„Angehörigenpflege gleicht dem Management eines Familienunternehmens“ – Zukunfts-Mitmach-Konferenz setzt Impulse
Dienstag, 17. März 2026 - 09:27 Uhr
5,7 Millionen. So viele pflegebedürftige Menschen leben laut aktueller Pflegestatistik in Deutschland. Tendenz steigend. Die Unterstützung im Alltag übernehmen oftmals Angehörige, trotz Berufstätigkeit oder anderweitiger familiärer Verantwortung wie der Betreuung von Kindern - oftmals trotz räumlicher Distanz zwischen den Wohnorten. 86% der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause versorgt. Diese Situation stellt für viele Familien eine erhebliche Doppelbelastung dar.
Um die oftmals unsichtbare Leistung dieser Angehörigen stärker in den Mittelpunkt zu rücken, widmete sich die Zukunfts-Mitmach-Konferenz von Universität und Landkreis Hildesheim ihrer Perspektive. Ziel der Veranstaltung war es, die Bedeutung ihres Beitrags sichtbar zu machen, Aufmerksamkeit für die spezifischen Herausforderungen dieser Personengruppe zu schaffen und sowohl Angehörigen als auch beruflichen Akteur*innen konkrete Impulse für ihren Alltag und ihr Handeln zu geben.
„Wie viele pflegende Angehörige es in Deutschland genau gibt, ist nicht statistisch erfasst,“ erklärt Prof. Dr. Anne Meißner von der Abteilung IT für die sorgende Gesellschaft der Universität Hildesheim, Ideengeberin und Mit-Organisatorin der Veranstaltung. „Pflegende Angehörige sind all jene, die eine nahestehende pflegebedürftige Person regelmäßig unterstützen. Was sie leisten und was das für sie bedeutet, wird viel zu oft übersehen.“ Einkaufen, kochen, putzen, Regelung finanzieller Angelegenheiten, Unterstützung bei der Körperpflege oder Mobilität, Praxisbesuche, Medikamentenmanagement und nicht zuletzt emotionale Unterstützung sind nur Teile der Pflegearbeit. „Der Alltag pflegender Angehöriger gleicht dem Management eines kleinen Familienunternehmens,“ so formuliert es passend eine Teilnehmende der Zukunfts-Mitmach-Konferenz. Mit der Pflege Angehöriger einhergehende Herausforderungen erstrecken sich von Überlastung und Isolation über die Gefährdung der eigenen Gesundheit bis zu sozioökonomischen Risiken zum Beispiel durch Arbeitszeitreduktion im eigentlichen Beruf. „Pflegende Angehörige sind das unsichtbare Fundament der Versorgung. Sie leisten enorm viel und viel zu oft weit über ihre Kraft hinaus. Ohne ihre Sorgearbeit wäre das regionale Pflegesystem nicht tragfähig. Doch viel zu viele von ihnen arbeiten an der eigenen Belastungsgrenze, ohne gesellschaftliche Anerkennung, mit hohen emotionalen, sozialen und gesundheitlichen Kosten.“
Veränderung beginnt bei mir
Bei der Zukunfts-Mitmach-Konferenz nahmen rund 55 Personen, darunter pflegende Angehörige und verschiedene Akteur*innen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, die Perspektive der Angehörigen ein. Neben Impulsvorträgen und der Vorstellung von Unterstützungsangeboten in Stadt und Landkreis Hildesheim standen Mini-Workshops und Diskussionsrunden auf dem Programm. „Die interaktiven Gruppenarbeiten haben die pflegenden Angehörigen mit ihren Sorgen und Bedürfnissen in den Mittelpunkt gestellt,“ betont Meißner. Viel zu oft vorherrschender Gedanke: Ich kann nichts an der Situation ändern. „Diese Handlungsohnmacht wollten wir im gemeinsamen Austausch aufbrechen. Denn auch wenn sich an Fachkräftemangel und demografischer Entwicklung nicht allein etwas ändern lässt, kann doch jede*r etwas finden, worauf sie*er selbst Einfluss hat.“ Dazu gehören das Bewusstmachen der eigenen Situation, die Achtsamkeit gegenüber den eigenen Bedürfnissen oder das Hilfeholen. Für Profis im Gesundheits- und Sozialwesen bedeute das, pflegende Angehörige stärker in den Fokus zu rücken, Entlastungsangebote niedrigschwelliger und alltagsnaher zu gestalten sowie in der Kommunikation wertschätzend zu agieren. „Veränderung ist möglich, wenn alle die eigenen Einflussmöglichkeiten erkennen und nutzen.“
Am Ende des Tages konnten die Teilnehmenden wertvolle Impulse mit nach Hause nehmen. Das Schaffen von verlässlichen Routinen, der Blick für die Selbstfürsorge und der Zugang zu Unterstützungsangeboten waren nur einige der genannten Ansätze. Die Teilnehmenden betonten insbesondere auch die Bedeutung des Austauschs und des wechselseitigen Verständnisses. Das Bewusstmachen gemeinsamer Herausforderungen und das Kennenlernen neuer Unterstützungswege wurden als Gewinn wahrgenommen: „Durch den Erfahrungsaustausch sehen viele, dass sie mit ihren Fragen und Sorgen nicht allein sind“, so Meißner.
Die Abteilung IT für die sorgende Gesellschaft der Universität Hildesheim will hier weiter gemeinsam ansetzen: „Ziel kommender Initiativen bleibt es, noch mehr Menschen für Austausch, Vernetzung und konkrete Unterstützung zu gewinnen, um pflegende Angehörige im Alltag wirksam zu entlasten und eine soziale, sorgende Gesellschaft zu stärken.“