxis als Stellschraube dafür herausgearbeitet, Theater- und Performancesettings so zu bauen, dass darin Verhältnisse künstlerisch bearbeitet und ausgehandelt werden können: Verhältnisse zwischen Kindern und Erwachsenen und weitere gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse, die das Leben von Kindern und Jugendlichen bestimmen.

Stationen in Wissenschaft und Praxis

In den Jahren 2015 bis 2017 hat Maike Gunsilius als Stipendiatin des Graduiertenkollegs „Performing Citizenship“ in Hamburg zum Thema „Dramaturgien postmigrantischer Performance – Citizenship in kultureller Bildung und künstlerischer Forschung“ promoviert. Von 2019 bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Participatory Art-based Research“, das Formate partizipativer künstlerischen Forschung untersucht.

Davor hat sie als Dramaturgin und Performancemacherin an Stadttheatern unter anderem in Basel, Frankfurt, Hamburg sowie in freien Theater- und Performanceprojekten und in Schulen gearbeitet. An der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, der Universität Hamburg sowie der Fachhochschule Dortmund und weiteren Hochschulen hat sie Dramaturgie, partizipative Theaterformen und Theater als Forschung gelehrt.

Ihr Interesse für Theater wurde „ganz klassisch“ in der schulischen Theatergruppe geweckt. Schule ist für sie „die Öffentlichkeit für Kinder und Jugendliche, und zwar für alle“. Sie sei ein zentraler Raum, in dem Kinder und Jugendliche – neben ihrem Elternhaus – die Welt entdecken, sich darin erfahren und als Bürger*innen sozialisiert werden. Ein Anliegen ist ihr deshalb, die Rolle der künstlerischen Fächer darin zu stärken. Theater ist für sie Bildung, Partizipation und demokratische Praxis.

Umso wichtiger sei ihr, dass die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, die insbesondere während der Pandemie zu lange zu wenig berücksichtigt worden seien, angesichts sich überlagernder und verstärkender Krisen gesellschaftlich Gehör und Beachtung fänden.  Kinder- und Jugendliche haben nach der UN-Konvention über die Rechte des Kindes u.a. ein Recht auf Kulturelle Teilhabe, auf Bildung, auf Meinungsfreiheit und die Berücksichtigung des Kindeswillens. Das Kinder- und Jugendtheater sei ein wichtiger Raum für die Ausübung dieser Rechte und eine Praxis des künstlerisch eingerichtetetn transgenerationellen Dialogs über aktuelle Herausforderungen des Zusammenlebens in der Welt. Für die Zukunft gehe es darum, das Kinder- und Jugendtheater auch finanziell abzusichern als eine künstlerische und demokratische Praxis.

 

 

 


Kehrt als Lehrende an ihren Studienort zurück: Maike Gunsilius, Professorin für die Ästhetik des Kinder- und Jugendtheaters. Foto: Thomas Krätzing